Formel-1-Boliden, Motorsportlegenden und österreichische Renngeschichte: Beim zehnten Historic Minardi Day verwandelte sich Imola in ein rollendes Museum. Mehr als 20.000 Besucher erlebten 590 Fahrzeuge auf der Strecke – und ein Fahrerlager ohne große Barrieren zwischen Fans, Fahrern und historischen Rennwagen.
Formel-1-Legenden und historische Rennwagen in Imola
In der Boxengasse von Imola stehen zwei ergraute Herren beisammen, die zusammen weit mehr als ein Jahrhundert Motorsport erlebt haben. Der eine ist Gian Carlo Minardi, 79, der Gastgeber. Der andere ist Arturo Merzario, 83, mit seinem typischen weißen Cowboyhut, der an diesem Wochenende noch selbst in einen Formel-1-Alfa steigt. Das ist der Spirit der Historic Minardi Day.
Zum zehnten Mal hat die Familie Minardi am 19. und 20. September an das Autodromo Enzo e Dino Ferrari geladen. Mehr als 20.000 Besucher kamen, 590 Fahrzeuge fuhren auf der Strecke, weitere 200 bei Sternfahrt und Parade. Darunter waren 34 Formel-1-Autos, vom Ferrari 312 B2 aus dem Jahr 1971 bis zum Toro Rosso STR8 von 2013.
Minardi fuhr von 1985 bis 2005 in der Formel 1, als kleinstes Team mit dem kleinsten Budget, aber mit einem guten Blick für Talente: Fisichella, Trulli, Webber und Alonso begannen hier. 2005 übernahm Red Bull, heute heißt das Team Racing Bulls und sitzt immer noch in Faenza, eine halbe Autostunde von Imola entfernt. Der Minardi Day ist das Familientreffen dieser Geschichte.
Gefahren wird in Sessions nach Kategorien, von der Formel 1 bis zu den Tourenwagen. Es gibt keine Wertung, keine Startaufstellung, keinen Sieger. Das Fahrerlager steht allen offen, die ein Ticket haben, und viele Besitzer und Mechaniker sind für ein Gespräch zu haben.
Große Namen im Fahrerlager
Merzario war der Mann des Wochenendes. Der Italiener, 1976 einer der Fahrer, die Niki Lauda aus dem brennenden Ferrari zogen, fuhr den Alfa Romeo 179 in den Farben von Bruno Giacomelli, mit der Startnummer 23 und seinem weißen Helm. Im Fahrerlager hieß es, man müsse ihn im Auge behalten, sonst sitze er plötzlich im nächsten Cockpit. Sein eigenes Auto war auch da: die Merzario F1A3 von 1979, gebaut in der Zeit, als er seinen eigenen Formel-1-Rennstall betrieb.
Giacomelli selbst stand im Paddock und stellte seine Biografie vor. Riccardo Patrese, Vizeweltmeister 1992, drehte im Overall seiner Williams-Saison ein paar Runden und präsentierte sein Buch. Thierry Boutsen, Pierluigi Martini, Gabriele Tarquini, Luis Pérez-Sala und Luca Badoer waren da, dazu Ingenieure wie Aldo Costa und Gabriele Tredozi, die beide bei Minardi gearbeitet haben.
Eine der eindrucksvollsten Erscheinungen trug einen gelben Rennoverall. Christine Beckers (82), die Belgierin, die 1977 gemeinsam mit Lella Lombardi in Le Mans startete, war im Fahrerlager unterwegs, die Aufnäher von Daytona und Le Mans noch am Ärmel. Sie gehört zu den wenigen Frauen, die in den Siebzigern in Le Mans am Start standen.
Bei den Autos fiel ein Ferrari besonders auf: der 312 T5 mit der Nummer 2, den Gilles Villeneuve 1980 fuhr. Er war nicht nur ausgestellt, sondern fuhr auf der Strecke. Daneben standen der sechsrädrige Tyrrell P34 in der Box, die Embassy Hill GH2, die nach dem Flugzeugabsturz von Graham Hill nie ein Rennen fuhr, und Exoten wie Andrea Moda und Monteverdi.
Alfa, Delta und Prototypen
Die Tourenwagen und Sportwagen waren so zahlreich, dass man sie nicht alle aufzählen kann, und sie geben dem Minardi Day seinen italienischen Ton. Den Kern bildete die Scuderia del Portello aus Mailand mit neun Autos aus ihrem fahrenden Alfa-Romeo-Museum: eine TZ von 1964, eine GTAm von 1970, ein 2000 GT Veloce von 1972, ein 33 1.7 Quadrifoglio Verde von 1986, dazu der Raffo Tipo 12, zwei Formel-Boxer-Monoposti und ein Reynard 893 aus der Formel 3.
Jo Gartner, Helmut Kopp und österreichische Motorsportgeschichte beim Minardi Day
Im selben Rennstall lief ein Auto, das älter aussieht, als es ist: die Effeffe Berlinetta. Die Brüder Frigerio aus der Brianza bauen sie seit 2014 von Hand, mit Aluminiumkarosserie über einem Gitterrohrrahmen und einem Alfa-Romeo-Zweiliter mit zwei Nockenwellen. Das Exemplar in Imola stammt von 2018. Zwischen all den echten Rennwagen ist es ein Neubau im Geist der späten Fünfzigerjahre, und es fuhr in Imola auf der Strecke.
Für die Rallyefreunde gab es die Lancia Delta, gleich in mehreren Exemplaren. Anlass war eine Hommage an Riccardo Errani aus Faenza. Errani hat in 44 Saisonen mehr als 750 Veranstaltungen bestritten und die Delta privat weiter eingesetzt, lange nachdem Lancia sich aus dem Rallyesport zurückgezogen hatte. Am Wochenende stellte er mit dem Journalisten Sergio Remondino das Buch über seine Karriere vor, “Una Lancia nel cuore”.
Bei den Prototypen reichte die Spanne vom Lola T70 Mk3B und dem Alpine A450B über Chevron und Lucchini bis zu modernen Le-Mans-Autos von Ligier und Ginetta. Auch ein Lavaggi LS1 stand auf der Liste, ein Prototyp aus der Konstruktion von Giovanni Lavaggi, der selbst im Fahrerlager war. Die Scuderia Nuvolari Italia brachte historische GT, und bei Jaguar reichte das Angebot von der Knobbly aus dem Jahr 1958 bis zum E-Type Lightweight.
Jo Gartner: eine Karriere an einem Wochenende
Für österreichische Besucher hatte dieses Wochenende einen eigenen roten Faden, und er führt zu Jo Gartner. Drei Stationen seiner Karriere ließen sich in Imola finden.
Die erste ist ein Lola T620 aus der Formel Super V. Auf dem Cockpitrand steht „Driven by Jo Gartner 1978“. In diesem Jahr gewann der Wiener in Diepholz sein erstes Rennen. Heute wird der Wagen von einem Team aus Sachsen, unter Anderem auch bei Veranstaltungen am Red Bull Ring, eingesetzt.
Die zweite steht in der Boxengasse und heißt Arturo Merzario. 1982 kaufte sich Gartner in Merzarios Formel-2-Team ein, ein Jahr später gewann er mit einem eigenen Spirit den Formel-2-Klassiker in Pau.
Die dritte ist eine Osella FA1E. Genau mit diesem Typ gab Gartner am 6. Mai 1984 sein Formel-1-Debüt, hier in Imola. Eigentlich war das neue Turbo-Auto für ihn vorgesehen, doch nach einem Unfall beim Saisonauftakt hatte Osella nur noch einen Turbo-Wagen. Gartner musste mit dem veralteten Modell von 1983 und dessen Alfa-Zwölfzylinder antreten. Er war der neunte Österreicher in der Formel 1. Seine Sternstunde kam im September in Monza: Platz fünf, hinter Sieger Lauda, vor Gerhard Berger. Punkte bekam er dafür keine, weil Osella nur ein Auto für die WM gemeldet hatte. Es blieb das einzige Formel-1-Rennen mit drei Österreichern unter den ersten sechs. Zwei Jahre später verunglückte Gartner in Le Mans tödlich.
Ein Dallara aus Kramsach
Die zweite österreichische Geschichte beginnt mit einem Missverständnis. Der Mann, den ich im Fahrerlager für einen Mechaniker hielt, war Helmut Kopp aus Kramsach, Jahrgang 1967, österreichischer Formel-Ford-Meister 1994 und zweimaliger Vizemeister in der Formel 3. Sein Vater Fritz Kopp betrieb in den Achtziger- und Neunzigerjahren ein eigenes Rennteam.
Kopp fuhr in Imola einen Dallara F395 mit Opel-Spiess-Motor, Baujahr 1995. Das Auto hat eine Vergangenheit: 1996 gewann Andrea Boldrini damit die italienische Formel-3-Meisterschaft und bekam als Belohnung eine Rolle als Testfahrer bei Minardi. Von 1997 bis 2000 fuhr der Dallara im Fritz Kopp Racing Team, danach wurde er verkauft.
Vor rund 15 Jahren hat Kopp ihn wiedergefunden und zurückgeholt. Aufgebaut hat ihn Sam Stocker von Neuhauser Racing, den Motor hat Kopp selbst gemacht. Nach Jahren mit Beruf und Familie sitzt er seit dem Vorjahr wieder bei ausgewählten Veranstaltungen, im Cockpit.
Motorsport-Reise nach Imola: Historische Rennwagen und das Motor Valley
Auf den ersten Blick ist der goldene March 743 mit der Warsteiner-Lackierung ein Rosberg-Auto, so steht es jedenfalls auf der Seite. Tatsächlich ist es Hans Binders Wagen. Der Tiroler aus Zell am Ziller wurde damit 1974 Zweiter der deutschen Formel-3-Trophy, gefördert von Helmut Marko, im Team von Jörg Obermoser. Rosbergs Name erinnert daran, dass auch der spätere Weltmeister für dieses Team fuhr. Binder schaffte es von 1976 bis 1978 in die Formel 1 und führte danach das Holzunternehmen der Familie.
Noch zwei Jahre älter ist der Martini MK9 aus der Formel 3. Christian Holzer und sein Sohn teilten sich das Auto in Imola. Es trägt die Chassisnummer 006 und wird von einem Holbay-Ford angetrieben. 1972 fuhr der Franzose Jacques Coulon damit in der französischen Formel 3: Er gewann in Magny-Cours, beim Coupe du Salon in Montlhéry und im Oktober beim Finale der britischen Formel 3 in Brands Hatch.
Imola besuchen
Wer den Minardi Day selbst erleben will, sollte früh planen. Von Innsbruck über den Brenner sind es gut 450 Kilometer, von Wien über Villach und Udine knapp 800. Das Ticket öffnet auch das Fahrerlager, Kamera und bequeme Schuhe lohnen sich.
Rund um die Strecke lohnt sich ein halber Tag zu Fuß. Im Parco delle Acque Minerali, im Inneren des Kurses, steht die Bronzestatue von Ayrton Senna, 1997 vom Bildhauer Stefano Pierotti geschaffen. Sie blickt Richtung Tamburello, der Zaun dahinter ist voller Fahnen und Botschaften von Fans aus aller Welt. Ein paar hundert Meter weiter, gleich außerhalb des Parks, erinnert ein Denkmal an Gilles Villeneuve. Es steht nahe der Kurve, die seinen Namen trägt und in der er 1980 einen seiner spektakulärsten Unfälle hatte. An einem Wochenende, an dem sein 312 T5 auf der Strecke fuhr, ist das ein besonderer Ort.
Für Österreicher gehört ein dritter Ort dazu. Roland Ratzenberger kam am 30. April 1994 im Qualifying an der Villeneuve-Kurve ums Leben, einen Tag vor Senna. Die Tribüne an der Tosa trägt seit 2004 seinen Namen. Seit 2024 hängt dort unter seinem Foto eine Tafel mit dem Satz, der auch auf seinem Grab in Salzburg steht: „Er lebt für seinen Traum.“
Imola liegt mitten in der Motor Valley der Emilia-Romagna, dort, wo der italienische Motorsport zu Hause ist. Im Museo Checco Costa an der Strecke gibt es Ausstellungen zur Geschichte des Autodromo, Faenza, die Heimat von Minardi, ist eine halbe Stunde entfernt. In Bologna, rund 40 Kilometer westlich, zeigt Ducati in Borgo Panigale sein Museum direkt beim Werk. Nordwestlich der Stadt, in Sant’Agata Bolognese, hat auch Lamborghini sein Museum am Werksgelände.
Gut eine Stunde von Imola entfernt beginnt rund um Modena das Ferrari-Land. Das Museo Enzo Ferrari in Modena ist um das Geburtshaus des Firmengründers gebaut, das Museo Ferrari in Maranello steht gleich neben dem Werk. Wer Maserati sucht, findet in Modena die Collezione Umberto Panini. Der Unternehmer, bekannt durch die Fußballsticker, kaufte in den Neunzigern die historische Maserati-Sammlung, bevor sie versteigert werden konnte. Seit Juni 2025 ist sie an einem neuen Standort in Marzaglia zu sehen, nicht mehr auf dem Bauernhof Hombre, wie viele ältere Reiseführer noch schreiben.
Ein Tag an der Strecke und zwei, drei Tage in der Umgebung ergeben so ein volles Programm. Der nächste Minardi Day ist für 2027 angekündigt.
