
Vergangenen Herbst hatten wir die Gelegenheit, ein längeres Gespräch mit VW-Chef (damals auch noch Porsche-Chef) Oliver Blume zu führen. Dabei fragten wir ihn, warum denn der Konzern nicht auch ins Rüstungsgeschäft einsteigt, wäre doch lukrativ, und es gibt ja keine Anzeichen, dass da etwa einmal der Bedarf sinken könnte, im Gegenteil. Das schon, sagte Blume, aber bei der Vergangenheit von VW geht das nicht.
Wir hielten das damals schon für zwar berechtigte, schließlich aber nicht begründete Bedenken. Das Land ist ein anderes als vor 90 Jahren, der Konzern ist ein anderer, der Zweck der Rüstung wäre ein anderer. Und sowieso hat man ja auch schon Militär-Lastwagen im Rahmen eines Joint Ventures der Tochter MAN mit Rheinmetall hergestellt.
Ziemlich sicher hatte sich Blume schon damals längst mit dem Gedanken getragen, das Portfolio des Unternehmens zu erweitern, wenn man es so nennen will. So war es denn auch keine Überraschung, unlängst zu lesen, dass man dem Standort Osnabrück, wo heuer noch Porsches und bis nächstes Jahr VWs vom Band laufen, für danach eine Zukunft in der Rüstung verschaffen möchte.
Bei Rüstung denkt man gleich an Kanonen und Panzer, und in der Tat war der Plan, dass der Rüstungskonzern Rheinmetall das Werk übernehmen und dort einen Radpanzer bauen sollte. Das zerschlug sich Mitte März.
Schon zuvor waren Informationen aufgetaucht, dass VW in Osnabrück geheim zwei Militärfahrzeuge, einen Amarok und einen Crafter, beide militarisiert, entwickelt hätte, was aber laut VW nur eine Art „ergebnisoffene Markterkundung“ gewesen sei. Einfach nur grün lackierte VWs in Armeen, etwa in unserem Bundesheer, gibt’s sowieso schon immer. Die beiden Konzepte gehen darüber hinaus, gelten aber auf jeden Fall nicht als Waffen: Der eine könnte als Transporter eingesetzt werden, zum Beispiel für Quads, der andere als eine Art Arbeits- oder Befehlsbereich, auch als kleines, mobiles Lazarett.
Keine Waffen
Diese Philosophie kommt auch zum Tragen, wenn aus dem aktuell am ehesten erfolgversprechenden Projekt was wird, nämlich, dass VW für das israelische Rüstungsunternehmen „Rafael Advanced Defense Systems“ Teile des Luftabwehrsystems „Iron Dome“ herstellen könnte. Laut Handelsblatt würden bei diesem Deal alle der derzeitigen 2.300 Arbeitsplätze erhalten bleiben und vielleicht sogar noch neue hinzukommen, wenn man nämlich das System auch in europäischen Staaten verkaufen könnte.
In ein moralisches Thema dürfte sich VW deswegen kaum verwickeln. Die Grünen sowohl in Deutschland wie in Österreich bekennen sich zu einer europäischen Rüstung in einer Deutlichkeit, wie sie es bei Autos nie tun würden.
Und sowieso zeichnet sich ein Trend ab, welcher der neuen Normalität geschuldet ist: Autokonzerne müssen nach weiteren Ökosystemen Ausschau halten. Die französische Industrie hat im vergangenen Jahr einen Zuruf von Präsident Macron erhalten, sich für die Kriegswirtschaft zu öffnen. Renault hat schon erste Aufträge vom Staat in der Tasche, zunächst für eine Drohne und ein autonomes Fahrzeug. Vielleicht landen wir ja wieder bei integrierten Konzernen, wie das die Daimler-Benz AG von 1984 bis 1995 praktiziert hatte. Das war zwar kein Erfolg, aber damals war ja auch die Welt noch eine andere.

