Neuzugang bei den kompakten Elektroautos: Der Ioniq 3 tritt dort an, wo künftig die Stückzahlen liegen.
Überblick
Ein Elektroauto für den Alltag – so die Idee
Mit dem Ioniq 3 erweitert Hyundai seine Elektrofamilie um jenes Modell, das für Europa vermutlich wichtiger werden könnte als Ioniq 5 oder Ioniq 6. Nicht, weil der Neue technisch alles besser macht. Sondern weil er dort antreten soll, wo künftig die Stückzahlen liegen: bei kompakten Elektroautos für Pendler, Familien und Leute, die einfach ein … genau, ein Auto suchen. Hyundai verzichtet deshalb auf die große Show. Keine 800-Volt-Technik, keine übertriebenen Leistungswerte und auch kein Design, das um jeden Preis auffallen will. Stattdessen steht ein 4,16 Meter langer Kompakter auf der neuen 400-Volt-Version der E-GMP-Plattform. Das mag auf dem Papier wenig spektakulär wirken, ist in dieser Fahrzeugklasse aber durchaus nachvollziehbar.
Optisch bezeichnet Hyundai den Ioniq 3 als "Aero Hatch". Ein Marketingbegriff, aber immerhin ein neuer. Der Wagen wirkt flacher und gestreckter als viele kleine Elektro-SUV, ohne deshalb unpraktisch zu werden. Dank des langen Radstands ist das Platzangebot gut. Vor allem vorne sitzt man ausgesprochen luftig, hinten geht es naturgemäß etwas enger zu. Für eine vierköpfige Familie reicht’s allemal. Auch der Kofferraum fällt mit 441 Litern ordentlich aus, wobei Hyundai dabei die zusätzliche "Megabox" unter dem Ladeboden mitrechnet.
Bei den Akkus stehen zum Marktstart zwei Varianten bereit: 42,2 oder 61 kWh. Laut WLTP sollen damit bis zu 344 beziehungsweise 496 Kilometer möglich sein. Wie immer gilt: Das sind Laborwerte – die im Alltag zu erreichen man bei entsprechender Fahrweise durchaus selbst in der Hand hat. Geladen wird von zehn auf 80 Prozent in rund einer halben Stunde. Das ist nicht rekordverdächtig, dürfte im täglichen Betrieb aber kaum zum Problem werden. Interessanter erscheint ohnehin die optionale 22-kW-AC-Ladung. Gerade dort, wo Schnelllader rar oder teuer sind, könnte das im Alltag mehr bringen als ein paar zusätzliche Kilowatt an der DC-Säule. Plug & Charge, Vehicle-to-Load und Batterievorkonditionierung gehören ebenfalls zum Programm.
Komfort schlägt Dynamik – und das ist durchaus nachvollziehbar
Wir konnten den Ioniq 3 als Prototypen auf einem Testgelände in Pferdsfeld im Hunsrück bereits testen. Genaugenommen ist das Gelände in Ex-Pferdsfeld, denn der Vorgänger des Geländes war ein Nato-Flugplatz, dem das Dorf Anfang der 1980er-Jahre gewichen ist (schon 1976 begann die Umsiedlung, Grund war der Lärm der Flugzeuge, der das Leben dort laut einer Kommission unzumutbar gemacht hat. Somit ist Pferdsfeld eine klassische „Wüstung“, wie man sie aus dem Mittelalter kennt). Der Vater eines Hyundai-Testfahrers, der uns hier betreute, ist in Pferdsfeld als US-Pilot noch Phantom-Jets geflogen. Später wich die Nato-Basis ihrerseits, nämlich dem Testgelände, das von vielen Autoherstellern genutzt wird, an diesem Tag von Hyundai.
Schon nach den ersten Kilometern und dem erste durchfahrenen Hütchenparcours wird klar, worauf Hyundai den Ioniq 3 abgestimmt hat. Wer einen kleinen Elektroflitzer erwartet, der in jeder Kurve nach Sport schreit, ist hier falsch. Der Wagen fährt angenehm gelassen, leistet maximal je nach Variante 135 oder 146 PS. Das Fahrwerk steckt schlechten Untergrund ordentlich weg, ohne schwammig zu wirken, die Lenkung arbeitet präzise genug, drängt sich aber nie in den Vordergrund. Man könnte auch sagen: Der Ioniq 3 macht nicht allzuviel Aufhebens um sich. Genau das dürfte viele Käufer freuen.
Auch bei der Rekuperation zeigt sich, dass Hyundai an den Alltag gedacht hat. Über Lenkradwippen lässt sich die Energierückgewinnung fein abstufen, bis hin zum One-Pedal-Driving. Zusätzlich nutzt das System Navigationsdaten, um vor Kurven oder Ortsdurchfahrten automatisch stärker zu verzögern. Das funktioniert unauffällig und genau deshalb gut.
Das setzt sich im Innenraum fort. Das neue Pleos-Connect-System auf Android-Basis reagiert flott und wirkt übersichtlich. Ob es sich im Alltag dauerhaft bewährt, müssen ausführliche Tests erst zeigen. Positiv fällt jedenfalls auf, dass Hyundai nicht jede Funktion im Touchscreen versteckt. Für die Klimaanlage gibt es weiterhin Tasten und Drehregler.
Der Preis wird am Ende wichtiger sein als jede technische Diskussion
Rund um Elektroautos wird gerne über Ladeleistungen, Plattformen oder Spitzengeschwindigkeiten diskutiert. Beim Ioniq 3 drängt sich allerdings ein anderer Eindruck auf. Hyundai scheint weniger an technischen Stammtischdebatten interessiert zu sein als an einem Auto, das im Alltag möglichst unkompliziert funktioniert. Die Entscheidung für die einfachere 400-Volt-Technik passt in dieses Bild. Natürlich lädt ein Ioniq 5 schneller. Die spannendere Frage lautet aber, ob Käufer eines kompakten Elektroautos diesen Unterschied tatsächlich regelmäßig merken werden.
Genau hier könnte der Ioniq 3 seine Stärke haben. Er versucht nicht, alles besser zu können als die Konkurrenz. Stattdessen wirkt vieles ordentlich durchdacht: ausreichend Platz, vernünftige Reichweiten, einfache Bedienung und eine Ausstattung, bei der wichtige Funktionen nicht erst in Untermenüs gesucht werden müssen. Dass Hyundai den Wagen speziell für Europa entwickelt hat, merkt man an vielen Details – vom Fahrwerk bis zur kompakten Karosserie.
Bleibt der Preis. Offiziell nennt Hyundai noch keine Zahlen. In der Branche kursieren Einstiegspreise zwischen 28.000 und 30.000 Euro. Sollte sich das bewahrheiten, wird der Ioniq 3 gegen Modelle wie Renault 4 E-Tech, Kia EV2 oder den Skoda Epiq antreten. Genau dort entscheidet sich auch, wie erfolgreich dieses Auto tatsächlich wird. Die Technik allein wird den Ausschlag wohl nicht geben. Vielmehr wird sich zeigen, ob Hyundai den Spagat zwischen Preis, Reichweite und Ausstattung besser hinbekommt als die Konkurrenz.

