
Eine Frage des Timings: Angesichts der überschaubaren Nachfrage und strauchelnder Wiederverkaufswerte bei teuren und starken Elektroautos sowie des Comebacks des V8 kommt das elektrische AMG GT 4-Türer Coupé überraschend. Und beeindruckt technisch auf allen Ebenen.
Überblick


AMG-Elektro-Premiere sorgt für starke Reaktionen
Wenn man sich den einen oder anderen Social-Media-Kanal reinzieht, wird einem erst bewusst, welch emotionale Reaktionen eine Traditionsmarke wie AMG hervorrufen kann. Auch wenn die erste Generation des GT 4-Türers nicht ganz ohne Fragezeichen passierte (damals war schließlich noch der CLS 63 ein Thema, auch so ein ähnliches Viertür-Coupé mit V8) kann eine Marketing- und PR-Abteilung wohl nichts darauf vorbereiten, was nach der Enthüllung des ersten Serien-E-Autos von AMG auf der Sixth Street Bridge in Los Angeles online los war: starke Meinungen.
Obwohl Mercedes eine kaum vorstellbare Armada an Content-Creators und Influencern über dem L. A. River zusammentrommelte, um für gute Stimmung zu sorgen. Obwohl Toto Wolff mit seinen zwei Schützlingen Kimi Antonelli und George Russell unterstützend anwesend war.
Dazu Brad Pitt, der eben noch die Hauptrolle im F1-Film spielte. Und mit Blink 182, den Rock-Stars der Jahrtausendwende, sogar eine prestigeträchtige Liveband spielte. Obwohl auf der Brücke die verrückte Beschleunigung von 1169 Elektro-PS für ausgewählte Celebritys erlebbar gemacht wurde. Als müsste man da noch jemanden überzeugen, aus dem rollenden Start gibt Mercedes an: 0 auf 100 km/h in nur 2,1 Sekunden, 200 km/h in 6,4 Sekunden. Das ist für einen viertürigen GT eher stark.


Das Cockpit wurde tendenziell nach dem Motto „Evolution statt Revolution“ gestaltet und natürlich ist das gesamte Armaturenbrett von insgesamt drei Bildschirmen abgedeckt, der Emotionalität wegen. Die Teile für die Sitzverstellung in den Türen wirken etwas verloren, immerhin sind sie von so einer Art Rauten umgeben.
© Andreas RiedmannDesign und künstlicher V8-Sound polarisieren
Und wo liegt jetzt das Problem? Enttäuschung entsteht durch nicht erfüllte Erwartungen. Die Empörung von Teilen der Autofreaks basiert auf dem als kontrovers empfundenen Design, vor allem im Vergleich zum Vorgänger, der insgesamt deutlich traditioneller und gefälliger wirkte.
Dass viele Hardcore-AMG-Fans nicht zwingend eine große Anziehungskraft zu Elektromotoren verspüren, ist anzunehmen. Aber hier kommt noch der Umstand verschärfend hinzu, dass dieses Auto nicht nur das AMG-Wappen mit Nockenwelle, Ventil und Ventilfeder auf dem Deckel vorne trägt, der zuletzt als Motorhaube diente, sondern auch noch künstlich den Klang des identitätsstiftenden V8 per Lautsprecher nach innen und außen schießt: Im Modus AMGFORCE Sport+ werden über 1600 in Echtzeit gemischte Soundfiles mit virtuellen Gangwechseln, Anzeige-Logik und haptischer Rückmeldung im Sitz kombiniert. Der Aufwand zeigt, wie wichtig AMG der emotionale Brückenschlag vom Elektroantrieb zum geliebten V8-Verbrenner ist.
Aber feiert der nicht ein Comeback, siehe neu entwickelter V8-Motor für die S-Klasse? Ja, das tut er – und er wird seinen Weg in die zukünftigen Produkte von AMG finden. Das hier ist einfach eine Alternative für alle, die jetzt elektrisch fahren wollen.
Große Inszenierung trifft auf Motorsporttechnik
Irgendwie ist diese Sache mit der Inszenierung auch schade, weil das Engineering in den Hintergrund gerät, als müsste man von irgendwas ablenken. Vielleicht von dem: Dank Motorsporttechnik soll die Performance auch im Extrembereich auf der deutschen Autobahn oder auch auf der Rennstrecke dauerhaft abgerufen werden können – wie viele dieser Elektriker sich aber dorthin verirren werden, bleibt offen und für ein Elektroauto ist das eigentlich eine Themenverfehlung. AMG, Hand aufs Herz!


Axialflussmotoren, 800-Volt-Batterie und aktive Aerodynamik
Ändert aber nichts an der Tatsache, dass der elektrische GT 4-Türer technisch faszinierend ist: Der Antrieb besteht aus drei Axialfluss-Elektromotoren in zwei kompakten Antriebseinheiten. An der Hinterachse arbeiten zwei Motoren, während an der Vorderachse ein einzelner E-Motor als bedarfsgerechter Booster zugeschaltet wird.
Die Energie dazu kommt aus einer neu entwickelten 800-Volt-Batterie, die weniger auf kurzfristige Peak-Werte als auf reproduzierbare Hochleistung ausgelegt ist. Der 106-kWh-Akku nutzt 2660 direktgekühlte Rundzellen, bis zu 600 kW Ladeleistung sollen den Sprung von 10 auf 80 Prozent in elf Minuten ermöglichen. Das ist Weltklasse. Aerodynamisch arbeitet der Viertürer mit aktivem Heckdiffusor, ausfahrbarem Spoiler, geregelten Kühlluftklappen und aktiven Venturi-Elementen im Unterboden. Effekt: ein cw-Wert von 0,22.
Feeling im Vergleich zum Porsche Taycan Turbo GT
Der Innenraum wird von Bildschirmen dominiert, Bedienelemente und Lenkrad kennt man. Und da drängt sich die entscheidende Frage auf: Kommt in einem Elektroauto AMG-Feeling auf? Und was ist das eigentlich? Im Gegensatz zu anderen Sportwagenmarken definiert sich AMG nicht primär über die Fahrdynamik, sondern über den Antrieb (wo wir wieder beim Logo wären). Ob das mit dem Einspielen von
Fake-Sound gelingt?
Das technische Layout ist bei beiden Varianten, sowohl der Version mit 816 PS wie der mit 1169 PS, gleich. Größter Konkurrent ist wohl der Porsche Taycan Turbo GT (hier im Test), der mit 1034 PS bereits seit über zwei Jahren erhältlich ist.


Autobahn als Party-Motto: Viele historische AMG-Modelle, Foodtrucks und Merchandise-Stände sowie 600 Gäste fanden den Weg nach L. A., darunter die autorevue. Die Sixth Street Bridge wurde ursprünglich in den 30er-Jahren gebaut, 2016 abgerissen und sechs Jahre später neu eröffnet.
© Andreas RiedmannZusammenfassung
Was wir mögen
Den Technologietransfer bei den E-Motoren von der Formel 1 auf die Straße.
Was uns fehlt
Die Zuversicht, dass es genügend AMGler gibt, die elektrisch fahren wollen.
Was uns überrascht
Der radikale Schnitt im Vergleich zum Vorgänger: keine Verbrenner-Option!
Die Konkurrenz
Porsche Taycan, Polestar 5.


Grundsätzlich haben wir es wie auch bisher mit einem Viertürer mit Coupé-Silhouette zu tun, sonst ist aber wenig beim Alten geblieben (zum Beispiel der Panamericana-Grill).
Daten und Ausstattung
Antrieb | 3 Axialflussmotoren, 1-stufiges Reduktionsgetriebe, 4WD. |
55 4MATIC+ | € 156.600,– 600 kW (816 PS), 1800 Nm, 0–100 in 2,8 sec, Spitze 260 km/h, Normverbr. 18,1 kWh/100 km, Reichweite 690 km. |
63 4MATIC+ | € 199.200,– 860 kW (1169 PS), 2000 Nm, 0–100 in 2,4 sec, Spitze 260 km/h, Normverbr. 18,2 kWh/100 km, Reichweite 686 km. |
Batterie/Laden | Kapazität 106,0 kWh, Ladel. AC 11, DC 600 kW. |
Dimensionen | L/B/H 5092/1958/ 1420 mm, Radstand 3040 mm, Kofferraum 400 l. |
Gewicht | 2535 kg. |
Extras | AEROKINETICS Venturi Flow € 5.220,–, AMG DYNAMIK PLUS € 5.340,–, AMG Drivers Package € 6.300,–, AMG Zierelemente Carbon € 3.540,–, Leichtbaudach in Carbon-Design € 4.800,– etc. |
Dieser Test ist in autorevue 7&8/2026 erschienen.

