Ferrari Luce: Ein Pferd lernt das Schweigen

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Ferrari präsentiert mit dem Luce sein erstes vollelektrisches Serienmodell – und erklärt dabei kurzerhand, dass auch ein Auto ohne Verbrennungsmotor ein echter Ferrari sein kann. Ob das gelingt? Zumindest auf dem Papier sind die Argumente beeindruckend.

Überblick

Ferrari Luce

• Der Ferrari Luce ist das erste vollständig elektrische Serienmodell aus Maranello, mit 772 kW (1050 PS), vier unabhängigen Radmotoren und einem 122-kWh-Akku für über 530 km Reichweite.
• Design und Benutzeroberfläche stammen vom Kreativkollektiv LoveFrom (Sir Jony Ive, Marc Newson) – eine für Ferrari ungewöhnliche Entscheidung mit radikal neuem Ergebnis.
• Ferrari positioniert den Luce nicht als Ersatz bestehender Modelle, sondern als Erweiterung der Palette um ein neues Segment – Elektrifizierung als zusätzliches Werkzeug, nicht als Ideologie.

Architektur: Wenn der Mitteltunnel einfach wegfällt

Ferrari hat an diesem Tag im Jahr 1947 in derselben Stadt seinen allerersten Rennsieg geholt. 79 Jahre später kommt die Marke zurück, diesmal nicht mit einem Rennwagen, sondern mit einem viertürigen, fünfsitzigen Elektroauto. Dass Maranello für diese Weltpremiere ausgerechnet die Vela di Calatrava – ein Bauwerk, das aussieht wie eine zum Sprung bereite Schwalbe – als Kulisse wählte, ist natürlich kein Zufall. Der Ferrari Luce soll Aufbruch symbolisieren, und das tut er auch architektonisch: Weil ein Elektromotor keinen langen Antriebsstrang benötigt, entfällt der bei Ferrari traditionell breite Mitteltunnel ersatzlos. Die Batterie liegt flach im Boden und unter den Rücksitzen, was nicht nur den Schwerpunkt senkt, sondern auch einen fünften Sitzplatz ermöglicht – eine Premiere für eine Marke, die bislang auf Transaxle-Konfigurationen bestand. Das Ergebnis: ein Radstand von 2.961 mm, großzügiger Kofferraum mit 597 Litern und Innenverhältnisse, die Ferrari selbst als mit dem Purosangue vergleichbar beschreibt. Dass der Wagen bei alldem nur 2.260 Kilogramm wiegt, ist angesichts einer 122-kWh-Batterie eine bemerkenswerte Leistung der Leichtbauingenieure. Die Karosserie-Batterie-Verbundstruktur soll dabei um 25 Prozent biegesteifer und 35 Prozent torsionssteifer sein als bei früheren viertürigen Modellen aus Maranello – der Akku als tragendes Bauteil, nicht nur als Ballast.

Design: Jony Ive trifft auf Prancing Horse

Für das Design des Luce hat Ferrari eine Entscheidung getroffen, die in der Branche Aufsehen bzw. Kopfschütteln erregt: Statt des hauseigenen Centro Stile unter Flavio Manzoni wurde das kalifornische Kreativkollektiv LoveFrom beauftragt – gegründet von Sir Jony Ive (bekannt für seine Arbeit bei Apple) und Marc Newson. Das Ergebnis ist konsequent anders als alles, was bislang aus Maranello kam: Das dominierende Gestaltungsmotiv ist das sogenannte „Glass House", eine kompromisslos schalenartige Glasstruktur, die sich bis unterhalb der Gürtellinie erstreckt und dem Fahrzeug eine fast skulpturale Leichtigkeit gibt. Vorne und hinten schweben aerodynamisch wirksame Flügel, die im gleichen Atemzug Abtrieb erzeugen und die Formsprache definieren. Die Leuchten sind transparent und verschwinden im ausgeschalteten Zustand nahezu vollständig – ein Kniff, den man sonst eher aus der Architektur kennt. Im Innenraum setzt LoveFrom auf präzisionsgefertigte mechanische Bedienelemente aus eloxiertem Aluminium, ergänzt durch OLED-Displays, die Samsung exklusiv für diesen Wagen entwickelt hat. Der Schlüssel enthält ein E-Ink-Display – nach Herstellerangaben eine Weltpremiere im Automobilbau. Ob man das braucht? Vermutlich nicht. Sieht es gut aus? Aller Wahrscheinlichkeit nach schon.

Antrieb: Vier Motoren, ein Ehrgeiz

Vier Permanentmagnet-Synchronmotoren, je einer pro Rad – Ferrari hat für den Luce nicht nur die Motorentechnologie vom hauseigenen Hypersportwagen F80 adaptiert, sondern auch die gesamte Produktionskette nach Maranello geholt. Batteriezellen, Motoren, Wechselrichter: alles entwickelt und gefertigt im eigenen Haus, wie Ferrari nicht müde wird zu betonen. Die Zahlen, die dabei herauskommen, sind in ihrer Gesamtheit tatsächlich bemerkenswert: 772 kW Systemleistung (1050 PS), Beschleunigung von 0 auf 100 km/h in 2,5 Sekunden, Höchstgeschwindigkeit über 310 km/h – und eine WLTP-Reichweite von über 530 Kilometern. Der 122-kWh-Akku mit 800-Volt-Architektur lädt an geeigneten Stationen mit bis zu 350 kW; wer nur eine 400-Volt-Infrastruktur zur Verfügung hat, profitiert von einem DC/DC-Booster, der auch dort 150 kW ermöglicht. Die neue Vehicle Control Unit (VCU) koordiniert dabei 800-Volt-Antriebsstrang, 48-Volt-Fahrwerk und 12-Volt-Bordnetz in einem einzigen Steuergerät und aktualisiert ihre Zielvorgaben 500 Mal pro Sekunde. Das klingt nach viel Zahlenmaterial – und ist es auch. Für den Alltag relevant ist vor allem das patentierte „Torque Shift Engagement"-System, das die typisch abrupte Kraftentfaltung von Elektroantrieben über die Schaltwippen modulierbar macht. Ferrari nennt das eine neue „Drehmomentsprache". Man könnte es auch schlicht als gut gelöstes Problem bezeichnen.

Fahrdynamik und Klang: Ferrari ohne Brüllen

Natürlich stellt sich bei einem elektrischen Ferrari eine Frage, die man bei anderen Elektroautos eher selten hört: Wie klingt er? Ferrari hat darauf eine klare und konsequente Antwort gefunden. Fünf Jahre Entwicklung und 40.000 Testkilometer auf der Rennstrecke flossen in ein System, das die mechanischen Geräusche der elektrischen Achsen – Zahnräder, rotierende Komponenten, Elektromotoren – über einen Präzisionsbeschleunigungsmesser in Echtzeit aufnimmt, filtert und verstärkt. Kein synthetischer Ton, kein Lautsprecher-Theaterdonner: Ferrari spricht von einem „authentischen und funktionalen" Klang, der in der Mechanik verwurzelt sei. Wer das Manettino in die „Perfo"-Stellung dreht, bekommt mehr davon; wer die Ruhe vorzieht, stellt auf „Range" und genießt, was Ferrari selbst als komfortabelstes Auto seiner Geschichte bezeichnet. Dazu tragen auch ein elastisch gelagerter Hilfsrahmen, das aktive Fahrwerk (abgeleitet vom F80) und eine aufwendige Zweistufen-Filterung für Antriebsgeräusche bei. An der Hinterachse sitzt Torque Vectoring an beiden Rädern unabhängig, die Hinterachslenkung arbeitet ebenfalls unabhängig – technisch ist das, was Ferrari hier in einem 5.026 mm langen Viertürer zusammengefasst hat, schlicht der derzeitige Stand der Technik auf vier Rädern. Bleibt die nicht ganz unwichtige Frage des Preises. Den hat Ferrari erwartungsgemäß noch nicht kommuniziert. Maranello hat in dieser Disziplin traditionell mehr Geduld als seine Kundschaft, die aber schon einmal 500.000 Euro beiseite legen kann, denn das wird wohl die Untergrenze sein.

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