Die Auto-Datenforensiker

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Punktwolke und Kriminallabor: Wenn nach Autounfällen, Garantiefragen oder vermutetem Versicherungsbetrug Beweise gesucht werden, dann holt man gerne Peter Blecha und Bettina Bogner und ihr Sachverständigenbüro BB-Forensics dazu. Dort werden Spuren gesichert wie sonst nirgends in Mitteleuropa.

Unfalldatenspeicher im Auto: Wie moderne Technik Unfallrekonstruktion revolutioniert

Nicht immer lässt sich die Schilderung eines Lenkers mit den vorgefundenen Unfallspuren reibungsfrei in Einklang bringen.

Das kann einerseits an echten Erinnerungslücken liegen, oft aber auch an absichtlichen, um die juristischen Folgen gering zu halten – um Klarheit zu schaffen und Beweise zu sichern, wird oft Peter Blecha an den Unfallort gerufen.

Zum Beispiel nach einem Crash in Wien: Ein potent motorisierter BMW hatte am Gürtel einen Randstein überwunden, zwei Straßenbahngleise, einen Rad- und einen Gehweg (zum Glück beide grad unbenützt) überquert und dann seine Flanke an einem Baum devastiert. Der Fahrer gab zu Protokoll, 40, vielleicht 50 km/h schnell gewesen zu sein, obendrein sei ihm völlig unklar, wie das passieren habe können, er habe jedenfalls rechtzeitig gebremst und gelenkt.

Die Polizei tippte auf ein illegales Straßenrennen und das, was in Zeitungsnotizen oft als verlorene Kontrolle über das Fahrzeug aufscheint.

In diesem Fall war's für Peter Blecha ziemlich einfach: „Alle neueren Pkw haben einen Unfall-Datenspeicher, der wird bei jedem Rempler von mehr als acht km/h ausgelöst, er zeichnet bis zu sechs Unfälle auf, erst beim siebenten wird der älteste Unfall überschrieben. Und er merkt sich von den letzten Sekunden bis zum Unfall alles, von der Geschwindigkeit über den Lenkeinschlag bis zum Bremsverhalten und der Aktivierung verschiedener elektronischer Hilfen und Assistenten." Beim vorhin geschilderten Unfall ergab die Analyse der letzten fünf Sekunden vor dem Aufprall: 86 bis 100 km/h, lediglich geringe bis gar keine Lenkbewegungen, und gebremst wurde erst in den letzten beiden Sekunden vor dem Aufprall.

Auch die Position des Fahrersitzes zum Unfallzeitpunkt ist auszulesen. Da sind stattliche und bereits polizeibekannte Unfalllenker, die ihre zierliche Freundin als Fahrerin nennen, oft ein wenig überrascht.

Noch leichter geht das Rekonstruieren der finalen Strecken, wenn ein Auto mit seinem Infotainment-Datenspeicher die letzten 20 Stunden Fahrt penibel aufzeichnet – Pkw aus den USA können das schon fast 30 Jahre lang, japanische Autos ab 2002, teure Europäer ab rund 2018. Seit 2025 ist diese Fahrtaufzeichnung für alle Pkw vorgeschrieben, als Datenforensiker kann man dann ein genaues, von allen Fahrzuständen untermauertes Bewegungsdiagramm auslesen. Peter Blecha: „War man an einem Unfall nicht schuld, aber könnte unter falschen Verdacht geraten, dann sollte man den Datenspeicher auslesen lassen, bevor er nach weiteren 20 Fahrstunden überschrieben wird."

Theoretisch können das auch Werkstätten, sie dürfen es aber nur auf Wunsch der Fahrzeugbesitzer, sonst gibt's ein Gwirks mit dem Datenschutz. „Wir aber", sagt Peter Blecha, „lesen die Speicher im Gerichtsauftrag aus, damit kommen wir völlig legal an die Daten."

Wobei das mit dem Auslesen knifflig werden kann: Peter Blecha hat schon auf Schrottplätzen Datenspeicher ausgebaut, und zum Auslesen bräuchte er eigentlich für jede Automarke ein eigenes Gerät. Besser geeignet ist eine Methode, die auch das FBI verwendet, man darf sie natürlich nicht so mirnixdirnix adoptieren: „Um die Schulung machen zu dürfen, haben sie mich ein halbes Jahr lang überprüft."

Schulungen hat Peter Blecha seit seiner TGM-Ausbildung in Kraftfahrzeugtechnik eine Menge absolviert. Als Kfz-Mechanikermeister stieg er in die elterliche Werkstatt ein, bald beschäftigte er sich mit Spezialeffekten für Filmaufnahmen, ließ sich dafür zum Sprengmeister und staatlich geprüften Pyrotechniker ausbilden und präparierte Autos für Film-Unfälle. Damit war er schon ziemlich tief drin in der Anatomie der Unfälle, das Sachverständigenwissen reichte bald für die europaweit gültige Zertifizierung. Seit Jänner ist die Werkstatt geschlossen, BB-Forensics residiert jetzt in einem neuen Büro in Klosterneuburg.

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