
David Staretz über die Realität des öffentlichen Elektroladens in Wien/Umgebung und warum für ihn die Sache bis auf weiteres gelaufen ist.
Der Übersteller hat das Auto gebracht. Ich hole den Wagen aus der Garage, um zum Flughafen zu fahren. Das Display ist riesig in der Horizontale; man hat es dorthin gestellt, wo Platz war, also in Richtung Beifahrerseite. Es ist übersät mit Nachrichten zweiter, dritter und vierter Ordnung. Navigationsanzeige sehe ich keine und auch eine relevante Reichweitenanzeige fehlt mitten im Großelektriker neuester Machart. Am obersten Rand sind kaum zu identifizierende Symbole in Millimetergröße eingespielt, eines davon ist die Prozentanzeige: „16%“. Heiß durchströmt mich Panik. Zum Flughafen sind es doch zwanzig Kilometer netto plus Rangieren. Zum Glück habe ich heute großzügig geplant und kann mir einen Abstecher zum Schnelllader leisten. Ich habe noch die Raststation Simmering in Erinnerung, dort ist weithin sichtbar eine Elektrostecker-Symbol auf den großen grünen Vorwegweiser gedruckt. Merke: Die letzten sechzig Meter sind immer die Schwierigsten beim Ladestationsuchen. Vielleicht daneben beim McDonalds? Unwürdiges Herumgekurve. Jedes Mal, wenn ich den Retourgang einlege, versenken sich beide Rückspiegel in Bodenperspektive. Sehr unangenehm. Lässt sich sicher abstellen. Aber dazu müsste man tief ins Menü für zehn Minuten. Jetzt andere Sorgen vordringlich. Frage an der Kasse: „Nein, hier ist keine Ladestation.“ Immerhin liegt ein gewisses Bedauern in der Personalstimme. Also weiter zum Flughafen. 12 Prozent beim Abstellen in der Garage. Spätabends Ankunft. Habe mich mittlerweile schlau gemacht und bin wohlgemut: Smatrics direkt beim Flughafen-BILLA. Herumgekurve, Säule entdeckt. Die 150-kWh-Großgranate steckt in einem KIA, der Fahrer plaudert sich am Telefon weg. Mir bleibt nur der 11-kW-Stecker. Na, wenigstens ein paar Kilometer draufstromen. Anzeige am Display: „Sie sind nicht berechtigt, den Ladevorgang zu starten. Bitte melden Sie sich bei Ihrem Zahlungsdienstleister“. So spricht SMATRICS zu mir! Horror. Ich probiere es noch einmal. Und noch ein mal. Und noch einmal. Nachdem ich beschlossen habe, weiterzufahren, mach ich noch einen letzten Versuch. Es klappt. Mühsam nährt sich das Eichhörnchen. Freunde warten zu Hause auf mich, großes Essen und was dazu. Aber ich tu immer noch Nüsschen sammeln, während nebenan heiter telefoniert wird. Nach drei Kilometern in zehn Minuten breche ich entnervt ab und frage die Navi-Tante nach der nächsten Lade. Ihre Stimme ist genervt, völlig charmebefreit. Ist ja schließlich nur ein Computer. Dennoch ist sie jederzeit imstande, mir aus heiterem Himmel mitten in der Fahrt zu erklären: „Achten Sie auf die Fahrbahn. Vorsichtig fahren!“ In dem Fall sagt sie: „Womit kann ich dir heute helfen.“ Ich sage „Ladesäule suchen“. Sie sagt: „Das kenne ich nicht. Suche ein anderes Ziel.“ Aber man kann ja händisch tippen bzw. gibt es ein vorgefertigtes Symbol. Hm, lauter appetitliche Vorschläge für Smatrics in der Nähe. Haidequerstraße, 24 Stunden geöffnet. Ist nicht ganz meine Richtung, aber kompassmäßig ok. Quer durch Simmering, vorbei an den ÖLHÄFEN und RAFFINERIEN.
Mit Schrecken erkenne ich nach langem Herumgekurve, dass ich hinterrücks genau an der Raststation ohne Ladesäule gelandet bin unter anderem Vorzeichen. Depri total. Nächtliches Reversieren auf Tankstellen, Mutter aller Kleinschäden. Entnervt biege ich den Spiegel gerade mit dem Daumen. Geht ja!
Das nächste Smatrics-Ziel ist wieder ein paar Kilometer entfernt. Ich finde mich vor den Schranken einer Hochgarage. Ziehe Karte, fahre ein. Nichts zu sehen. Es wird eng und immer enger im grindigen Gebäude. Überall Gummispuren an den Fahrbahnrändern und sämtliche Säulen sind abgewetzt. So funktionieren Alpträume. Vor mir im fahlen Lichte reversiert ein älterer Herr seine alten grauen A-Klasse-Mercedes in eine passenge Parklücke. Er wird sie durch die Türe nie verlassen können. Wo ist bloß die Ladesäule? Noch eine Runde. Ah, ein Hinweis: „Smatrics 1. OG.“ Allerdings ist ja diese Ebene bereits das 1. OG. Oder doch nicht? Grübeln. Noch eine Runde. Ich muss eine lange Reihe durch reversieren, weil es vorn zu eng war zum Abbiegen. Aus dem Augenwinkel erkenne ich irgendwann, dass so ein graues Kästchen an der Wand montiert ist. Davor steht ein deutscher BMW X3. Meine Verzweiflung geht in echte Verzweiflung über. Freunde rufen an, alles ist bereit daheim. Nächster Smatrics-Versuch. Das Navi will mich quer durch eine Parkzone mit Anti-Auto-Stehern schicken. Simmering kann sehr, sehr finster sein, rundum nur blaue Sackgassen-Tafeln. Horror. Dass die gesuchte Ladestation (laut Navi 24 Stunden geöffnet) nicht existiert in der lichtlosen Gasse, überrascht mich nun schon gar nicht mehr.
Danach schwindet die Erinnerung; alle Konzentration gilt der Reichweitenanzeige, immerhin ist sie noch zweistellig. Ein Schriftband durchläuft schon längere Zeit das Display: LADESTAND GERING. SOFORT AUFLADEN. Mir fällt auf, dass der Blinker seit längerer Zeit läuft. Wo ist eigentlich die Anzeige dazu? Aller möglicher Kleinkram macht sich wichtig, aber das Blinkergrün ist auch da ganz oben hingepickt, selbst nachts kaum erkennbar in Stecknadelkopfgröße. Unfassbar.
Schließlich finde ich eine Pimperl-Säule in der Einbahnstraße (in Wien sind praktisch alle Ladesäulen in Einbahnstraßen). Wo ist das Ladekabel eigentlich? Wahrscheinlich im Frunk. Einmal ziehen, Fehlversuch, zweimal ziehen, geht er auf. Da sind zwei Reißverschluss-Taschen. Die erste birgt ein 220-Volt-Kabel, haha, der war gut!. Die zweite Tasche, Fummelei, lässt schon anhand des geringen Gewichts Übles erahnen: Das Kabel ist zu kurz, mindestens um eineinhalb Meter. Aber das ist auch schon egal. Letztens, als ich den Porsche Taycan mit Weissachpaket umdrehte, damit sich das Kabel ausgeht, kostete mich das 120 Euro (90 plus Einspruch, demgemäß ich nicht in der Einbahn, sondern in eine öffentliche Garageneinfahrt hinein reversiert hatte).
Entnervt lasse ich das Auto in den Gegend stehen und mache mich auf den Fußweg nach Hause. Party over, aber der Tag war eh lang.
Morgens mit frischem Mut drei Ladesäulen vergebens abgefahren, alle besetzt. Beim vierten Versuch (9 km Reichweite) klappt es, die Smatrics-Karte wird von WienStrom auf Anhieb erkannt, voraussichtliche Ladezeit über acht Stunden. So sieht das Glück aus, man muss es nur zu erkennen wissen!

