
Ein paar Gedanken zum Zeitgeist und zum Gefangensein zwischen zwei Welten, abgehandelt entlang des gelifteten Bentley Continental GT.
Überblick


Zwischen den Welten – Popkultur und Identitätssuche
In der Geschichtswissenschaft spricht man von einer sogenannten Brückenzeit: Eine Phase, in der sowohl Elemente einer früheren Epoche, als auch einer zukünftigen zu erkennen sind. Hip-Hop-Star J. Cole gehört als Jahrgang 1985 weder zur alten Garde seines Genres noch zu der jungen nachkommenden Generation. Als Brückenbauer weist der gebürtige Deutsche in seinem Song middle child (347 Mio. Aufrufe auf YouTube!) darauf hin, welche Eigenschaften seiner Meinung nach Ansehen und Ruhm verdient haben – und dass es schwer sei, sich als mittleres Kind in diesem Spannungsfeld den nötigen Respekt zu verschaffen. Er beschreibt damit nicht nur seine Situation, sondern auch die von Bentley, im Musikvideo sitzt er übrigens in einem. Auch Post Malone, einer der größten Musikstars unserer Zeit, bietet ein passendes Beispiel: Der Album-Titel Beerbongs & Bentleys (ein Song daraus, rockstar, hat 1,3 Mrd. Klicks auf YouTube!) rückt ebenso einen Konflikt zweier Welten in den Fokus, nämlich zwischen dem einfachen, ungefilterten Lifestyle als Jugendlicher inklusive Bierpong-Besäufnis und dem Bentley als Sinnbild für den späteren Erfolg. Irgendwas hat’s da mit der Suche nach der Identität.


Motorsport-DNA und historische Triumphe
Das Facelift des Continental GT, nun ausschließlich als Hybrid erhältlich, gibt Anlass, sich dieser Marke ein bisschen abstrakter zu widmen. Da sind Hersteller wie McLaren, die für Leichtbau und Motorsport stehen. Da ist Rolls-Royce, die mit dem gar nix am Hut haben, dafür aber Luxus und Komfort auf die Spitze treiben. Und Bentley? Eigentlich Sportmarke der ersten Stunde, Gründer Walter Owen Bentley war dahingehend besonders ambitioniert, 1924 der erste Gesamtsieg bei den 24 Stunden von Le Mans, zwischen 1927 und 1930 gab es vier aufeinanderfolgende Triumphe, 1929 belegte man sogar die ersten vier Plätze. Die Bentley Boys, klassische Herrenfahrer, der Marke gegenüber besonders loyal, wurden selbst zu einer Trademark. Die Einsätze auf großer Bühne waren dann aber bald für längere Zeit vorbei, es folgte die Verbandelung mit Rolls-Royce, erst 2001 kam dann nach der Übernahme durch VW die Rückkehr auf die Langstreckenbühne. Zwei Jahre später dann dafür aber gleich ein Doppelsieg.
„Hand Crafted in Crewe“: Luxusfertigung mit Tradition
Danach verlagerte man sich in Crewe auf den GT-Sport mit dem Continental. Heute gibt es generell nix Ernsthaftes mehr in Richtung Sport (zumindest aktuell, es soll aber demnächst der angeschärfte S und auch der arge Supersports kommen), der Fokus lag über die Jahre auf Luxus.
Alle Bentley-Modelle werden per Hand im Stammwerk endgefertigt, zum beträchtlichen Anteil per Hand. Man muss es gesehen haben, um es wertzuschätzen. Allein die Lager für die seltenen Hölzer sind beeindruckend und schon für sich einen Werksbesuch wert. Und natürlich die Halle per se, in der einst die Rolls-Royce Merlin-Flugmotoren der legendären Spitfire gebaut wurden. „Hand Crafted in Crewe“ steht für was.


Technik-Mix aus Konzernregal und britischer Veredelung
Und dennoch setzt der Continental GT, so der Name des zweitürigen Luxus-Coupés, seit 2017 auf eine Porsche-Plattform (nämlich auf jene des Panamera). Das heißt allerlei Technik zur Erhöhung der Fahrdynamik, Luftfederung mit Zweikammer-Dämpfersystem, aktive Wank-Stabilisierung dank 48-V-System, variable Drehmomentverteilung mittels elektronisch geregeltem Sperrdifferenzial an der Hinterachse, enorme Bremsen (Scheiben mit 420 Millimeter Durchmesser vorne, 380 Millimeter hinten) und zackige Doppelkupplung statt butterweicher Wandlerautomatik. Und natürlich der Motor, technisch mit dem Doppel-Turbo-V8 aus dem Konzern eng verwandt, etwas mehr auf Drehmoment und Komfort getrimmt, weniger spitz, kombiniert mit einer E-Maschine und Akku (Reichweite irrelevant, Hauptsache NoVA-Befreiung). Und um diese Identitätsfrage noch ein bisschen zu verkomplizieren, setzt man bei Bedienung, Software, grafischer Darstellung, Warntönen sowie bei diversen Knöpfen und Schaltern auf Audi. Eh klar, seit 2022 ist Bentley Teil der Markengruppe „Progressive“ unter deren Führung. Wenn man denn so will: britisch veredeltes Porsche-Plattform-Auto mit Audi-Piepserei.
Ist ein Bentley Continental GT also so eine Wigl-Wogl-nicht-Fisch-nicht-Fleisch-Angelegenheit?
Am besten man stellt sich diese Frage gar nicht, weil das Aufzeigen von Plattform-Gemeinsamkeiten (dein Audi ist eigentlich eh nur ein Škoda!) hat eh schon einen Bart. In der heutigen Welt ist die kulturelle Relevanz nicht mehr von nüchternen Einordnungen oder rationalen Motiven geprägt, sondern vom Vibe, der über die Popkultur und die neuen Medien transportiert wird. Musik (Rapper), Sport (Fußball, NFL- und NBA) und Kunst (Filmstars) sind maßgeblich am allgemeinen Willhaben-Faktor eines Bentleys prägend.
Souveränität statt Show: Das Bentley-Feeling
Da ist eben dieses einzigartige Bentley-Feeling. Und dazu tragen die Ausstattungsvarianten vergleichsweise wenig bei. Wir fuhren einen Azure, ursprünglich ein eigenes Fahrzeug, ein Cabrio auf Continental-R-Basis, heute ein Trimm-Level oder besser gesagt eine Variante mit Fokus auf Komfort (zum Beispiel bei den Sitzen) und optischen Nuancen und Andeutungen, wie den vertikalen Chrom-Streben im Kühlergrill, die hier durch das Blackline-Paket kaum auffallen. Vielleicht fühlen sich ein Mulliner, Speed oder auch die Basis-Variante etwas anders an, aber das ist für die Sache unwesentlich.
Das Cockpit ist ein Gedicht, alles fühlt sich so wunderbar hochwertig an, und dann noch die analogen Dreifach-Instrumente, die zum Vorschein kommen, wenn man den Bildschirm per Knopfdruck dazu auffordert, sich um die horizontale Achse zu drehen. Beim Abdrehen des Motors das gleiche Spiel nochmal, es bleibt dann eine schlichte Fläche. Schon alleine dieses Feature macht den Continental einzigartig. So geht Luxus. Bildschirm weg, Instrumente her. Oder einfach gar nix.
Fahrdynamisch wird das Bentley-Erlebnis von Souveränität und dieser Heftigkeit dominiert. So viel Masse schnell zu bewegen, das muss man sich trauen. Man kann zwar auch auf Teufel komm raus fahren, aber das fühlt sich dann doch wenig natürlich an, man rast in einem Bentley nicht, man fährt zügig. Die Masse sorgt dann für Ruhe. Auch wenn der Motor hinter der Vorderachse sitzt und so der Schwerpunkt für eine agileres Fahrverhalten mehr in die Automitte verlegt wurde, lenkt dieser Bentley niemals nervös ein. Der V8-Hybrid lädt per se eher zum ambitionierten Cruisen als zum Heizen ein, viel Drehmoment unten raus, da spürt man den E-Motor schon tatkräftig mithelfen und dort, nämlich südlich von 4000 Umdrehungen, da spielt es auch den Sound, diesen grollig-dumpfen und niemals aufgeregten Sound, den man sich in einem Bentley erwartet. Mitunter einer der Aspekte, die den V8 verraten, ansonsten hat man hier nur das Gefühl, unendlich Power zu haben, jede andere Facette wird weggefiltert. Kein Fake-Sound übrigens im Innenraum, eine Wohltat! Es gäbe da auch die Fahrmodi Comfort, Sport und Individual, aber los geht’s stets im Bentley-Mode, der so ziemlich die goldene Mitte darstellt. Das, wofür die Marke allgemein steht, für einen eigenen Mittelweg eben.
Man kann zeigen, was man hat, ohne aufdringlich zu sein. Der Bentley Continental GT ist in seiner Form und seiner Präsenz nobel-zurückhaltend (zumindest in einer edlen, dunklen Farbe, unser Kingfisher ist vielleicht nicht das beste Beispiel). Und da wäre trotz des konservativen Labels noch eine erfrischende, fast rebellische Unangepasstheit, die auch J. Cole mit seinem Bentley auslebt. „My Bentley is dirty, my sneakers is dirty, but that’s how I like it.“


Fahrdynamisch wird das Bentley-Erlebnis von Souveränität und dieser Heftigkeit dominiert. So viel Masse schnell zu bewegen, das muss man sich trauen.
© Andreas RiedmannZusammenfassung
Was wir mögen
Substanz, Wucht und klare Linie als Antithese zur flashigen Elektroauto-Bildschirm-Welt.
Was uns fehlt
Je nach Geschmack Holzlenkrad oder Sportabgasanlage.
Was uns überrascht
Dass nicht jedes Luxusauto diesen Trick mit dem drehbaren Bildschirm beherrscht.
Die Konkurrenz
Aston Martin DB12 (kein Allrad), Porsche 911 Turbo S (weniger Luxus) – beide deutlich spitzer und viel teurer (wegen NoVA).
Daten & Ausstattung
Preis | € 260.405,–. NoVA 1 %, Steuer jährlich € 3386,88. |
Motor, Antrieb | V8, Bi-Turbo, 3996 ccm, E-Motor, Achtgang-Doppelkupplung, Allrad. |
Leistung/Drehmoment | Verbrenner 382 kW (519 PS), 770 Nm. E-Motor 140 kW (190 PS), 450 Nm. System 500 kW (680 PS), 930 Nm. |
Batterie/Laden | Kapazität 21,8 kWh, Ladeleistung 11 kW. |
Fahrleistungen | Spitze 270 km/h, 0–100 km/h 3,7 sec. |
Verbrauch | 4,1 l/100 km, CO2 93 g/km. Im Test 10,9–13,1 l/100 km. |
Dimensionen | L/B/H 4895/1966/1397 mm, Radstand 2851 mm, Gewicht 2459 kg. Kofferraum 260 l, Tank 80 l, Reifen vorne 275/35 R22, hinten 315/30 R22. |
Ausstattung | Nappa-Leder, Walnuss-Holz, Rundumkameras, Torque-Vectoring, aktive Wankstabilisierung, Allrad-Lenkung etc. |
Diese Neuvorstellung ist in autorevue 3/2026 erschienen.

