
Seit zehn Jahren untersucht der ADAC Fahrzeuge mit schlüssellosen Zugangssystemen auf ihre Anfälligkeit für sogenannte Relay-Attacken. Nach inzwischen 850 getesteten Fahrzeugen fällt die Bilanz gemischt aus: Rund 70 Prozent der untersuchten Autos sind inzwischen besser gegen diese Form des Diebstahls geschützt. Bei etwa 30 Prozent sieht der Automobilclub weiterhin Verbesserungsbedarf.
Überblick
Zehn Jahre Keyless-Test: Relay-Attacken bleiben ein Problem
Keyless-Systeme erkennen den Fahrzeugschlüssel bereits, wenn sich Fahrer oder Fahrerin dem Auto nähert. Die Türen werden entriegelt, der Motor lässt sich per Knopfdruck starten, während der Schlüssel in der Tasche bleiben kann. Die Technik ist weit verbreitet und gehört bei vielen Fahrzeugen zur Serienausstattung. Ihr prinzipieller Schwachpunkt ist allerdings seit Jahren bekannt: Bei einer Relay-Attacke befinden sich die Täter mit einem Gerät in der Nähe des Fahrzeugschlüssels und mit einem zweiten am Auto. Die Funksignale zwischen Schlüssel und Fahrzeug werden dabei über eine Entfernung von mehreren hundert Metern verlängert. Ein Eingriff in oder „Hacken“ von Fahrzeugdaten ist dafür nicht erforderlich. Das Auto kann auf diese Weise geöffnet und gestartet werden. Das grundsätzliche Problem wurde bereits 2011 von der ETH Zürich öffentlich beschrieben.
Seit zehn Jahren prüft der ADAC die Widerstandsfähigkeit solcher Systeme und hat inzwischen 850 Fahrzeuge untersucht. Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Fortschritt gegenüber den ersten Testjahren: Rund 70 Prozent der geprüften Fahrzeuge verfügen mittlerweile über einen verbesserten Schutz. Umgekehrt bedeutet dies, dass bei etwa 30 Prozent weiterhin Handlungsbedarf besteht. Bei sämtlichen vom ADAC untersuchten Modellen der Marken Aiways, Alfa Romeo, Alpine, BYD, Chevrolet, DS Automobiles, Fiat, Honda, Infinity, Isuzu, Jeep, KGM/SsangYong, Lync & Co, MG, Opel, Subaru und Tesla wurde bislang kein Schutz gegen die untersuchte Keyless-Diebstahlmethode festgestellt.
Die Reichweitenverlängerung funktioniert grundsätzlich auch dann, wenn sich der Schlüssel im Haus befindet oder vom Besitzer unterwegs mitgeführt wird. Ist der Motor einmal gestartet, kann das Fahrzeug laut ADAC ohne Schlüssel weiterfahren, bis der Kraftstoffvorrat beziehungsweise die Antriebsbatterie erschöpft ist. Ein zusätzliches Problem kann nach einem Diebstahl entstehen: Da die Methode keine klassischen Aufbruchspuren hinterlässt, können bei einem später aufgefundenen Fahrzeug Schwierigkeiten bei der Schadenregulierung oder sogar Zweifel am geschilderten Diebstahl entstehen.
UWB-Technik schützt Keyless-Systeme vor Reichweitenverlängerung
Als wirksame technische Gegenmaßnahme hat sich Ultra Wide Band, kurz UWB, etabliert. Dabei bestimmen Computerchips im Schließsystem anhand der Laufzeit der Funksignale die tatsächliche Entfernung zwischen Schlüssel und Fahrzeug. Wird das Signal mit den vom ADAC eingesetzten Geräten verlängert, erkennt das System die unplausible Entfernung und das Fahrzeug reagiert nicht. Jaguar Land Rover führte 2018 als erster Hersteller entsprechend abgesicherte Fahrzeuge ein. Die Technik wurde unter anderem im Land Rover Discovery sowie nach Herstellerangaben in Range Rover und Range Rover Sport ab Modelljahr 2018 sowie in Jaguar E-Pace und I-Pace eingesetzt.
2019 folgte der Volkswagen-Konzern unter anderem mit Audi A3, Seat Leon, Škoda Octavia und VW Golf 8. Inzwischen finden sich UWB-geschützte Keyless-Systeme in weiteren Baureihen. Der ADAC nennt unter anderem Audi A3 und Q4 e-tron, Cupra Born und Formentor, Seat Leon, Škoda Enyaq und Octavia sowie VW Golf 8, die ID.-Modelle, Caddy und T7. Auch BMW, Genesis, GWM, Hyundai, Kia, Mercedes und Suzuki bieten Modelle mit verbessertem Schutz an. Damit hat sich UWB über mehrere Hersteller und Fahrzeugsegmente hinweg verbreitet.
Eine andere Lösung besteht aus einem Bewegungssensor im Fahrzeugschlüssel. Wird dieser für eine bestimmte Zeit nicht bewegt, deaktiviert sich das Funksignal. Eine Relay-Attacke ist danach nicht mehr möglich. Der ADAC bewertet diese Lösung allerdings als weniger konsequent, weil zwischen dem Ablegen des Schlüssels und der Abschaltung weiterhin ein Zeitfenster für einen Diebstahl besteht. Bei einem ungeschützten Fahrzeug empfiehlt der Club deshalb zu prüfen, ob sich die Keyless-Funktion vollständig deaktivieren lässt. Als weitere Vorsichtsmaßnahmen nennt er eine verschlossene Garage sowie die Aufbewahrung des Funkschlüssels mit möglichst großem Abstand zu Außentüren, Außenwänden und Fenstern.
Keyless nachrüsten und Smartphone als digitaler Autoschlüssel
Zusätzlich können abschirmende Behälter oder Etuis die Funkverbindung des Schlüssels unterbrechen. Auch eine Metalldose, ein Kochtopf oder Alufolie können laut ADAC funktionieren, sofern die Funkstrahlung tatsächlich vollständig abgeschirmt wird. Ob die jeweilige Lösung wirksam ist, sollte am Fahrzeug überprüft werden. Elektronische Nachrüstlösungen, die einen für Öffnen und Starten erforderlichen Stromkreis unterbrechen, sind ebenfalls erhältlich. Werden sie wiederum über ein zusätzliches Keyless-System bedient, kann allerdings auch dieses grundsätzlich auf dieselbe Weise angreifbar sein.
Eine Nachrüstung mit Originalteilen wird von den Fahrzeugherstellern nicht unterstützt. Freie Anbieter bieten sie für einzelne Modelle von Audi, Seat, Škoda, Mercedes und Volkswagen an. Bereits die benötigten Teilesätze kosten laut ADAC mehr als 1.000 Euro, hinzu kommt der arbeitsintensive Einbau. Unter anderem müssen Außentürgriffe, Antennen am Unterboden, im Innenraum und im Kofferraum sowie die entsprechende Verkabelung installiert werden. Das nachgerüstete System erreicht anschließend grundsätzlich das Sicherheitsniveau der jeweiligen Werkslösung. Günstige Nachrüstsätze für weniger als 100 Euro richten sich meist an ältere Fahrzeuge. Muss für deren Betrieb die Wegfahrsperre deaktiviert werden, rät der ADAC davon ab, weil dadurch der Versicherungsschutz verloren gehen kann. Zudem erfordert der Einbau umfangreiche Fachkenntnisse; fahrzeugspezifische Anleitungen fehlen häufig.
Parallel zum klassischen Funkschlüssel verbreitet sich das Smartphone als digitaler Fahrzeugschlüssel. Bei einigen Modellen lässt sich ein virtueller Schlüssel im Wallet des Smartphones hinterlegen und zum Öffnen, Schließen und Starten verwenden. Abhängig von der eingesetzten Technik genügt die Anwesenheit des Telefons; bei anderen Systemen muss es an eine bestimmte Stelle am Türgriff und anschließend an eine markierte Position im Innenraum gehalten werden. Teilweise lässt sich der digitale Schlüssel zusätzlich mit einem Passwort absichern. Der ADAC empfiehlt diese Option trotz der damit verbundenen Komforteinbußen, da ein gestohlenes, ungesichertes Smartphone andernfalls auch Zugriff auf das Fahrzeug ermöglichen kann. Eine allgemeine Bewertung der Sicherheit solcher Smartphone-Lösungen ist nach Angaben des ADAC derzeit mangels unabhängiger Tests noch nicht möglich.

