Europas Autoindustrie unter Druck: Fraunhofer-Studie sieht Österreich besonders gefordert

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Die Transformation zur Elektromobilität wird Europas Automobilindustrie grundlegend verändern. Eine aktuelle Kurzstudie des Fraunhofer IAO zeigt, dass selbst bei einer Lockerung der EU-Regulierung erhebliche Wertschöpfungs- und Beschäftigungsverluste drohen. Besonders betroffen ist Österreich, dessen Zulieferindustrie stark vom klassischen Verbrennungsmotor abhängt.

Überblick

Fraunhofer-Studie ELAB2040

• Europa verliert bis zu 95 Milliarden Euro Wertschöpfung im Bereich Antriebsstrang bis 2040. Selbst technologieoffenere Szenarien können den langfristigen Rückgang lediglich verlangsamen.
• Österreich zählt zu den größten Verlierern der Transformation. Die Studie prognostiziert einen Rückgang der Wertschöpfung um rund 13 Milliarden Euro (-94 Prozent) aufgrund der starken Spezialisierung auf Verbrenner-Zulieferungen.
• Der größte Hebel liegt in besseren Standortbedingungen. Niedrigere Energiekosten, weniger Bürokratie und schnellere Genehmigungen könnten die europäische Wertschöpfung bis 2035 um bis zu 200 Milliarden Euro erhöhen.

Europas Automobilindustrie verliert an Wertschöpfung

Die Automobilindustrie Europas steht vor einem tiefgreifenden Strukturwandel. Die Fraunhofer-Kurzstudie ELAB2040 analysiert, wie sich unterschiedliche EU-Regulierungen für den Antriebsmix bis zum Jahr 2040 auf Wertschöpfung und Beschäftigung auswirken. Untersucht wurden vier Szenarien – von der aktuell geltenden Gesetzgebung mit einem faktischen Verbrenner-Aus ab 2035 bis hin zu technologieoffeneren Varianten mit einem höheren Anteil von Hybrid- und Verbrennerfahrzeugen.

Das zentrale Ergebnis fällt unabhängig vom jeweiligen Szenario eindeutig aus: Europas Automobilindustrie verliert in jedem Fall erheblich an industrieller Wertschöpfung. Selbst wenn die Regulierung gelockert würde, bleiben die Verluste langfristig hoch. Nach Berechnungen der Studie sinkt die Wertschöpfung im Bereich der Antriebsstrangproduktion bis 2040 je nach Szenario um 60 bis 95 Milliarden Euro gegenüber dem Jahr 2025. Besonders stark betroffen sind die Szenarien mit der derzeitigen EU-Gesetzgebung beziehungsweise dem aktuellen Vorschlag der EU-Kommission.

Warum Elektromobilität die Verluste nicht ausgleicht

Die Studie zeigt, dass die neue Wertschöpfung rund um batterieelektrische Fahrzeuge die Verluste beim klassischen Verbrennungsmotor nicht kompensieren kann. Während zwischen 81 und 120 Milliarden Euro Wertschöpfung bei Verbrennungstechnologien verloren gehen, entstehen im Bereich elektrischer Antriebe lediglich zusätzliche 18 bis 21 Milliarden Euro. Ursache dafür ist unter anderem die geringere Komplexität batterieelektrischer Antriebe sowie der Umstand, dass zahlreiche klassische Komponenten künftig entfallen.

Hinzu kommt ein zweiter struktureller Faktor: Europas Bedeutung als Absatzmarkt nimmt kontinuierlich ab. Der Anteil Europas am Fahrzeugmarkt der betrachteten Regionen sinkt laut Modell von rund 24 Prozent im Jahr 2025 auf lediglich 18 Prozent im Jahr 2040. Dadurch verlagern sich Produktion und Wertschöpfung zunehmend nach Asien und teilweise auch nach Nordamerika – unabhängig davon, welche Antriebstechnologie sich durchsetzt.

Beschäftigung: Hunderttausende Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel

Mit der sinkenden Wertschöpfung geht auch ein massiver Beschäftigungsabbau einher. Derzeit arbeiten in Europa rund 1,6 Millionen Menschen direkt im Bereich der Antriebsstrangproduktion. Im Szenario der aktuellen EU-Regulierung beziehungsweise des derzeitigen Kommissionsvorschlags würden bis 2035 rund 660.000 Arbeitsplätze wegfallen. Bis 2040 steigt dieser Wert auf rund 726.000 Stellen. Technologieoffenere Szenarien könnten den Rückgang zwar verlangsamen, vollständig verhindern lassen sich die Arbeitsplatzverluste laut Studie jedoch nicht.

Gerade für Zulieferunternehmen bedeutet diese Entwicklung erheblichen Anpassungsdruck. Die Autoren weisen darauf hin, dass insbesondere Hersteller klassischer Motor-, Getriebe- und Abgaskomponenten vor großen strukturellen Herausforderungen stehen. Gleichzeitig entstehen neue Chancen in den Bereichen Batterie, Leistungselektronik und Software – allerdings nicht in ausreichendem Umfang, um die bisherigen Verluste vollständig auszugleichen.

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Veränderung der Wertschöpfung bis zum Jahr 2040 in ausgewählten Ländern der EU im Basis-Szenario 2 – "Aktueller Vorschlag der EU-Kommission von Dezember 2025".

 © Fraunhofer IAO

Österreich besonders betroffen: Zulieferindustrie steht vor tiefgreifendem Wandel

Für Österreich zeichnet die Studie ein besonders kritisches Bild. Das Land zählt zu den bedeutenden europäischen Automobilzulieferstandorten und ist traditionell stark auf Komponenten für Verbrennungsmotoren spezialisiert. Genau diese Abhängigkeit macht Österreich besonders anfällig für den Wandel der Antriebstechnologien.

Im Basisszenario auf Grundlage des aktuellen Vorschlags der EU-Kommission prognostiziert das Fraunhofer IAO für Österreich bis 2040 einen Rückgang der Wertschöpfung um rund 13 Milliarden Euro beziehungsweise 94 Prozent gegenüber 2025. Damit gehört Österreich zu den am stärksten betroffenen Ländern Europas. Verantwortlich dafür ist vor allem die hohe Konzentration auf Zulieferunternehmen, deren Kerngeschäft bislang eng mit Verbrennungsmotoren verbunden ist.

Für den Industriestandort Österreich ist das von besonderer Bedeutung. Zahlreiche international tätige Unternehmen produzieren hochspezialisierte Motoren-, Getriebe- und Antriebskomponenten. Mit dem Rückgang dieser Technologien geraten ganze Wertschöpfungsketten unter Druck. Die Studie macht deutlich, dass Österreich daher besonders rasch neue Kompetenzen im Bereich Elektromobilität, Leistungselektronik und Software aufbauen muss, um den Verlust traditioneller Geschäftsfelder abzufedern.

Unterschiede innerhalb Europas werden größer

Die Auswirkungen der Transformation verteilen sich innerhalb Europas sehr unterschiedlich. Deutschland verliert laut Studie bis 2040 rund 54 Milliarden Euro an Wertschöpfung (-64 Prozent), Frankreich rund 16,7 Milliarden Euro (-73 Prozent) und Italien rund 12,7 Milliarden Euro (-90 Prozent). Österreich liegt mit einem prognostizierten Minus von 13 Milliarden Euro ebenfalls in der Gruppe der größten Verlierer.

Gleichzeitig profitieren einzelne Standorte von Produktionsverlagerungen. Besonders Ungarn gewinnt durch neue Investitionen in Batterie- und Elektromobilitätsfertigung deutlich hinzu. Dort steigt die Wertschöpfung laut Modell sogar um rund 18 Milliarden Euro beziehungsweise 83 Prozent. Die Studie führt dies auf wettbewerbsfähigere Standortbedingungen sowie gezielte Industrieansiedlungen zurück.

Die Ergebnisse verdeutlichen, dass nicht allein die Antriebstechnologie über die Zukunft entscheidet. Ebenso wichtig sind Energiepreise, Genehmigungsverfahren, Arbeitskosten, Investitionssicherheit und die Fähigkeit, neue Industrien möglichst rasch anzusiedeln.

Standortpolitik wird zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor

Besonders bemerkenswert ist ein Ergebnis der Fraunhofer-Studie: Der größte Hebel liegt nicht ausschließlich in der Regulierung des Verbrennungsmotors, sondern in den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Die Autoren kommen zum Schluss, dass verbesserte Standortbedingungen deutlich stärkere Auswirkungen auf Wertschöpfung und Beschäftigung hätten als eine reine Änderung der Flottenregulierung.

Bereits ein Szenario mit niedrigeren Energiekosten, schnelleren Genehmigungen, weniger Bürokratie und höherer Automatisierung könnte die europäische Wertschöpfung bis 2030 um bis zu 90 Milliarden Euro steigern. Bis 2035 errechnet das Modell sogar ein zusätzliches Potenzial von 200 Milliarden Euro. Gleichzeitig könnten dadurch bis zu 640.000 Arbeitsplätze gesichert beziehungsweise zusätzlich geschaffen werden.

Auch Innovation bleibt ein zentraler Faktor. Gelingt es Europa, Forschung schneller in industrielle Produktion zu überführen, könnten die Wertschöpfungsverluste bereits bis 2030 um rund 45 Milliarden Euro reduziert werden. Entscheidend seien laut Studie innovationsfreundliche Rahmenbedingungen, schnellere Genehmigungsverfahren und eine enge Verzahnung von Forschung und industrieller Fertigung.

Fazit: Österreich muss den Wandel aktiv gestalten

Die ELAB2040-Kurzstudie macht deutlich, dass der Wandel zur Elektromobilität für Europa unumkehrbar ist. Gleichzeitig zeigt sie, dass der Umfang der wirtschaftlichen Folgen maßgeblich davon abhängt, wie wettbewerbsfähig die europäischen Standorte künftig bleiben. Eine technologieoffenere Regulierung kann den Strukturwandel zwar verlangsamen, langfristig jedoch nicht aufhalten. Entscheidend sind vielmehr Investitionen in Innovation, wettbewerbsfähige Energiekosten, schnellere Genehmigungen und stabile politische Rahmenbedingungen.

Gerade Österreich steht dabei vor einer Schlüsselaufgabe. Die starke Position als Zulieferstandort war über Jahrzehnte ein Wettbewerbsvorteil, macht das Land heute jedoch besonders verletzlich. Wer künftig Wertschöpfung und Beschäftigung sichern will, muss den Wandel aktiv gestalten und neue industrielle Kompetenzen schneller aufbauen, als bisherige Geschäftsfelder verloren gehen.

Das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) ist eines der Institute der Fraunhofer-Gesellschaft, Europas größter Organisation für angewandte Forschung. Das IAO hat seinen Hauptsitz in Stuttgart und beschäftigt sich damit, wie Unternehmen, öffentliche Einrichtungen und Organisationen ihre Arbeit, Prozesse und Technologien effizient und zukunftsfähig gestalten können. Die hier behandelte Studie wurde in Auftrag gegeben von: Verband der Metall- und Elektroindustrie Baden-Württemberg e. V. (Südwestmetall), bayme – Bayerischer Unternehmensverband Metall und Elektro e. V., vbm – Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie e. V., vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V., Gesamtmetall | Gesamtverband der Arbeitgeberverbände der Metall- und Elektro-Industrie e.V.

Als Projektpartner sind genannt: BMW Group, Mercedes-Benz Group AG, MAHLE GmbH, Robert Bosch GmbH, Schaeffler AG, ZF Friedrichshafen AG.

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