
Sportwagen-Klassiker unter frischen Vorzeichen: erste Berührungen mit der neuen Mittelmotor-Corvette, es wurde auch Zeit.
Überblick
Corvette C8 jetzt offiziell in Österreich
Warum eigentlich erst jetzt? Also ein Test der Corvette C8 Stingray, obwohl sie schon seit 2020 gebaut wird? Hat sich irgendwie nie ergeben, aber jetzt. Weil jetzt gibt es einen offiziellen Importeur in Wien, der die Europaversion vertreibt. Alles korrekt, mit Ottopartikelfilter, damit ein bisserl weniger Leistung und Lärm. Und so ist ein guter Zeitpunkt gekommen, sich die Vette näher anzusehen und sich ein paar Gedanken über dieses Auto zu machen, das praktisch jeder kennt, aber im Straßenbild kaum vertreten ist.


Legenden, Erinnerungen und Image der Corvette
Noch so ein Bild im Kopf von der Corvette: Jimi Hendrix in seiner 1969er Stingray. Oder auch, wie ein Freund meint: „Für mich waren Corvette-Fahrer immer stolze Menschen. Irgendwie so wie ein amerikanischer Ferrari.“ Und tatsächlich ist die Corvette in einem Atemzug mit den größten Klassikern im Sportwagenbereich zu nennen, spätestens seit der C4 von 1983. Doch wo andere, wie etwa der Porsche 911, vom Grundlayout her praktisch unverändert geblieben sind, hat die Corvette zuletzt einen heftigen Paradigmenwechsel erlebt: Mit der Generation C8 wechselte Chevrolet vom klassischen „Motor vorne, Antrieb hinten, Fahrer über der Hinterachse“-Konzept zu jenem des Mittelmotor-Layouts. Die Corvette machte somit nicht nur vom Image her, was früher chic, aber in den letzten Jahrzehnten eher so „bum, zack, in die Goschn“, frei nach den Hektikern, war und jetzt deutlich mehr in Richtung exotisches Supercar geht. So eines europäischer Natur eben, Ferrari, Lamborghini, McLaren und wie sie alle heißen. Das nur mal zur Einordnung.
500-PS-Sweetspot und Corvette Stingray
Dann wäre da auch noch folgende Situation: Unabhängig vom Herkunftsland ist man im Sportwagenbau seit ein paar Jahren mit dem Phänomen der überbordenden Leistung konfrontiert. Ein Ferrari F355 von 1994 hatte 381 PS, der zeitgenössische 296 GTB hat 830. Die Straßen haben sich aber in diesem Zeitraum nicht im gleichen Verhältnis vergrößert. Auf der Rennstrecke sind mehr PS quasi immer besser, aber wo soll man abseits dieser die heutige Performance ausfahren? Wenn man ausreichend Bekanntschaft mit Leistung im Überfluss gemacht hat, kommt man drauf, dass der Sweetspot bei aktuellen Straßenautos, mit ihren modernen Fahrwerken, Reifen und Bremsen (aber auch höherem Gewicht), bei rund 500 PS liegt. Dort rangieren die Evergreens, Porsche 911 GT3, BMW M2 und so. Und die Corvette Stingray, um die es hier geht. Mit ihrem Sechskommazwei-Liter-V8 und 482 PS weist sie so ein einzigartiges Verhältnis aus Hubraum und Leistung auf.


Hier geht’s ziemlich fahrerorientiert zur Sache, was rechts drüben passiert, ist nebensächlich. Die Sitze sind Teil des 3LT-Trimms, ebenso die Kontrastnähte, die sich in unserem Fall harmonisch einfügen, mit den roten Gurten und Bremssätteln und so. Die Software ist nicht mehr die neueste, but who cares?
© Andreas RiedmannV8 mit Charakter: Technik und Fahrerlebnis
Achtzylinder-Saugmotoren sind ohnehin selten geworden, gibt es bei uns nur mehr hier und im Mustang. Was umfassend zum Motorenerlebnis Stingray beiträgt: Der V8 ist mit einer Doppelkupplung gepaart und nicht – wie bei großen amerikanischen Motoren meist üblich – mit einer Wandlerautomatik. Die direkteren und emotionaleren Schaltwechsel lassen nicht nur den Achtzylinder selbst aufleben, sondern auch den Sound, der ohnehin seinesgleichen sucht, weil er den typischen Ami-Klang mit Zündfolge 1-8-7-2-6-5-4-3 mit relativ kurzen Abgaswegen kombiniert, heißt eine exotische Note als Draufgabe. Dieser LT2-Smallblock-V8 ist ein Drehmoment-, aber kein Drehzahl-Aggregat. Bei 6500 Umdrehungen ist Schluss. Die Übersetzung der Stingray fällt noch dazu recht kurz aus. Ergo: Man schaltet häufig, Rennwagen-Feeling, harte Gangwechsel, emotionale Geräuschkulisse. Top-Speed gering, Beschleunigung hoch. Durchzug ob ausreichend Hubraum sehr positiv.


Alltagstauglich und sportlich: Fazit zur C8
Und das macht die Stingray, so der Name der Basis-Corvette, so attraktiv. Darüber gibt es die Z06 mit 680-PS-Hochdrehzahl-V8 und flacher Kurbelwelle sowie die ZR1 als Biturbo-Hybrid mit 1079 PS, die beide in die Leistungs- und Preisfalle tappen (aber schon cool sein müssen). Zumal die Stingray auch vom Fahrverhalten hält, was sie optisch verspricht. Aber das war ja alles so auch zu erwarten, setzt Chevy doch die Corvette seit Jahren erfolgreich im Motorsport ein: Acht Klassensiege hat sie bereits in Le Mans errungen, 2015 gelang die Triple Crown im GT-Sport mit dem Sieg in Daytona, Sebring und eben Le Mans. Wenn man an diese Erfolge anknüpfen will, muss man immer noch einen draufsetzen, und das war wahrscheinlich auch mit der Grund für die Layout-Umstellung: Porsche rückte beim 911 RSR-Rennwagen den Motor weiter in die Fahrzeugmitte, bei den Straßen-Versionen blieb der Sechszylinder allerdings dort, wo er beim 11er immer war, nämlich hinter der Hinterachse. Anders bei Chevrolet: Renn- und Straßenwagen wurden auf Mittelmotor umgestellt. Das ergibt ein schlüssiges Bild.
Genau wegen dieses Motorsport-Bezuges ist es nicht weiter überraschend, dass die Corvette auch im Innenraum recht motorsportlich gestaltet ist. Wer sich einen komfortablen Ami-Sportwagen erwartet, so eine Schüssel, und sich einen Wohnzimmersessel wünscht, wird enttäuscht sein. Zwar ist es nicht so arg wie bei einem Lambo, aber man muss sich in den Sitz supersportwagenmäßig reinfallen lassen. Der ist zwar bequem und alles, aber eingebettet in eine fahrerorientierte Landschaft mit hochgezogenem Cockpit, recht wenig Bewegungsfreiheit bei den Ellbogen. Alles im Rahmen, eh ganz bequem, aber eben doch sportlich. Die Beifahrerseite ist räumlich von einer aufsteigenden Knöpferl-Leiste getrennt – voll oldschool, aber cool – und da drüben auf der anderen Seite sind die Verhältnisse ähnlich.
„Man schaltet häufig, Rennwagen-Feeling, harte Gangwechsel, emotionale Geräuschkulisse.
Top-Speed gering, Beschleunigung hoch.“
Auch das Lenkrad erinnert irgendwie an einen Rennwagen, es ist nicht rund (wie es das im GT-Auto auch nicht ist) und auch der Multimedia-Schirm ist so auch im Racer installiert (für die rückwärts gerichtete Kamera). Die Fahrdynamik muss man sich so vorstellen: Alles ist wunderbar aufeinander abgestimmt, sportlich-dynamisch, aber nicht harsch. Die Charakteristik des Antriebs wurde bereits geklärt. Die Regelsysteme darf man sich nicht so ausgereift vorstellen, wie in einem Porsche, aber dennoch tadellos, Lenkung, Bremse und Fahrwerk sind nicht so exakt und trocken, wie in einem McLaren oder so sensibel wie in einem Ferrari, sondern etwas entschärfter. Da wäre es besonders spannend zu wissen, wie sich die ärgere Z06 verhält.
Aber ganz allgemein kann man einfach nix sagen, weil in unserer Woche mit dem Auto absolut nichts negativ aufgefallen ist, Bedienung, Technik, Verbrauch, Verarbeitung, alles einwandfrei. Dazu der wirklich brauchbare Kofferraum vorne und hinten. Und wenn man dann vor so einem mittelmotor-supersportwagenmäßigen Auto mit V8-Sauger steht, in unserem Fall sogar noch als Cabrio, fragt man sich schon, ob nicht das viel geiler ist als ein überperfektes und viel gewöhnlicheres 911 Carrera Cabrio, das du gar nicht erst um den Preis bekommst. Es gibt viele Bilder der Corvette, unseres ist jedenfalls mit dem Test der C8 um zahlreiche erweitert worden.


Farbtechnisch ist das nicht unbedingt typisch Corvette, aber zeigt auch, dass es sich hier nicht um ein Auto von gestern handelt.
© Andreas RiedmannZusammenfassung
Was wir mögen
Die unverkrampfte Coolheit, die in erster Linie daher kommt, dass man sich hier auf Performance konzentriert und sonst auf nix.
Was uns fehlt
Nicht viel.
Was uns überrascht
Soft-Close für beide Kofferraumdeckel: Wo gibt es denn sowas?
Die Konkurrenz
Jegliche Mittelmotor-Sportler, die alle leistungs- aber auch preistechnisch weiter nördlich agieren.
Daten & Ausstattung
Preis | ab ca. € 160.000,– |
Steuer | jährlich € 4207,68 |
Motor, Antrieb | V8, 6162 ccm, 8-Gang-Doppelk., Hinterradantrieb. |
Leistung/Drehmoment | 354 kW (482 PS), 613 Nm. |
Fahrleistungen | Spitze 296 km/h, 0–100 km/h 3,5 sec. |
Verbrauch | 12,8 l/100 km, CO2 293 g/km. Im Test 12–14 l/100 km. |
Dimensionen | L/B/H 4634/1934/ 1234 mm, Radstand 2722 mm, Gewicht 1767 kg. Kofferraum 357 l, Tank 70 l, Reifen vorne 245/35 R19, hinten 305/30 R20. |
Ausstattung | el. Sitze, Navi, Bose-Sound, Leder, Head-up-Display, Rückfahr- und Frontkamera, induktives Handyladen etc. |
Extras | 3LT (Schalens., Kontrastnähte, Alcantara-Himmel, erw. Lederausstattung etc.) ca. € 4000,– etc. |
Diese Neuvorstellung ist in autorevue 1/2 2026 erschienen.

