Welt- & Allesmeister
Eigentlich waren nur 5000 Autos zur Homologation nötig, aber dann wurde eine Legende daraus, die mit Pausbacken, Turbo, Allradantrieb, Kanten und Heckklappe bis heute Traktion bewahrt hat.

Der Turbolader kommt aus der alten Schule, die damals ziemlich neu war, und er ­planierte Lancias Weg in eine neue Welt: Sechsmal Rallye-Marken-Weltmeister in Serie und das beste Schweizermesser für die Straße (es gab ja noch keinen Leatherman) – aber vorerst ist da noch ein Turboloch, das sich erst langsam füllt, wenn man ein bisserl zu niedertourig eingekuppelt hat, dann aber sind die 3000 U/min niedergerungen, die Sonne scheint über die Kuppe, die Zeiger stechen nach rechts, alle drei relevanten: Drehzahlmesser und Tacho, eh klar, und die Ladedruckanzeige des Turboladers, Epizentrum der Erup­tion.

Lancia Delta HF Integrale Zeitmaschine 1987 Exterieur Dynamisch Front

Auch wenn die 185 PS heute mitunter schon in der Dieselklasse abgehakt werden: Hier spielen darüber hinaus 305 Nm, und sie finden den Ausgang über alle vier Räder, das Torsen Mitteldifferenzial verteilt den Saft im Verhältnis 56 zu 44, und damit keine Achse der anderen davonfährt, gibt’s Sperren für das Mittel- und das Hinterachsdifferenzial, da sollte nix mehr entgleiten. Dass der Delta Integrale die Gegner bei Rallyes hergebirnt hat, wird völlig klar, wenn man an einem milden Herbsttag versucht, ihn fürs Foto auf Schotter durchdrehen zu lassen. Wenn Sie hier also keinen Staub sehen: Wir haben uns bemüht, aber das Auto war besser. Es war so gut, dass in der Autorevue 11/1988 (ja, der Integrale kam langsam nach Österreich, da war er in Italien schon ein Jahr lang käuflich) vom endgültigen Fluchtauto zu lesen war, erklärt anhand der endgültigen Szene aus „Down by Law“, in der Tom Waits und John Lurie in verschiedene Richtungen davongehen und Roberto Benigni gar nirgends hin, und eigentlich sollten sie in einem Delta Integrale sitzen, diesem Universalwerkzeug für alle Fälle, die schnell vorbeigehen müssen, aber mit sicherem Tritt. (Wir mussten damals auch zugeben, dass unser Testwagen am zweiten Tag nimmer ansprang und von einem Poli­zisten zu Fuß verhaftet wurde, weil er in der Kurzparkzone verendet war, aber das waren kleinliche Einwände, die dem wahren Potenzial dieses Autos nix anhaben konnten.)

Denn eigentlich war der Delta HF Integrale nur die handzahme Version unverkäuflichen Wahnsinns, da passte es gut, dass er auch unbezahlbar war: Kostete schon die Serienversion 396.000 Schilling, als sie Mitte 1989 endlich greifbar wurde (das waren immerhin zwei Mazda 626 in Basisausstattung), so waren gebrauchte Rallyetiere nicht unter zwei Millionen Schilling zu haben, wenn sie überhaupt zu haben waren.

Der Rallyesport war das eigentliche Gehege des Delta HF, die Straßenversionen waren ­nötig für die Homologation, eine freudige Fingerübung: was im Fernsehen vorbeidriftete und schon im ersten Jahr die Marken-WM holte, blieb am Horizont, aber die 5000 zur Homologation nötigen Straßenautos brachten den Ruf an die Stammtische und in die Garagen der Fans, das hatte ein Jahr zuvor, 1986, beim ­Delta HF Turbo begonnen: schon Allrad, Turbo-Acht­ventiler mit 165 PS, 208 km/h. Die Karosserie war aber noch schmal, die Muskeln implodierten nur nach innen und unten, da war der Boden ge­ebnet für den endgültigen Auftritt im Herbst 1987: DER ­Integrale, erstmals mit Kot­flügelverbreiterungen, die bis in die Fondtüren schwellten, der 8V-Motor mit 185 PS, 215 km/h, 0 bis 100 in 6,8 Sekunden, dazu der fantastische Allrad­antrieb.

Freilich gab’s 4WD vor dem Delta Integrale, Audi war ­damit schon 1980 dran, aber der Delta war in seiner konzentrierten Stimmigkeit revo­lu­tionär: Noch nie wurde für die Serie hochkarätige Bru­ta­lität so, sagen wir, mehrheits­fähig verpackt.

Das Perfide am Delta Integrale war nämlich die Karosserie. Sie sah aus, als ließe sie sich per Mineralwasserkisten beim Großeinkauf vermessen, mit Ausnahme der Radkästen, die wurden mit Reifen gut gefüllt.

Der Delta HF Integrale war auch der erste Delta mit Pausbacken (denen mit 195er-Pneus nur dezent eingeschenkt wurde), sie sollten sich noch bis zu diversen Sondermodellen blähen, um gnädig das ­Alter der Karosserie zu ver­decken: Der Delta mit Front­antrieb kam nämlich schon 1979 ums Eck, damals herrschte in den Designabteilungen strenges Zirkelverbot und schwere Kurvenlineal­ver­ach­tung. Dennoch sollte ­seine ­Linie weitere sieben Jahre höchst aktuell bleiben: Der 16-Ventiler mit 200 PS, ­schwellender Motorhaube und 220 km/h Höchstgeschwindigkeit war in 5,7 Sekunden auf 100 km/h. Dann kam die Katalysatorpflicht in Deutschland, ­Österreich und der Schweiz, diese Länder bekamen fortan den Achtventiler mit reinen Abgasen und 177 PS.

Lancia Delta HF Integrale Zeitmaschine 1987 Interieur

Damit die Leistung in Tuchfühlung zum Stand der Dinge blieb, erhöhte Lancia einfach den Ladedruck des Turbos um 0,1 bar, manchmal können Lösungen so einfach sein. Logisch waren auch die nächsten Schritte, um die ­Rallye-Konkurrenz auf Distanz zu halten (mehr Leistung, ­technische Verfeinerung), die Serienversionen durften mit­naschen: 1991 kam der Integrale EVO1 (210 PS, ABS), 1993 der EVO2, erstmals als 16V mit Kat, Recaros mit ­integrierten Kopfstützen und Klimaanlage. Wer darin Verrat der reinen Lehre ortete, wurde vom Sondermodell Martini 5 im Früh­sommer 1992 wieder überzeugt, aufgelegt zum fünften Markenweltmeister-Titel in Serie. Das Sondermodell Martini 6 war schon im Herbst 1992 fällig. Der letzte Integrale der ersten Serie kam 1994, da hatte das Auto längst seine Fans, die schnell sein durften, aber zärtlich sein mussten.

Gegen Ende der 80er Jahre war das Rostzeitalter zwar schon weitgehend abgehakt, der Integrale überraschte aber bisweilen mit skurrilen Korrosionsnestern: Bei unserem ­Fotomodell-Auto, beispiels­weise, musste das Dach wegen kniffligen Rostfraßes getauscht werden, sonst meistens das Leo perfekter Blechqualität.

Freilich ist auch der hochgezüchtete Motor nicht frei von Schrullen, wenn man ­Vernachlässigung der Service­arbeiten einreißen lässt. Auch mit Service gab’s so manchen Schaden, immerhin erlaubt schon der Blick unters Auto zarte Hinweise auf erfrischendes Querdenken der Lancia-Techniker, damals: Die hintere Antriebswelle führt direkt durch den Tank.

Cover Autorevue 01/2011

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.