Mercedes-Benz feiert den 140. Geburtstag des Automobils, wobei alles recht still abläuft. Zeit für ein paar Fußnoten.
Von einer Marke, die kürzlich mit recht viel Getöse die Präsentation eines neuen Überdrüber-Modells abgefeiert hat (was nicht rundum mit Euphorie bedacht wurde, samt Auto und -präsentation, nachzulesen in autorevue Juli & August 2026), hätte man zum runden Geburtstag des Automobils auch ziemlich viel Pomp und ein Stakkato an Presseaussendungen erwartet, indes: Mercedes feiert den 140. Geburtstag des Automobils bislang in wohldosierter Würde.
Sogar jetzt, da der 3. Juli bereits hinter uns liegt: An jenem Tag im Jahr 1886 zelebrierte der von Carl Benz gefertigte Motorwagen auf der Ringstraße von Mannheim seine erste Ausfahrt, der Erbauer des Autos saß auch am Steuer, dürfte aber kaum einem Geschwindigkeitsrausch verfallen sein, denn alles spielte sich in Schrittgeschwindigkeit ab. Das wissen wir, weil glaubhaft überliefert ist, dass Carls Sohn Eugen Benz mit einer Reserveflasche Benzin neben seinem soeben Geschichte schreibenden Vater einherging.
Im weiteren Verlauf der Geschichte sollte Carl Benz auf Gottlieb Daimler treffen, und aus dieser fruchtbaren Begegnung sprießte der Automobilhersteller Mercedes-Benz. Das war jetzt eine fahrlässig verkürzte Version der Gründungsgeschichte, aber auch das Narrativ von 140 Jahren Automobil lässt sich nur deshalb so glatt erzählen, weil da ein bisserl was weggelassen wird. Zwar nicht von Mercedes-Benz, aber im allgemeinen Diskurs.
Nämlich ein paar Fußnoten der Geschichte.
Damit meinen wir nicht Siegfried Marcus (UNSEREN! Siegfried Marcus), denn freilich hätte es uns in Österreich geschmeichelt, wenn das erste Auto in der Mariahilfer Straße in Wien gefahren wäre, aber leider: Die Jahreszahl 1875 wurde doch etwas zu lange als Nationalheiligtum verhätschelt, wie die Forschung der letzten Jahrzehnte ergab. Marcus fuhr erst 1888/89, immerhin. Und sein Motorwagen ist noch immer erhalten, da geht sich also doch ein kleiner Superlativ aus: das älteste erhaltene Automobil mit Verbrennungsmotor, aber zurück zum Jubiläum.
Mit Fahrzeugen, deren Antrieb nicht von Tieren stammte und die darob als Automobile (Selbstbeweger) tituliert werden können, fuhren manche Menschen schon früher als 1886. Das runde Jubiläum bezieht sich also auf Automobile mit Verbrennungsmotor. Das störte freilich niemanden in den vielen Jahren, in denen dieser Motor die einzig verbreitete Antriebsart war – er hatte eindeutig das Rennen um die praktikabelste Technologie gewonnen, also sollte er einfach auch den Jubel abräumen in allen Jahren, die mit einem Sechser enden.
Darf in der Rechnung auch der Dampfantrieb mitspielen, dann müsste man die Erfindung des Automobils 1789 verorten, man kennt die Abbildungen von Nicholas Cugnot mit seinem Dampfwagen. Cugnot war vom französischen Kriegsministerium beauftragt worden, ein Transportmittel für die Artillerie zu konstruieren, der Dampfwagen muss ein ziemlich sperriges Trumm gewesen sein, 7,25 Meter lang, vier Tonnen schwer und ebenso schwer zu manövrieren. So touchierte Cugnot damit die Kasernenmauer – militärisches Eigentor, quasi, so geht sich ohne Fußnoten ein Superlativ aus, um den sich nur wenige reißen: erster Autounfall der Welt.
An Dampfmaschinen als Antrieb tüftelt heute kein Autohersteller mehr, am Elektroantrieb schon, da reichen die Wurzeln bis in die 1830er Jahre zurück, und wie so oft: Wenn die Zeit reif ist, dann wird in vielen Gegenden der Welt gleichzeitig was sehr Ähnliches erfunden. So finden sich Zeugnisse von elektrisch betriebenen Automobilen (im weiteren Sinn) in Schottland (Robert Anderson und sein Elektrokarren 1832, dem 1839 ein Elektroauto folgte), in den Niederlanden fuhr Sibrandus Stratingh in den 1830ern mit selbst konstruierten Dampf- und Elektrofahrzeugen, 1881 fuhr Gustave Trouvé mit seinem elektrischen Tricycle in die Öffentlichkeit. 12 km/h und bis 26 km Reichweite waren vor 145 Jahren recht passabel.
Damit wollen wir Mercedes nicht dreinreden in die Freude über die ersten 140 Jahre, wir wollen nur sagen: Vergesst auch die anderen nicht, die den Weg säumten. Und jetzt: Alles Gute zum Geburtstag! (Und lassen wir das teure Feuerwerk im ziemlich nicht so teuren Viertel einfach weg.)
Dieser Kommentar ist in autorevue 7 & 8/2026 erschienen.

