„Wer früher bremst, ist weniger schnell.“ – Und wer lange Jahre nicht bremst, steht plötzlich in drei Hallen mit fast 100 Autos, die meisten davon Mercedes S-Klassen, und drumherum verschönern Automobilia Wände und Leben. Wem schwummrig wird, der kann sich in die Ledergarnitur aus dem Club 2 sinken lassen. Wer gerne was davon hätte, hat bei der Versteigerung am 7. November seine Chance.
Überblick
Hannes Daxecker und seine Mercedes-Sonderklasse-Sammlung
Hannes Daxecker nimmt nicht gerne den kurzen Weg, nur weil der bequemer und schneller zu beschreiten wäre. Der lange Weg, das weiß jeder Sammler, ist oft der schönere, erfüllendere, und er erfüllt auf jeden Fall mehr Lebenszeit und Lagerraum mit Inhalt.
Auch beim Sprechen nimmt Hannes Daxecker gerne den etwas längeren Weg. Er schmückt die Worte dann mit der exakten Bedeutung aus – statt sich mit einem simplen S-Klasse jener Abkürzung zu bedienen, die Mercedes seit Jahrzehnten in die Welt schickt, spricht er gerne von der Sonderklasse. So nämlich ist die S-Klasse von Mercedes seit jeher gemeint, und wer in eines dieser Autos einsteigt, hat meistens die Zeit und Gelassenheit, sich würdig vor dem Namen zu verneigen.
Weniger gerne verneigt sich Hannes Daxecker vor zu niedrigen Autodächern und knappen Innenräumen, weshalb er trotz des weiten Herzens des echten Sammlers im Hobby streng fokussiert blieb, wie man auch auf den Fotos sieht: Mercedes Sonderklasse und bei den Automobilia drumherum simpel alles, was gefällt.
Die Freude an niedrigen Autos musste also platonisch bleiben, weil: „Mit 1,91 Metern passt man nicht mehr in jeden Sportwagen rein, aber bei der Sonderklasse ist eine gewisse Kubatur vorhanden. Ich hab’s geschafft, die weltgrößte Sammlung von S-Klasse Limousinen und Coupés zusammenzustellen – nicht von Cabrios, wohlgemerkt!”
Fehlfarben in der Sonderklasse: Signalrot, Apricotorange und Malachitgrün
Das ist schade, weil gerade bei Cabrios die Kopffreiheit enorm ist, aber man kann ja auch eine Sonderklassen-Sammlung mit festem Dach betont freudvoll ausufern lassen: Von jeder Modellreihe, jedem Motor und von jeder Farbe ein Exemplar. Damit auch das nicht zu einfach wird, suchte der Sammler strikt nach gepflegten, unrestaurierten Autos mit dokumentierter Geschichte. Und natürlich prägt auch die eigene Jugend: „Mein Vater hatte einen W 116, die barocke S-Klasse mit den doppelten Stoßstangen. Damit hatte man es in den 70ern geschafft, und das hat mich beeindruckt.” Auch der Vorgänger W 108/109 ist gut vertreten, natürlich die späteren S-Klassen W 126 und der lange als mollig verunglimpfte, heute aber fast filigran wirkende W 140.
Bei den Farben gibt’s quer durch die Modellreihen ein paar Auffälligkeiten. Hier sieht man jene Töne, die sich in klassischen Sammlungen (Silber, Schwarz und ein paar Nuancen dazwischen) nicht so häufig finden, auch der Sammler selbst tituliert sie überraschend: „Die Fehlfarben haben mich interessiert, meine Sammlung sollte ja auch zeigen, was Mercedes mit bloßer Farbgebung zur Verkehrssicherheit beigetragen hat. Und wenn man mit einer Sonderklasse in Signalrot, Apricotorange, Cayenneorange, Malachitgrün oder Almandinrot vorfährt, dann drehen sich alle um.” Und das, ohne die Interieurs in ähnlich gewagten Farben gesehen zu haben.
Man kann diese Zuneigung zu den schreienden Farben auch aus einer anderen Richtung deuten: Beruflich ist Hannes Daxecker Sargfabrikant in Feldkirchen an der Donau, viele Bestatter kaufen bei ihm, farbenfroh wird der dienstliche Alltag damit nicht. Also dürfen wenigstens privat ein paar quietschende Farben ins Leben, jeder Blick in die Hallen liefert ein Wimmelbild bunter Lebensfreude.
Auch Freunden der Farben geht’s bald einmal wie den Einzelkindern aus reichem Haus zu Weihnachten: Nach einer halben Stunde setzt Reizüberflutung ein, man hockt sich dann irgendwo nieder und starrt auf ein reizarmes Stückerl des Fußbodens, und vor den Augen tanzen dennoch die bunten Eindrücke wie früher die Bilder im Sterngucker.
Automobilia und das Schuwerack-Geschäft: 20 bis 25 Jahre Sammelleidenschaft
Irgendwo in den Hallen wird sicher auch einer davon stehen, wir haben ihn trotz mehrerer Rundgänge nicht entdeckt. Man müsste, um alles zu sehen, ein paar Wochen durch die Hallen flanieren, sich schichtweise die Wände in die Höhe schrauben mit dem staunenden Blick des sammelnden Kleinkindes, und dann legt man die Eindrücke in ein Album, um es später einmal rauszuholen, wenn das Flimmern der geistigen Bilder nachgelassen hat.
Hannes Daxecker hat 20 bis 25 Jahre gebraucht, alles zusammenzutragen, so genau ist die Initialzündung da nicht auszumachen: „Ich war immer Aficionado gepflegten Spinnertums”, mit dem Errichten der Hallen krempelte er auch die Ärmel hoch, und was soll man sagen: Jeder Fortschritt beim Sammeln manifestierte sich in noch mehr Begeisterung beim Aufstöbern. In den Worten des Sammlers klingt das dann so: „Wer früher bremst, ist weniger schnell.”
Das stimmt, wie man sieht, und wer mehr Freunde mitmachen lässt, bringt auch mehr Dinge heim. Die hatten natürlich auch was davon, nämlich hemmungs-, aber platztechnisch folgenloses Ausleben des eigenen Sammlertriebes: Oft wurde abends losgefahren, um beispielsweise ein aufgelassenes Geschäft zu durchwühlen, spät in der Nacht war alles im Transporter, und irgendwer vom Team versammelte das ins Blut geträufelte Adrenalin, um Beute und Team nach Feldkirchen retourzulenken.
Das klappte hervorragend, jede Aufzählung wird lückenhaft bleiben: Werbeschilder, Modellautos, Fahrschuleinrichtungen, eine Bar, Filmplakate, anderes Werbematerial – und als sich in der Nähe von Frankfurt die Chance ergab, ein Denkmal von sorgsam patinierter Autozubehör-Handlung abzubauen, das Traditionsgeschäft Dipl. Ing. W. Schuwerack, „dann haben wir das nicht in einer Nacht- und-Nebel-Aktion gemacht, sondern mit fünf Lastzügen und drei Kleintransportern fünf Tage gearbeitet, um dieses Kulturgut zu retten”.
Das Geschäft ist im Oberstock einer der Hallen originalgetreu wieder aufgebaut, die originale Ledergarnitur des Club 2 steht übrigens ziemlich knapp daneben.
Auktion am 7. November: Autos, Motorräder und Automobilia
Eigentlich, sagt Hannes Daxecker, mag er über all das schon längst nicht mehr reden. Abgehakt ist abgehakt, neue Lebensabschnitte lassen zwar nicht die blühenden Interessen verdorren, aber die Hallen leeren. Hie und da tut Neuorientierung gut, und wie neu die sein wird, werden die nächsten Jahre zeigen.
Wie sehr sich andere für Teile der Sammlung interessieren, wird hingegen der 7. November zeigen. Das ist ein Samstag, der von Werktätigen gerne zur Erholung genutzt wird, zum Beispiel beim Bieten.
Bei den Auktionatoren fand sich eine hübsche Zweiteilung: Die über tausend Lots an Automobilia werden von Ni-Cola und Metropole aus Holland versteigert, um die 83 Autos und 50 Motorräder kümmert sich das Auktionshaus Humer und Granner, die Rufpreise der Autos wirken erfreulich moderat, Mindestgebot gibt’s keines. Die öffentliche Besichtigung ist für 5., 6. und 7. November angesetzt. Wer einen tragfähigen Überblick einsammeln mag, möge am besten alle drei Tage einplanen oder sich unter hg.auction/auktionen/ vorbilden.
Die Hallen werden übrigens nicht mitversteigert, das Demontieren der ersteigerten Preziosen wird wohl ein paar Wochen dauern – man steigt ja auch in der Euphorie eines frischen Zuschlags nicht einfach mirnixdirnix in die Höhe des dritten Stockwerks, um dort ein Dutzend Leuchtschilder von der Wand zu pflücken.
Wenn alle Lots abtransportiert sind, werden die Hallen noch immer Hannes Daxecker gehören und mit brüllender Leere vielleicht ein paar Flausen einflüstern. Der künftige Ex-Sammler baut sicherheitshalber schon ein bisserl vor: „Auch nach der Auktion werde ich ein Vollspinner bleiben.” Schlanker Nachsatz: „Aber die Hallen mache ich nimmer voll!”

