
Agnieszka Kühn, seit vergangenem November CEO von Mercedes-Benz Österreich, über positive Ansätze, Emotionen bei Elektroautos und ob Mercedes eine konservative Marke ist.
Der GLC ist der meistverkaufte Mercedes. Was erwarten Sie sich für den Elektrischen?
Alle bisherigen Reaktionen sind extrem positiv. Der GLC ist natürlich unser Topseller gewesen in den vergangenen Jahren, auch in Österreich. Aber ich glaube, der GLC Elektro wird noch beliebter. Es gibt nur positives Feedback.
Sie erzählen mir aber jetzt nicht, Sie wollen mehr elektrische GLC als Verbrenner verkaufen.
Das wird spannend werden. Wir sprechen hier von einer ganz anderen Generation von Elektrofahrzeugen als bisher. Die Kundinnen und Kunden entscheiden letztendlich, welche Technologie sie in dieser Zeit der Transformation bevorzugen.
Sie sind seit einem halben Jahr CEO von Mercedes-Benz Österreich – und praktisch durchgehend Krise. Bilanz im Eimer?
Das Thema VUKA (Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Ambiguität, Anm.) haben wir alle im Studium mal gelernt und wissen, was das ist. Aber in der Intensität war das jetzt doch unerwartet. Wir hatten allerdings schon 2025, also vor meiner Zeit als CEO, ein Plus von 10 Prozent. Für eine Bilanz ist ein halbes Jahr etwas kurz, aber wir bringen heuer viele neue Modelle und können uns daher auch dieses Jahr wohl sehr positiv aufstellen. Die Bilanz weist also stark ins Positive. Aber das mit den Krisen, ich glaube, das wird nicht mehr weggehen. Und wir werden lernen, damit zurechtzukommen.
Klingt etwas resignativ.
Ich habe eher den Ansatz, auch das Positive zu sehen. Wir denken und sprechen viel zu negativ in Österreich, in Europa. Sowas hat Auswirkungen auf das Konsumverhalten der Menschen. Diese Headlines: „Letzte Ausfahrt Porsche“ hab ich unlängst gelesen. Da glauben die Kunden gleich, die Autos sind nicht gut genug. Oder dieses Narrativ, deutsche Autos sind hinter denen aus China, was soll man sich da denken? Es wäre mein großer Wunsch, dass wir uns alle zusammen nicht nur mit den Negativmeldungen beschäftigen, sondern darauf fokussieren, was man besser machen kann. Oder was schon besser ist. Deutsche Autos zum Beispiel.
Zur Person
Agnieszka Kühn war 2023–25 Managing Director der Mercedes-Benz Financial Services Austria GmbH & Mercedes-Benz Bank GmbH und davor seit 2008 in verschiedenen Positionen bei Mercedes – zu welcher Marke sie von BMW kam.
Sind Sie mit 18 Prozent E-Anteil bei Mercedes zufrieden?
Das wird jetzt schnell mehr werden, das Reichweitenthema ist beendet, Laden geht schnell. Menschen sollten diese Erlebnisse selber mit den Autos ausprobieren.
Vielleicht sollte man dabei weniger die Emotionen als die Vernunft ansprechen? Kaum wer will einen elektrischen G, und dieses Auto besteht nur aus Emotion. Gibt das nicht zu denken?
Ich war früher bei AMG für die Strategie zuständig. Was die E-Mobilität dort betrifft, ist es so: Grundsätzlich fokussiert sich AMG auf die sogenannten Petrol Heads, die Marke hat aber großen Abstrahleffekt. Es gibt Kunden, die den V8 nicht brauchen, elektrisch fahren möchten und dennoch an der AMG-Philosophie teilhaben wollen. Performance und Emotion sind kein Antriebsthema – sie sind Teil der AMG DNA.
Also wird es den Sportwagen an sich weiterhin geben?
Davon bin ich überzeugt. Schauen Sie, was in der Formel 1 passiert. Dort wird immer mehr elektrifiziert, und der Sport ist populär wie nie zuvor, gerade bei den Jungen.
Mercedes hat zuletzt mehrmals die Strategie geändert: Jugend, Luxus, dann wieder mehr in die Breite. Verträgt eine konservative Marke soviel Abwechslung?
Als ich mit 20 von BMW zu Mercedes kam, war Mercedes für mich Hutablage und alte Männer. Und wie hat sich jetzt alles verändert: Das Publikum ist jünger, die Autos sind so schön, so modern wie noch nie. Von konservativer Marke kann überhaupt keine Rede mehr sein.
Und was soll dann dieser neue Markenclaim? Welcome Home? Da wird mir ja gleich ganz hutablagenmäßig-heimelig zumute.
Das ist ganz einfach: Unsere Kundinnen und Kunden sollen das Gefühl haben „da bin ich irgendwie zu Hause“. Das ist nicht einfach ein Auto, sondern es ist ein Lebensbegleiter. Das bringt uns schon ein bisschen dorthin zurück, wo wir herkommen.
Dieses Interview ist in autorevue 4/2026 erschienen. Den Test zum neuen elektrischen Mercedes GLC lesen Sie hier.

