Kommentar: Nichtleistungsgesellschaft

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Die Papierform ist das eine. Und dann gibt es noch das andere. 

In einem Fahrbericht der autorevue lesen wir ehrfurchtsvoll: „Bis zu 810 km Reichweite sollen möglich sein, geladen wird mit maximal brachialen 370 kW, das bedeutet 340 km in nur zehn Minuten!“ Pfoah! Die Rede ist von einem neuen Volvo. Es war kein Volvo, aber auch ein SUV eines renommierten Herstellers, nicht billig, im Gegenteil, mit dem ich unlängst die Ionity-Ladehochburg am Knoten Steinhäusl an der Westautobahn anfuhr. Die Batterie war noch zu 55 Prozent geladen. Ich plugte in, setzte mich wieder ins Auto und las am Display: „Verbleibende Ladezeit 1 h 4 m.“ Also stieg ich wieder aus, um am Display der Ladesäule diese gar nicht anders als verrückt sein könnende Information durch die Wahrheit falsifiziert zu bekommen, und dort stand: 39 kW. Das war die Ladeleistung, die von diesem 350-kW-Terminal, übrigens dem einzigen, das besetzt war, erbracht wurde. Die Leistung stieg einmal kurz auf 51 kW, sank dann aber wieder, schließlich kaufte ich in der Tankstelle ein gutes Toblerone-Eis und fuhr weiter, Ladestand nach einer halben Stunde: 77 Prozent. Also 22 Prozent in 30 min. 

Der hiesige Vertreter des Autoherstellers sagte, das Ladeterminal wäre schuld. Ich sage: Mag schon sein, aber eigentlich ist es egal, wer schuld ist. Oft funktioniert das alles ja super, aber oft auch nicht, und zuweilen sind grad alle Terminals offline oder es gibt sonst eine virtuell-reelle Kalamität.  

Das mit den Zahlen und der Wirklichkeit ist übrigens weit verbreitet und war es immer schon. Wir kennen ja die WLTP-Benzinverbräuche (die deutlich weiter von der Wahrheit entfernt sind als jene für Strom, das muss man auch einmal konstatieren). Und wir kennen die brustgeschwollenen Verlautbarungen von Regierungsvertretern, erst unlängst war zu vernehmen, dass jetzt die Inflation nicht mehr diese, sondern jene Zahl ausmacht, viel weniger, und eigentlich bleibt trotzdem alles ziemlich teuer. Aber wir freuen uns. 

Es ist wohl so: Nichts geht über eine solide offizielle Wahrheit. Die Überzeugung, dass alles gut ist, ist mehr wert als die Tatsache, dass wirklich alles gut ist. Wir sind empfindende Wesen viel mehr als rechnende. Regelmäßig vorkommende Widersprüche sind qua Einzelfallprinzip aufzulösen.

Dieser Kommentar ist in autorevue 3/2026 erschienen.

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