Was auf den Porsche 911 allgemein schon zutrifft, ist für den Spirit 70 ganz besonders wahr: spätsommerliche Ausfahrt in einem Auto, das froh ist, anders zu sein.
Überblick
Porsche 911 Spirit 70: Die Seventies sind zurück
Alles hat seine Zeit, und so nimmt der Spirit 70 als drittes Modell der Heritage Design-Serie die Stimmung der 1970er-Jahre auf: Nach dem Targa 4S mit Fokus auf die 50er und 60er, dem Sport Classic (Turbo-Coupé mit Handschaltung) mit Anlehnung an die 60er und frühen 70er jetzt also primär Seventies, auch ein bisserl Eighties vielleicht, jedenfalls Cabrio und auf Basis des Carrera GTS.
Schwer zu sagen, wie die Stimmung damals genau war, vor allem, wenn man selbst nicht dabei gewesen ist, aber glaubt man den Quellen, was man tun sollte, dann war das in etwa so: Krieg und Krise überall, aber die kann man weglassen für diese Geschichte, heute geht es ums Sportwagenfahren, um Freiheit und Revolution, man denkt lieber an lange Haare und weite Hosen, dazu ABBA, Bowie und Led Zeppelin. Dazu Braun und Grün, geometrische Formen und Stoff. Alles da im Spirit 70.


Für den Fahrgenuss sind optische Sondereditionen wie der Spirit 70 weniger relevant, da geht es mehr darum, was darunter ist: Da dieser auf dem 911 Carrera GTS Cabriolet basiert, fährt er zum Glück nicht schlecht, nämlich gleich wenig schlecht, wie die Torte vom Sacher schmeckt. Also eigentlich ausgezeichnet.
Heritage Design: Farben, Ausstattung und Exklusivität
Und zwar konkret: Außenfarbe „Olive Neo“, Dekorstreifen auf Fronthaube und Verdeck (im Falle des Testwagens gestrichen), schwarze Windlaufrahmen, dazu die Farbe Bronzit an Bug, Heck und Fuchs-Räder (hier umbestellt auf Schwarz). Innen Zierleisten und Sitzrückseite in Wagenfarbe, dazu Paschamuster nicht nur auf den Sitzen, sondern auch beim Handschuhfach. Exklusive Manufaktur-Prägung auf der Mittelkonsole. Stimmig, wenn auch an die digitale Welt angepasst: Die digitalen Instrumente leuchten in Farbtönen wie früher. So grünlich. Goldene Schriftzüge sowie Plaketten an Kotflügel und Heckdeckel runden das Gesamtpaket ab, wobei jene am Heck an eine nette Tradition erinnert: Besitzern von 356 wurde diese nach 100.000 zurückgelegten Kilometern übergeben. Auch nett: Die Porsche-Wappen (sowohl innen als auch außen) sind im ursprünglichen Design von 1963 gehalten, also in einem wärmeren Farbton. Das serienmäßige Sportdesign-Paket und die Titan-Endrohre sind auch für den regulären GTS verfügbar, der Aufpreis für den Spirit 70 beträgt circa 60.000 Euro. Hauptverkaufsargument womöglich mitunter: Limitierung auf 1500 Stück. Auf der Porsche-Seite steht „ausverkauft“, vielleicht wäre „nicht mehr bestellbar“ korrekter, denn wer die großen Fahrzeug-Plattformen besucht, findet überraschend viele am Sekundärmarkt.
Irgendwie nachvollziehbar, denn der Spirit 70 ist in seiner optischen Gestaltung durchaus unkonventionell und mutig, eher so ein Fall von „love it or hate it“ und durchaus einzigartig. Mit diesem Auto will man niemandem gefallen, dieses Auto gefällt einem selbst.
Olive und Schwarz gibt es übrigens ohne Aufpreis, dazu noch Silber und das gesamte Portfolio an 137 historischen Porsche-Farben über die Exclusive Manufaktur. Und ja, man kann alle Farben mit diesem Innenraum kombinieren, man muss sich nur trauen.
Porsche 911 GTS: Hybrid-Antrieb und Fahrdynamik
Wie schnell es im Leben gehen kann, sieht man beim Thema Hybrid-Antrieb im 911er: Vor gut zwei Jahren wurde er beim GTS eingeführt, damals ausführlich beschrieben und erklärt und eigentlich stand niemals zur Debatte, ob er zu diesem Sportwagen-Evergreen passen würde, da es sich um ein System handelt, das primär der Leistungsoptimierung dient und nicht extern aufladbar ist (im Grunde so wie bei Le-Mans-Prototypen à la 919).
Fun-Fact am Rande: Die aktuellen F1-Autos sparen sich mittlerweile die komplexe Technik mit dem elektrischen Turbolader: Der Entfall der MGU-H mit kleinem Elektromotor führt zu den peinlichen Motor-lädt-Batterie-Situationen und somit zum Geschwindigkeitsabfall am Ende von langen Geraden. Im 11er mit Hybrid-Antrieb gibt es immer Druck, dort gibt es nämlichen diesen Bauteil.


Mutig gegen den Mainstream, mit Farben und Mustern, die so ziemlich das Gegenteil von dem sind, was man sich in einem modernen, nüchtern-technisch-sportlichen Porsche erwartet.
© Andreas RiedmannPorsche 911 Spirit 70 im Fahrtest: Heckantrieb und Boxer-Sound
Dabei ist die immer und überall verfügbare Leistung nicht überfordernd, der Heckantrieb im 911er bietet bekannterweise super Traktion, da braucht man keinen Allrad. Dazu hat man so noch ein wenig das alte Porsche-Gefühl mit minimal leichter Lenkung beim Herausbeschleunigen aus Kurven, sitzt doch das ganze Gewicht in solchen Fahrsituationen hinten. Und auch wenn das Thema Cabrio bei einem Auto mit Vibes aus den 70ern etwas hinkt (das erste 911 Cabrio kam erst 1982), passt genau diese Fahreigenschaft super zum Spirit 70 – den Targa gibt es bekanntlich nur mit Allrad und eine Heritage-Variante gab es da eben auch schon.
So mag man jedenfalls die 70er, auch wenn man nicht dabei war: Heiserer Boxer-Sound im einen, „Let there be Rock“ im anderen Ohr, sonst nur Wind und Landstraße.
Zusammenfassung
Was wir mögen
Die Liebe zum Detail, die Unangepasstheit und dass so ulkige Projekte bei Porsche Raum bekommen.
Was uns fehlt
Dieses Sondermodell als Targa ohne Allrad – das hätte zum Thema 70er besser gepasst
Was uns überrascht
Dass nicht nur Musik der 70er aus diesen Lautsprechern gut klingt.
Die Konkurrenz
Zu dieser Sonderversion keine, zum 911 GTS Cabrio: Mercedes-AMG SL 63.
Daten und Ausstattung
Preis € 309.088,–. NoVA 29 %, Steuer jährlich € 3.775,68.
Motor, Antrieb 6-Zylinder-Boxer, 3591 ccm, 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, Heckantrieb.
Leistung/Drehmoment 398 kW (541 PS) bei 7500/min, 610 Nm.
Fahrleistungen Spitze 312 km/h, 0–100 km/h 3,1 sec.
Verbrauch 10,4 l/100 km, CO2 236 g/km. Testverbrauch 10,6 l/100 km.
Dimensionen L/B/H 4553/1852/ 1298 mm, Radstand 2450 mm,
Gewicht 1750 kg, Kofferraum 135 l, Tank 63 l, Reifen vorne 245/35 R20, hinten 315/30 R21.Ausstattung Matrix-LEDs, 20-/21-Zoll-Räder, Sport Chrono Paket, Hinterachslenkung.
Extras Clubleder plus Sitzkühlung € 1.365,–, Carbon-Keramik-Bremsen € 13.566,–, Assistenz-Paket € 3.533,–, Bose € 1.892,– etc.
Dieser Test ist in autorevue 10/2026 erschienen.

