Rolls-Royce Phantom: Ein Problem und seine Lösung

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Das Problem: Verdammt, ich merke gerade, mein Auto hat keine von der arabischen Mashrabiya-Architektur inspirierte laser-gravierte Motorhaube! Die Lösung: Phantom Arabesque.

Rolls-Royce Phantom Arabesque

• Rolls-Royce hat ein patentiertes Laser-Gravurverfahren entwickelt, das nach fünf Jahren Entwicklungszeit erstmals am Phantom Arabesque zum Einsatz kommt. Es ermöglicht dreidimensionale, haptisch erfahrbare Muster direkt in der Lackschicht eines Fahrzeugs.
• Das Mashrabiya-Motiv wurde nicht als ästhetisches Zitat eingesetzt, sondern als gestalterisches Leitprinzip für das gesamte Fahrzeug – von der Motorhaube über das Interieur bis zu den Einstiegsleisten.
• Das neu entwickelte Verfahren ist nicht auf dieses Einzelstück beschränkt. Rolls-Royce positioniert die Laser-Gravur als Grundlage für eine neue Klasse individueller Oberflächengestaltung im Automobilbau.

Mashrabiya neu interpretiert: Wie ein Jahrtausende altes Architekturmotiv zum Karosseriedesign wird

Bevor wer blöd redet: Für jeden ist das Problem, das er gerade hat, das größte. Zu sagen, es gibt viel Wichtigeres auf der Welt, ist ein sinnloses Totschlagargument, denn: Führt man dieses konsequent zu Ende, dann gäbe es auf der Welt nur mehr ein einziges Problem, das der Erwähnung wert wäre, nämlich das eine, alleinige Allergrößte. Soviel dazu.

Und nun zur Sache. Die Mashrabiya ist kein bloßes Ornament. Das durchbrochene Holzgitterwerk, das seit Jahrhunderten Fassaden arabischer Stadtpalais, Innenhofarchitekturen und Wohnhausbauten prägt, erfüllte schon immer eine doppelte Funktion: Es gewährte Privatsphäre, ließ Licht eintreten und sorgte durch natürliche Luftzirkulation für Kühlung. Die geometrischen Muster, in Holz geschnitzt oder in Stein gemeisselt, sind ein zentrales Merkmal islamischer Baukunst und können je nach Region und Epoche in ihrer Komplexität erheblich variieren.

Für das soziogeographisch recht günstig gelegene Rolls-Royce Private Office Dubai war dieses Kulturerbe der Ausgangspunkt einer mehrdimensionalen Gestaltungsaufgabe. Die Designerin Michelle Lusby, Bespoke Lead Designer des Hauses, beschreibt die Aufgabenstellung präzise: Es ging nicht allein um die visuelle Reproduktion eines historischen Musters, sondern darum, die inhaltlichen Qualitäten der Mashrabiya – Privatsphäre, Licht, Luftfluss – im Kontext eines Automobils erfahrbar zu machen. Das erforderte, so Lusby, eine Gestaltungshaltung, die kulturelle Verwurzelung mit unverwechselbarer Markensprache verbindet.

Das Ergebnis ist ein Auto, das die Mashrabiya nicht imitiert, sondern transponiert. Das Gittermotiv findet sich auf der Motorhaube, im Interieur sowie in Form gestickter Motive auf den Kopfstützen wieder – jedes Mal in einer anderen Materialsprache, und dennoch in sich stimmig. Das Private Office Dubai, eines von fünf weltweit tätigen Auftragscentern der Marke, hat damit ein Fahrzeug geschaffen, das inhaltlich begründet ist, anstatt nur regional markiert zu sein. Die Mashrabiya ist in diesem Phantom kein Zitat – sie ist das Gestaltungsprinzip selbst.

Fünf Jahre Entwicklung: Das patentierte Laser-Gravurverfahren von Rolls-Royce

Die technisch aufwendigste Komponente des Phantom Arabesque ist seine Motorhaube – die erste laser-gravierte Motorhaube in der Geschichte von Rolls-Royce. Dass dieses Detail überhaupt realisiert werden konnte, ist das Ergebnis eines fünfjährigen Entwicklungsprogramms, das das Exterior Surface Centre der Marke eigens dafür aufgelegt hat. Das zugrundeliegende Konzept stammt aus der italienischen Sgraffito-Tradition: Durch gezieltes Abtragen oberer Schichten werden darunter liegende, kontrastierend eingefärbte Flächen freigelegt.

Im konkreten Fall wurde die Motorhaube zunächst in einem dunklen Farbton lackiert, dann mit mehreren Klarlackschichten versiegelt, bevor eine hellere Deckschicht aufgetragen wurde. Der Laser graviert das Mashrabiya-Muster anschließend mit einer Tiefe von lediglich 145 bis 190 Mikrometer in die Oberfläche – feiner als ein menschliches Haar. Dabei werden nicht nur optische Effekte erzielt: Variationen in Lasergeschwindigkeit und Intensität erzeugen subtile Nuancen, die je nach Lichteinfall unterschiedlich wirken. Jede gravierte Zone wird zusätzlich von Hand geschliffen, um eine gleichmäßige, plastisch wirkende Oberfläche zu gewährleisten.

Das Verfahren ist inzwischen zum Patent angemeldet. Tobias Sicheneder, General Manager des Exterior Surface Centre, betont, dass die Technik nicht als Einzellösung für dieses Fahrzeug entwickelt wurde, sondern als Werkzeug für künftige Bespoke-Aufträge. Die Tragweite dieser Entwicklung liegt darin, dass Rolls-Royce damit eine vollständig neue Dimension der Lackoberflächengestaltung eröffnet: Muster werden nicht mehr aufgetragen, sondern in die Karosserie hineingraviert. Optik und Haptik verbinden sich zu einer Erfahrung, die zuvor im Automobilbau nicht existierte.

Vom Exterieur ins Interieur: Konsequente Motive in Holz, Leder und Licht

Ein Fahrzeug wie der Phantom Arabesque lebt nicht allein von seiner außergewöhnlichen Motorhaube. Die Konsequenz, mit der das Mashrabiya-Motiv auch im Innenraum weiterentwickelt wurde, ist es, die das Fahrzeug zu einem stimmigen Gesamtkunstwerk macht. Das für Rolls-Royce charakteristische Gallery-Element – ein durchgehend verglastes Fach, das die gesamte Breite des Armaturenbretts einnimmt – enthält hier eine Intarsienarbeit aus Blackwood und Black Bolivar, deren geometrische Strukturierung das Gittermotiv der Mashrabiya aufgreift. Die Holzauswahl und -verarbeitung folgen dem handwerklichen Standard, der von Rolls-Royce seit Jahrzehnten gepflegt wird.

Der übrige Innenraum ist in Selby Grey und Schwarz gehalten – eine Farbwelt, die zur Strenge des geometrischen Motivs passt und es gleichzeitig nicht überwältigt. Auf den Kopfstützen von Vorder- und Rückbank sind Mashrabiya-Motive eingestickt. Die sogenannten Starlight Doors, ein optionales Ausstattungsmerkmal des Phantom, sind hier mit Selby Grey Paspelierung und schwarzen Kontrastnähten ausgeführt. Die Einstiegsleisten – beleuchtet, wie es dem Phantom entspricht – zeigen einen Querschnitt des Gravurmotivs der Haube: eine diskrete, für den Kenner lesbare Signatur des Entwurfsgedankens.

Außen präsentiert sich der Phantom Arabesque in einer Bespoke-Zweifarbigkeit: Diamond Black für die Hauptkarosserie, Silber für die oberen Flächen. Ein handgemalter Coachline in Silber, erhöht durch ein eingearbeitetes Mashrabiya-Motiv, verbindet beide Flächen. Ein beleuchteter Pantheon-Kühler mit Dark Chrome-Umrahmung, eine angestrahlte Spirit of Ecstasy sowie 22-Zoll-Leichtmetallräder in polierter Ausführung ergänzen das Exterieur. Das fertige Fahrzeug wurde einem offensichtlich gut beleumundeten Kunden aus dem Nahen Osten übergeben, der es seiner bestehenden Sammlung hinzufügt. Er hat ein Glück, dass es in seiner Gegend nie Schneematsch gibt.

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