
Motorjournalismus in den frühen und späten Tagen: Herbert Völker gratuliert zum runden Geburtstag.
Übers Kranksein mag er nicht reden. Jetzt ist er ja gesund. Euphorie kommt blitzartig. Die Staffel von Berlin 1936, weißt du noch, und damit meint er nun wirklich nicht, dass wir dabei gewesen wären, aber wir haben’s gelesen, können jederzeit YouTube aufrufen, klar, Heinz, ja, und er sagt Jesse Owens, Metcalfe, Draper, Wykoff, und allein wie er Ralph Metcalfe betont, weiß man, dass das sein Liebling ist, dieser Riese, der auf der Gegengeraden alles niedergestampft hat, dass der kleine Kurvenläufer Foy Draper gar nicht mehr … und so weiter … Und, Heinz, weißt du auch die Zeit? Klar, sagt er, klar, 39,8, neun-und-drei-ßig-acht und – triumphierend – Weltrekord!, als wär’s ein Stück von ihm.
Alex Kristan ist seelenerquickender Comedian und Stimmenimitator, er kann notfalls auch den Dalai Lama, am besten kann er Lauda und Krankl, Berger und Prohaska, den Herzog und den Arnautović. Und natürlich Prüller. Jung-Kristan besaß ein 1:18-Modell vom Andretti-JPS-Lotus, damit war er ja schon mittendrin in Prüllers Welt aus Funk und Fernsehen, „eine Stimme, an der man nicht vorbeikommt“, FEUER AM HECK DES MCLAREN, die ploppt die Ganslhaut.


Als junger Stimmenimitator tastet man sich an die Stimmhöhe des Vorbilds, an ein Gottesgeschenk wie den leichten S-Fehler („normal hätten s’ beim Sprechertest gesagt, machen S’ a logopädische Ausbildung“). Und natürlich an das, was Kristan „eine Überzeichnung des Inhalts zwischen den Zeilen“ nennt, ein sehr schöner Ausdruck. Wenn man die Skiweltmeisterin Deborah Compagnoni als „La Magica“ kennenlernt, die sich Asche in ihre Skibrille streicht, ich meine, wenn du das als junger Mensch zum ersten Mal vom Prüller hörst, dann wirst du nie vergessen, dass Skirennläuferinnen ein Talent zum Metaphysischen haben, warum sonst hätte Monika Kaserer ihren Glücksbringer in der Unterwäsche versteckt, und Heinz Prüller hat, sehr dezent, sehr verschmitzt, „sie hat mir ein kleines Geheimnis verraten“, im Lauf der Übertragung davon Erwähnung gemacht.
Wenn Kollegen, auch wenn sie einander recht gern haben, übereinander schreiben, kann das ein bissl heikel werden. Es hilft nicht immer, wenn sie sich schon ewig kennen, 40 Jahre, gell, ups … doch 50 … eigentlich bald 60. Es war ja auch fast noch Kinderarbeit: Eiskunstlauf-WM Prag 1962, er war beim „Express“, ich beim „Kleinen Volksblatt“, er hatte ein Flugerl auf die Karin Frohner, ich war in gymnasiastenhafter Verehrung für „das Springwunder“ Helli Sengstschmid, und die Regine Heitzer war halt leider die Beste.


Cooler Hund. Einmal zeigte er Österreichs bester Skifahrerin den Grand Prix von Spanien und stellte sich der Folklore in der Arena.
© Archiv autorevuePrüller hatte die Direttissima zu den Clans, das pflegte er sein Leben lang, er marschierte einfach mittenrein in die Boxen, in die Garderoben, ins Mobile Home, und wenn er von der Eislauftrainerin zurückkam, hatte er ein pfiffiges Gesicht, wie einer dreinschaut, der vielleicht schon weiß, ob die junge Dame morgen den dreifachen Rittberger oder den doppelten Nasenbohrer springen wird, zur Musik der Habanera oder der Bouillabaisse, wir waren ja noch nicht sehr firm. Übrigens: Dass Eiskunstlauf einmal so eine große Nummer unter den Sportarten war, glaubt ja heute kein Mensch mehr.
Unsereins musste im Sport alles machen, von Simmering – Kapfenberg bis zu rumänischen Stufenbarrenwunderkindern. Daneben pflegte man Neigungen, bei Heinz waren das Motorsport, Boxen und Damenski. SKI!, fährt Prüller am Telefon dazwischen, NICHT DAMENSKI, sondern SKI … Aber du hast doch lieber über die Annemarie Pröll und die Monika Kaserer … Nein, er wird ärgerlich, ich hab SKI gemacht, issjagut Heinz.
Boxen war sehr angesagt, Laci Papp war der Hero, Orsolics im Kommen, Wien war ein guter Boden für ernsthafte internationale Kämpfe, und so kam es zum Match Griffith gegen Wright. Griffith hatte ein paar Monate zuvor in Amerika einen Kampf gegen Paret gewonnen und dabei seinen Gegner zu Tode geschlagen. Sobald Griffith in Wien angekommen war, wurde er von Prüller interviewt. Schlagzeile im „Express“: „Der Killer mit dem goldenen Herzen“.
Du lieber Himmel, wie sich Österreich darüber entrüstete. Prüller wurde zum ersten Mal berühmt. Sportberichterstattung kam ja gerade erst aus der Betulichkeit heraus, selbst ein progressives Format wie der Fernseh- „Sportstammtisch“ mit Heribert Meisel lief in tiefer Ernsthaftigkeit ab. Die Verteidiger hießen noch Außendecker, dazwischen lauerte der Stopper (am besten Happel, der war natürlich hetzig), im Stadion gingen erstmals die Lampen an, das hieß Flutlicht. Erste englische Begriffe wurden durch die Aussprache noch weltläufiger, am besten durch ö: Cup war Köp und Lunch war Löntsch.
Gemeint ist: Als Heinz Prüller in diesen Beruf geriet, gab es die Bruchlinie zwischen Amtsblatt und Aufreißer, und wenn sich einer da so richtig hineinschmiss, war er sehr bald auffällig.
In einer Zeit, da unsere Kicker, wenn überhaupt, nur mit unglaublichem Masl ein Match gewinnen konnten (1:0 in Moskau, Rafreider!) wurde man dankbar für sogenannte Nebensportarten, eben Eiskunstlauf, Boxen, Leichtathletik (wenn Heinrich Thun den Hammer knapp an die 70 Meter flutschen ließ), erstmals auch Motorsport.
So wagte die autorevue 1965 ihr Erscheinen, und schon für die zweite Nummer bekam Prüller vom „Express“ die Erlaubnis, eine Geschichte über Jochen Rindt zu schreiben. Flott und kundig getextet und auch schon im künftigen Idiom („Allright, sagt Hill beruhigt und setzt den Sturzhelm auf“) bis zum Schlusswort („Ich würde – um es sehr englisch auszudrücken – put my money on him“), bald darauf würde man immer öfter hören: „wie man im Racing-Englisch sagt“.
Es gab natürlich etliche tapfere österreichische Rennfahrer, aber wer ein bissl einen Riecher hatte, wusste ab 1962, 63: Rindt, der führt uns aus der Provinz hinaus in die Welt. Die jeweiligen Zeitungen (Prüller: „Express“, Zwickl: „Kurier“) gaben eher nur Einspalter frei, noch juckte das Thema niemanden wirklich, bis Le Mans 1965. Im Innern der Blase war es aber absolut entscheidend, Freund zu sein mit Jochen, von der Hietzinger Partie über den Mechaniker in Liesing bis zum Juwelier im Traunsee-Chalet. Prüller war wie eine Klett’n, immer alert bis zur Lästigkeit, was ohne Handy ein Fulltime-Job war.
Von Jochen als Sprachrohr hochgeschätzt, war Heinz aber nie das, was man „Benzinbruder“ nannte. Er war kein Garagen-Kid und lernte erst durch vorsichtige Fragerei die Basics der Rennerei. Helmut Zwickl indes war der Kumpel, mit dem Jochen im Jaguar E durch Wien-Umgebung, auch Wien-Mitte, röhren und dann über die schärferen Nockenwellen vom Joschi reden konnte.


Die zwei. Prüller lebte für die weltweite Freude an der Formel 1, Helmut Zwickl drückte seine Skepsis öfter in Schrift und Mimik aus. Beide kamen zu hohem internationalem Renommee und sind seit dem Gründungsjahr 1965 Autoren der autorevue. Hier im linken Eck wird John Watson befragt, Laudas Teamkollege im McLaren-Jahr 1983.
Dazu kam, dass Prüller nie in den Verdacht geriet, ein besonders swifter Bursche am Volant zu sein. Er wehrt sich allerdings auch noch im Furor des Achtzigjährigen gegen solche Unterstellungen, es gebe ja Fotos von ihm im Renndress, im Formel-Renault etc., klar. Und dass du am Start den Retourgang drinhattest? Verächtliches Knurren. Okay, beim Start ist er nach hinten gefahren, aber ich hab das Rennen gewonnen – glaub ich nicht – ja, ja, da gibt’s hundert Zeugen, sagt Prüller. Beim Autofahren darf man dem Heinz nicht blöd kommen.
Helmut Zwickl und Heinz Prüller teilten sich den Jochen in unterschiedlichen Arten von Zuwendung, auch im Erbe, das immerhin ganz klar die einzige Perspektive bestätigte: von der Provinz in die Welt.
Zwickl war der härtere, klarere Schreiber, Prüller war detailreicher, verschwurbelter. Als sie nach Jochens Tod ihre Bücher schrieben, wählte Prüller den Titel „Tribut an einen Weltmeister“. Für Zwickl war es „Hinrichtung eines Champions“.
Anfang der 60er Jahre war das Fernsehen in unser Leben gesickert. Der ORF installierte einen sehr netten Drogisten als ersten Sportredakteur, dann kam Lucky Schmidtleitner dazu, der war immerhin Stabhochspringer (mit Alu-Stangl, die Zwischenstufe von Bambus zu Fiberglas) und sowieso eine Lichtfigur. Die Eurovision wurde zwar hauptsächlich für „Aktenzeichen XY“ und Kulenkampff erfunden, aber man übertrug auch den ersten österreichischen F1-WM-Lauf, 1964 in Zeltweg. Heinz Prüller, 23, war schon an der richtigen Stelle, wie zumeist.
Als Rindt in der Weltspitze mitfuhr, ab 1968, gehörte die sonntägliche Grand-Prix-Übertragung zum österreichischen Mittagstisch wie der Erdäpfelsalat zum Schnitzel.
Es gab kein Vorbild für Direktübertragungen, und Prüller hatte freies Feld für einen neuen Stil in Kommentar plus G’schichtln. TV-Direkt, das begann ja mit einer Kamera, dann zwei oder drei, man wurde noch nicht von 40 Positionen, Boxenfunk und Replay unterhalten, sondern da saß ein aufgeweckter junger Mann und füllte mangelnde Action mit Facts und Schnurren.
Heinz hatte alles sauber recherchiert, und wenn er uns zu Elio de Angelis die Story von Vater und Onkel und Beruf und Heimatgemeinde weiterreichte, hatte man das schöne Gefühl von Freunden in der Romagna.
Die Hauptdarsteller aus fremden Ländern mussten ja erst unserem Publikum bekannt gemacht werden, das funktionierte mit einprägsamen Beinamen. Innes Ireland war der Großwildjäger, Jim Clark der schottische Schafzüchter, Graham Hill das Pokerface, Brabham war Black Jack, John Surtees war Big John, Montoya kam als Architektensohn aus Bogotá, Mario Andretti war der Mann aus Nazareth, und wenn uralte Sagen aufgerufen wurde, kamen der Stier aus der Pampa und natürlich El Chueco, der Krummbeinige. Bei dem bedenklichen Reim „Brambilla, der Monza-Gorilla“ sagte Prüller immer dazu, dass es italienische Routine sei, und tatsächlich war Brambilla ja in Monza geboren.
Prüller ließ uns nie im Unklaren, dass seine Facts aus erster Hand stammten, ganz frisch, oft sogar ein kleines Geheimnis, „das mir Bernie Ecclestone noch beim Frühstück auf der Kyalami Ranch verriet“.


Seilschaften. Bernie Ecclestone geriet durch Jochen Rindt schon früh in eine Österreich-Connection, die über die Jahrzehnte auch für die Wege von Niki Lauda (hier 1979 in der Brabham-Zeit) und Journalisten hilfreich war. Prüller sagte gern „aus erster Hand“, wenn er die Formel 1 vom Mittelpunkt aus kommentierte.
© Archiv autorevueMan kann ruhig sagen, dass Prüller sein Fernsehpublikum großgezogen hat, generationenübergreifend, dass er den Menschen einen freundschaftlichen Umgang mit den handelnden Personen vermittelt hat, und, redlich bemüht, die wundersame Welt der Technik. Das Interesse von allen muss ja sein, mit der Schwerkraft herunterzugehen. Wenn einer heute über die Regenfahrbahn in Monaco sagt, „nur im Tunnel ist es trocken, weil da regnet es nicht“, wird er zum Shitstorm ausgerufen, seinerzeit erfrischte sich das Volk daran und stellte hetzige Listen von Prüller-Sagern auf, die im Netz noch bestens präsent sind.
Beliebtes Thema der sachkundigen Community waren „die Sachen, die der Prüller schon wieder net g’sehn hat“, am ehesten ein Überholmanöver, bei dem die Runde aufjaulte und den Kommentator höhnte, weil der im Schwung der Erzählung ganz woanders war – carried away, wie man im Racing-Englisch sagt. Tatsache ist, dass man daheim überm Schnitzelrand manchmal den besseren Überblick hatte als der Mann im Kammerl von Estoril vor einem winzigen Monitor.
Apropos Racing-Englisch oder Racing English, das war ein Bildungsauftrag. Unser aller Freund Alex Kristan erinnert sich an den Sager, der ihm bis heute am meisten Freude macht. Er stammt aus der Zeit, als die Reifen zwar nicht ansatzweise die Rolle wie heute spielten, aber immerhin, man musste ihren Zustand während des Rennens beachten – „die Reifen kommen und gehen, they come and they go, wie man im Racing-Englisch sagt“.
Wie erwähnt, gab es einen Prüller-Text bereits im zweiten Heft der frisch geborenen autorevue, 1965, seine Bücher erschienen natürlich im dazugehörigen Verlag. Norbert Orac, heute noch slim und fit und Morgan-mäßig, gestaltete den feinen Laden.
Die Unvereinbarkeit der Arbeitsweisen von Prüller und Zwickl ergab für die autorevue die Luxuslösung, dass sie einander abwechselten. Zwickl in der April-Nummer mit Monaco, Prüller im Mai aus Long Beach, Zwickl aus Spanien, Prüller aus Schweden. Grundverschiedene Zugänge, für den Leser ein klasses Wechselbad. Es schmückte die autorevue über mehr als drei Jahrzehnte. Fantastisch!


Eine österreichische Laufbahn. Austria 3, Smart Export, Astor. Danach konnte man nur noch aufhören.
Wie alle, absolut alle tapferen Journalisten unserer Zeit hackte Prüller in eine Olivetti, die entweder rot oder olivgrün sein durfte (okay, es gab auch blaue), und es ist ja unglaublich, wie diese zarten Geräte dem Furor der Hackerei widerstanden. Bei Heinz kam dazu, dass er seine Mundfertigkeit in Echtzeit ins Geschriebene umsetzen konnte. Und das waren durchaus sehr genaue Inhalte: „Während die nach einer mißglückten Zahnoperation auf einem Ohr taub gewordene Sally Courage im Begriff ist, einen Tierbändiger aus Kent zu heiraten – er lebt in einem Haushalt mit zwei Kindern, mehreren Baby-Gorillas und Baby-Tigern –, und oft mißbilligende Worte über Piers Rennfahrerkarriere hört, lebt Nina aufopfernd Jochens Andenken: Jochens Show.“
Fürs lockere Häkerl, für die Essenz des Schmähführens ohne tieferen Sinn war Prüller nie leicht zu haben. Er war eigentlich immer auf der Lauer, immer mit gespitzten Ohren, man erinnert sich nach Jahrzehnten. Unsere jetzigen Telefonate sind vergnüglich, zumindest empfinde ich das so. Wir kommen manchmal von der Ideallinie ab, und irgendwann sage ich, Heinz, wir haben doch die gleiche Frisur gehabt, damals, tief gescheitelt, hochgelegt, sorgsam geklappt, aber wenn ein Windstoß gekommen ist … Irgendwann hab ich eine Glatze gekriegt und du immer mehr Haare …
Heinz Prüller, 79, gewiss nicht leichthin:
„GERADE VON DIR hätte ich mir gescheitere Fragen erwartet.“
Samma wieder gut? Heinz grummelt noch länger herum.
Über Privates lässt sich sowieso schwer mit ihm plaudern. Ein kleiner Schlaganfall, vor mehr als zehn Jahren, aber das sei eigentlich eh nix gewesen. Er hat ja weitergeschrieben, oder?
Es gibt auch keine Boulevard-Geschichten außer der längst geschiedenen Promi-Ehe mit Nora Frey, aber dazu fällt ihm eher die Startaufstellung von Jarama 1974 ein, Lauda und Peterson in der ersten Reihe.
Heydays waren die 1970er- und 80er-Jahre. Lufthoheit des ORF mit allen Rechten, Aufstieg der „Krone“, Prüller an allen Ecken und Enden. Annemarie Pröll und vor allem Niki Lauda, alles mit dem Multiplikator von braven Medien, ohne Hass und Häme. Bald würde es allerdings Telefone ohne Kabel geben, vorab wurden zum Weekend von Ärzten schon Geräte geschleppt, die aussahen wie die Zeitzünder am River Kwai.


© Archiv autorevue
Die Lauda-Jahre wurden durch Willi Dungl zusätzlich veredelt. Man findet ja heute kaum Worte für den Willi, weil alles durch Etiketten der Hirnlosigkeit besetzt ist: „Guru“, „Kult“, „Wunderheiler“. Prüller jedenfalls gehörte zum innersten Kreis jener, die Willi Dungl kapierten. Die Wochen rund um Laudas Nürburgring-Unfall waren besonders prägend für Erlebnisse und Einsichten, die man jetzt nicht mehr erklären will, es hat sich ja alles festgefahren im neuen Gelaber.
Prüller war geschmeidig und friedfertig, ganz lieb mit der Welt. Er schaufelte einen Graben zu, bevor jemand gehackt hatte. Damit verpasste er natürlich auch wertvolle Feindschaften oder Scharmützel, die seine Texte schärfer und eindringlicher gemacht hätten. So hat er die Figuren seines Kosmos liebevoll und kenntnisreich ausgestattet … wirklich, Heinz, alle gleich, ganz-ganz gleich?
Prüller, heute: „Ich hab alle gleich behandelt, alle.“ Pause. „Abgesehen von Karin Frohner, Anneliese, Rindt, Lauda.“
Laudas Rücktritt kam 1985, danach gab’s aus österreichischer Sicht ein hetziges Jahrzehnt mit Gerhard Berger. Prüller blieb unverändert emsig, war aber parallel dazu schon seine eigene Trademark, der Mensch, der im internationalen Motorsport alles wusste, alle kannte und im Reich der FIA hofiert wurde. Dass ihn der ORF irgendwann abservieren würde, passte nicht in seine Zeitrechnung und hat ihn schwer irritiert.
Als Niki Lauda längst nicht mehr Rennfahrer war, blieb er doch für Jahrzehnte der Leitstern in unserem Rennsport-Universum, und ganz besonders in dem von Heinz Prüller. Niki hatte immer was zu sagen und Heinz würde ihn immer befragen. Es ging so weit, dass eines Tages Lauda sagte, Heinz Prüller sei sein Freund … sozusagen der erste Freund seines Lebens, denn bislang hatte er ja drauf bestanden, keinen einzigen Freund zu haben, was natürlich Quatsch war, denn es gab Bertl Wimmer und Hannes Rausch und den Kini, spät auch den neuen Gerhard Berger. Wie auch immer, diese Freundschaft war dem Heinz unendlich wertvoll.
Prüllers Welt geriet erst mit Nikis Tod so richtig aus den Fugen. Da blieb nichts mehr von Prüller’scher Schlauheit übrig, es war nur Schmerz. Das ist ja erst zwei Jahre her, und Heinz schien gar nicht mehr richtig auf der Welt zu sein, was natürlich doch auch mit den Folgen des Schlaganfalls zu tun hatte.
Für einen Kumpel wie meinereins ist es unglaublich, wie Heinz wieder zurückgekommen ist, mit hellem Geist und tollem Optimismus für alles, was da noch kommen mag … zusammen mit seiner Frau, der „Doktor Babsi“. Sie lernten einander vor fünfzehn Jahren kennen, es ging um Sport und Kraftholen im weitesten Sinn. Irgendwie fällt einem da der Spirit des Willi Dungl ein, da mag was dran sein, sagt er, sagt sie.
Barbara, gut dreißig Jahre jünger als Heinz, ist Dr. Dr. und Universitätsprofessorin für Ernährungswissenschaft. Ein rarer Fall von liebenswertem Kapazunder, wenn man das so schlampert sagen darf. Heinz ist entsprechend stolz auf sie. Die beiden lebten eine Zeit lang in Innsbruck, sind nun aber in Wien gelandet.


Seine Fans wussten ja immer, was für ein romantischer Bursche der Prüller ist. Selbstverständlich führte er seine Barbara zur Hochzeit nach Venedig.
© Archiv autorevuePrüller hat mehr als siebzig Bücher geschrieben, meistens ging’s um Motorsport, aber nicht nur. Er nannte seinen Hund Grimaldi, und als er genug über Hunde wusste, schrieb er ein Buch über Hunde.
Am wichtigsten war seine „Grand Prix Story“, die ab 1971 jährlich erschien, die frühen Jahre im Verlag Orac, also quasi bei der autorevue, nun längst im Residenz-Verlag. Die 50-Jahre-Edition passt natürlich zu Prüllers 80. Geburtstag (30. April) und ist wirklich außerordentlich.
Erstens hat sie als Destillat aus 50 Jahren Rennsport das Zeug zu einem Super-Standardwerk, sauber geordnet, zweitens werden Prüller-Werke durch Kompression eher prägnanter, ohne dass du einen Mangel beklagst (Platz für beliebte Prüller-Wendungen bleibt immer noch). Drittens gibt es zum Jubiläum eine wirklich klasse Bildausstattung von Rindt bis Hamilton. Dazu kommen bemerkenswerte Goodies. Absolut rührend sind die beiden Vorworte von Jackie Stewart, von 1971 und 2021, Faksimile der Stewart-Briefpapiere mit dem Schottenhelm, beim zweiten Mal schon mit „Sir Jackie Stewart“, und jedes Mal mit der Unterschrift des Champs, die allein für sich schon ein rechtes Kunstwerk ist. Fast unverändert über 50 Jahre.


Das Buch. Wie beschrieben, ragt es auf klasse Weise aus der Routine der Motorsport-Chroniken, auch deren von Prüller selbst. 528 Seiten. Residenz-Verlag, € 34,–.
© HerstellerWeitere Vorworte kommen von Bernie Ecclestone und Jean Todt, es folgen Liebesbriefe von Berger, Fittipaldi, Häkkinen, Mosley, Prost. Dann gibt es Fotos, Prüller 13-jährig mit Max Schmeling; mit Fangio, Brabham. Erzbischof Makarios rutscht da anonym irgendwie hinein, allerdings keine Spur von den sieben Päpsten unserer Zeitspanne.
Es gibt kurze und auch längere Freundlichkeiten von Schranz, Prohaska, natürlich Annemarie Moser-Pröll, von Alex Kristan und Gerhard Kuntschik. Der Einzige, der die Sache eher trocken sieht, ist Helmut Marko, der darf das.
Insgesamt ein vielfältiges, schönes Buch, Heinz und Heinzens Leser dürfen sich freuen.
Wir, von den Gründerjahren bis zum frischen Wind, gratulieren auch sehr herzlich.
Just keep your pecker up, Heinz, as they say in Racing English.
Ein Beitrag aus der autorevue Mai 2021
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