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Unterwegs und doch daheim

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Der Ausruf: „Als gäb’s keine wichtigeren Probleme auf der Welt!“ ist ein eigentlich verwerfliches Totschlagargument. Weil denkt man das konsequent zu Ende, dürfte auf der Welt genau nur ein einziges Problem angegangen werden, nämlich das Allergrößte.

Und so trägt es sich also in Deutschland gerade zu, dass mehr als 70 Städte mit über 20.000 Einwohnern fordern, auf den Autokennzeichen eigene Ortskürzel zu bekommen (bis zu 80 Prozent Umfrage-Zustimmung). Derzeit richtet sich die Abkürzung nach dem Verwaltungsbezirk der Zulassungsbehörde, in dem das Fahrzeug seinen regelmäßigen Standort hat (ähnlich in Österreich, hier ist es der Zulassungsbezirk). Die Städte, darunter Sindelfingen (65.000 Einwohner) oder Herzogenaurach (26.000) schickten einen gemeinsamen Brief mit ihrer Forderung an die zuständigen Ministerien in Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hessen (genau, auch Deutschland leidet unter dem Joch des Föderalismus und tut nix dagegen).

Und warum überhaupt?

Der Automobilclub von Deutschland unterstützt die Initiative, weil der Pkw für viele „nach wie vor eine Herzensangelegenheit“ sei, es gäbe eine „starke emotionale Bindung“ zum Auto. Die Städte wiederum argumentieren ähnlich, auch der Begriff Heimat hätte mit starken emotionalen Bindungen zu tun (außerdem seien Kennzeichen mit Ortskürzeln eine Gratiswerbung). Da treffen also zwei emotionale Welten aufeinander.

Sowas passiert nicht nur in Deutschland. In Italien etwa gab es Empörung, als 1994 von Abkürzungen (oder, im schönsten Fall: Roma) auf kaum noch identifizierbare Codes umgestellt wurde. Und als in Österreich 2016 der politische Bezirk „Wien Umgebung“ aufgelöst wurde, passte das den Bewohnern der schicken Umlandgemeinden nicht. Wer im noblen Mauerbach wohnt, hat jetzt PL am Auto, Sankt Pölten Land, und teilt damit seine Kennung mit Landwirten aus Loich, Perschenegg und Statzendorf.

Am Ende hat sich jede Aufregung immer gelegt. Irgendwann wurde erkannt, es gibt tatsächlich größere Probleme. Muss ja nicht gleich das Allergrößte sein.

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