Wiedersehen mit einem Unbekannten: Als sportliche Elektro-Limousine kennt man den Nio ET5 längst nicht so gut, wie er glaubt, einen zu kennen. Erkenntnisse über allerlei Details, eine kulinarische Farbe und das flotte Ganze
Überblick
NOMI Mate: KI-Assistentin mit Gesichtserkennung im Nio ET5
Der Nio ET5 begrüßt beim Einsteigen mit einem freundlichen „Schön, dich wiederzusehen!" – selbst dann, wenn man davor noch nie dringesessen ist. Eine derart unscharfe Gesichtserkennung würden sich die chinesischen Regimekritiker im eigenen Land wünschen, wahrscheinlich werden die veralteten Modelle an die Autoindustrie weitergereicht. Ein wenig aufdringlich könnte man die Begrüßung aber in Österreich empfinden, denn mittig am Armaturenbrett des ET5 sitzt eine Kugel mit einem Gesicht drauf, und die Augen verfolgen den Fahrer bis zum Aussteigen. Die begrüßende Stimme kommt wohl von dort.
Die Frage, ob man das mag, muss man sich ohnedies schon beim Kauf stellen: Die Kugel heißt NOMI Mate, ist die KI-Sprachassistentin und kostet 690 Euro Aufpreis, sie steuert etliche Funktionen im Auto und knipst auf Wunsch die Passagiere. Wir vermuten, dass Kinder unter sieben Jahren auf jeden Fall für den Kauf plädieren.
Dass der Nio ET5 auch von außen aus dem von China herbeiströmenden SUV-Gemenge raussticht, liegt nicht nur an seiner Farbe, die an eine Sauce Hollandaise erinnert, sondern an seiner Grundform. Man könnte ihn auch aus der Nähe noch mit einem Tesla Model 3 verwechseln, was gewiss auch daran liegt, dass Tesla wie Nio beim Design auf Exzessives oder Umstürzlerisches verzichtet: gestreckte, viertürige Silhouette, geleuchtet wird vorne wie hinten aus schmalen Schlitzen. Einzige stilistische Auffälligkeit des Nio sind Kameras und Sensoren an der vorderen Dachkante. Damit wirkt der ET5, als hätte man die Taxi- und Einsatzfahrzeug-Vorrüstung mitbestellt, würde tadellose nebenberufliche Möglichkeiten eröffnen. Tatsächlich schauen hier Kameras und LIDAR in die Gegend, so bekommen die vielen Assistenten ihre Informationen.
Mit dem ET5 ist also auch Nio in Österreich präsent, das Modellangebot ist bereits umfangreich: Der ET5 kommt als Limousine, EL6 und EL8 sind SUV, der Firefly gibt den noblen Kleinwagen. Den ET5 gibt's auch als Kombi, da hängen kaum Erinnerungen an Tesla dran.
Technische Daten: 490 PS und sportliche Fahrleistungen
Kurze Einordnung: Der ET5 misst 4,79 Meter, seine beiden Elektromotoren leisten gemeinsam 490 PS und 700 Nm, natürlich auf beide Antriebsachsen verteilt, die Gewichtsverteilung ist zwischen vorne und hinten perfekt ausbalanciert, und die Long Range Version kommt mit 100 kWh-Batterie. 90 kWh davon sind netto nutzbar. Wer jetzt eine gutbürgerliche Zahl lesen mag, klammert sich an die Dauerleistung von 136 PS, beim Beschleunigen drängen sich dann wieder die 490 in den Vordergrund: Vierkommanull auf hundert, das erklärt alles – dass manch potenter Elektriker noch eine gute Sekunde schneller ist: geschenkt, mit beidem vermag man Beifahrer zu erschrecken, und sich selbst auch ein wenig.
Nio selbst spricht von einer Hypercar DNA, die auf Design für intelligentes Fahren träfe, wobei wir das mit dem Hypercar eher der Werbe-Haudrauf-Sprache zuschreiben als der Realität. Sportlich trifft's schon viel eher, sowohl vom gut trainierten Auftritt her, von der tiefen Sitzposition als auch von der straffen Abstimmung von Fahrwerk und Gestühl. Kann im Alltag etwas hart rüberkommen, was jene begrüßen, die sich eine Limousine genau so vorstellen. Wer den ET5 gerne noch etwas mehr zuspitzt, wählt den Sport-Modus für hetziges Exekutieren familientauglicher Rasanz.
Innenraum: Zwischen Eleganz und Touchscreen-Herausforderung
Der ET5 verfügt aber auch über eine, sagen wir, zärtliche Seite. Sie zeigt sich vor allem beim Öffnen und Schließen der Türen mit ihrer elektrischen Entriegelung: Man berührt den Türgriff zart, wartet einen Sekundenbruchteil, dann gleiten die Türen sanft in die Hand. Wer hektisch dran reißt, wird diese Harmonie niemals kennenlernen. Beim Schließen geht's ähnlich: Ist die Tür bis zum Schloss geglitten, denn erledigt die Zuzieh-Automatik diskret den Rest.
In den Türverkleidungen selbst kontrastieren geriffelte Gummimatten mit Sakko-Stoff, die Ambientebeleuchtung schimmert nachts durch ihn hindurch. Es gibt also doch noch was zu erfinden in der automobilen Welt, neuerdings halt eher Dinge, deren Fehlen bislang niemandem aufgefallen ist.
Aufgefallen ist allerdings, dass das Bedienen eines Autos schon einmal einfacher war. Freilich, könnte man sagen, damals konnten die Autos auch deutlich weniger. Das stimmt, es könnte sich aber jetzt endlich die Erkenntnis durchsetzen, dass der Riesen-Touchscreen unterwegs zum Suchen und Touchen wenig ideal ist. Beim ET5 sind immerhin Blinker und Scheibenwischer über klassische Lenkstockhebel zu bedienen, der Rest schlummert in Menüs und Untermenüs: Zum Auffinden der Heckscheibenheizung oder des Lichtschalters bleibt man besser stehen oder man hat mit kundigen Beifahrern vorgesorgt. Das Interieur schaut im Gegenzug wunderbar aufgeräumt aus. Würde man daheim nach dieser Logik wohnen, dann müsste man alle Alltagsgegenstände in den Keller räumen und jedes Mal runtergehen, wenn man beispielsweise die Zahnbürste braucht. Vielleicht wohnen die Elektronik-Entwickler ohnedies so, es gibt ja so wenige Homestories von ihnen.
Preis und Ausstattung: 68.790 Euro für die Long-Range-Version
Der Knopf zum Öffnen des Kofferraumdeckels hingegen ist leicht zu finden, das ist nicht bei allen Autos aus China so. Dass sich statt einer Heckklappe dann nur ein Kofferraumdeckel öffnet, kommt unerwartet. Die Rücksitzlehnen lassen sich aber geteilt umklappen, was also durch die Ladeöffnung passt, wird drinnen Platz finden.
Mit Long-Range-Batterie kostet der ET5 68.790 Euro, er will also weniger als Preisdrücker überzeugen, sondern mit kompletter Ausstattung. Die Aufpreisliste ist kurz, wir empfehlen den lichtdichten Sonnenschutz fürs Panoramaglasdach um 129 Euro und unsere Lackierung in Sunbath Yellow.
Da ist die Sonnenmilch dem -schein vermutlich schon beigemengt.
Zusammenfassung
Was wir mögen
Das Limousinendesign in seiner Sehnigkeit und auch die Farbe.
Was uns fehlt
Die Heckklappe. Und Zurückhaltung beim chinesischen Firlefanz, vor allem beim Fahrerbeobachter in Armaturenbrettmitte.
Was uns überrascht
Dass sich der Eindruck solider Qualität nicht einstellen mag, auch bei der Elektronik nicht.
Die Konkurrenz
Tesla Model 3, wie man sieht. Und andere Elektriker in der 4,80-Meter-Klasse, beispielsweise Hyundai Ioniq 6, Polestar 2, BYD Seal, DS No8.
Daten & Ausstattung
Preis | € 68.790,– |
|---|---|
Motor, Antrieb | Induktionsmotor vorne, Permanentmagnet-Motor hinten, Allradantrieb |
Leistung, Drehmoment | System 360 kW (490 PS), 700 Nm. Dauer 100 kW (136 PS) |
Batterie/Laden | Kapazität 90 kWh netto, Ladeleistung 125–180 kW. Fahrleistungen Spitze 200 km/h, 0–100 km/h 4,0 sec |
Fahrleistungen | Spitze 200 km/h, 0–100 km/h 4,0 sec |
Verbrauch | 18,6–20,7 kWh/100 km, CO2 0 g/km, Reichweite 532–590 km. Im Test 19,8 kWh/100 km, Reichweite ca. 450 km |
Dimensionen | L/B/H 4790/2041/ 1499 mm, Radstand 2888 mm, Leergewicht 2180 kg, Anhängelast 750/1400 kg. Kofferr. 394–1134 l |
Ausstattung | Glasdach, Sitzheizung v., umfangreiche Assistenten etc. |
Extras | NOMI Mate € 690,–, Comfort Pack € 1.790,–, Hängerkuppl. € 990,– |
Dieser Test erschien in autorevue 3/2026.

