Wie Renault als Marke, die ihre Vergangenheit bislang öffentlich her vernachlässigt hat, in zwei Jahren alles richtig machen will, Kunst inklusive.
Man muss ja nicht gleich ein Wort zerzausen, nur weil man es selbst nicht so liebt wie der Rest der Welt, aber ein bisserl Kritik darf sein: Ein Werksmuseum ist ein Werksmuseum und darf daher im Kern seines Wesens gerne eines bleiben, man muss nicht unbedingt eine blinkende Erlebniswelt draus machen. Ein Refugium stiller Erinnerung kann auch sehr schön sein, und die Hauptrolle mögen die Autos selbst spielen. Sie schaffen das bei allen Marken sehr gut.
Bei Renault war lange Jahre nichts, und nichts ist wirklich nichts. Auch ein paar andere Marken dürften punkto eigener Vergangenheit eher buddhistisch agieren („Im Hier und Jetzt leben“), dabei aber vergessen, dass das Hier und Jetzt auf der Basis der Vergangenheit ruht und gleichzeitig der Ausgangspunkt der unendlichen Zukunft ist. Also quasi ein zugiges Durchhaus, da kann man sich zum Leben schon ein bisserl was Würdevolleres vorstellen.
Das dürfte in jüngerer Zukunft auch wer bei Renault gedacht haben, und es war gewiss jemand vom oberen Ende der Hierarchie. So lud Renault kürzlich ins Werk in Flins nahe Paris, um große Pläne auszurollen.
Schon das Überleben des Werkes selbst darf als Teil des guten Planes gelten: Wo seit 1952 Autos von den Bändern rollten, wurde die Produktion jüngst eingestellt, eigentlich sollte das Gelände verkauft werden. Dann behielt Renault die Anlage doch, um dort seit 2021 Gebrauchtwagen im großen Stil aufzuarbeiten und zu recyceln. Zukünftiges in historischen Hallen, das klingt schon einmal nach einem fruchtbaren Spannungsfeld.
Jetzt soll auch das Werksmuseum dort entstehen, und dass es nicht Museum heißen möge, hat nichts mit Multimedia-Getöse zu tun, sondern mit einer stimmigen Erweiterung: Es soll in Flins auch um Kunst gehen, und sie passte bei Renault schon seit Jahrzehnten gut zu den klassischen Autos. Den Rhombus, beispielsweise, hat Victor Vasarely 1972 neu gestaltet, und ein paar Sammler mit offiziellem Auftrag dürften bei Renault auch schon lange aktiv sein. Die Zahl der Kunstwerke ist üppig, jene der automobilen Klassiker auch, und es sind beruhigend viele Einzelstücke dabei: Rekordfahrzeuge von den 20er Jahren aufwärts, die barocken Oberklasse-Modelle der Zwischenkriegszeit, das Marne-Taxi mit seiner Schlüsselrolle im Ersten Weltkrieg, die Nachkriegsgeschichte mit ihren Mauerblümchen (Renault 8) und Legenden (Renault 4, Renault 16!), um nur ein paar Grüße aus den Lagerhallen aufzuzählen.
Wo jetzt noch ein großer Parkplatz ist, sollen bald sechs treppenartig ineinander verschachtelte Kuben das Museum formen, mit Schau-Depot, Restaurierungswerkstatt, Kunstausstellung, natürlich auch mit Gastronomie und Museumsshop. Die Architektur ist toll, macht sich aber nicht wichtig; 2027 soll alles fertig sein, der Eintrittspreis wird niemanden erschrecken, und das Museum soll sich finanziell selbst erhalten. Beim Business-Plan, sagt Renault, habe man mit unrealistisch niedrigen Besuchszahlen jongliert, es ginge sich dennoch aus.
Renault zeigt mit seinen Plänen, wie perfekte Pflege der eigenen Historie aussehen kann: Ohne Firlefanz, kulturell wertvoll, und dass Autos und Kunst in einer ähnlichen Liga spielen, ahnen wir Klassik-Spinner ohnedies schon lange.
Renaults ehemalige Lackiererei in Flins ist übrigens schon für Künstlerinnen und Künstler geöffnet, ein hinreißendes Refugium für wild wuchernde Kreativität, derzeit ein Zentrallabor der Streetart. Eines der Exemplare: ein Autobus von 1937, von Gérard Zlotykamien künstlerisch im Gedenken an all die Passagiere gestaltet, die während der letzten fast 90 Jahre damit fuhren. Zur Überraschung Renaults hat er die Wände im Hintergrund gleich mitgestaltet, und wir notieren nebenbei: Wie sich der 85-jährige Zlotykamien der Streetart widmet, das nimmt jede Furcht vor dem Älterwerden.
Das gesamte Projekt dürfte wohl viel mit Luca de Meo und seiner stets durchschimmernden Freude an Klassikern zu tun haben. Dem Vernehmen nach wird sich daran unter Nachfolger François Provost nichts ändern. Er muss dazu nix sagen, 2027 sehen wir’s ohnedies.
Dieser Kommentar ist in autorevue Jänner & Februar 2026 erschienen.

