Unser erstes Kamel
Als das Abenteuer noch nicht an der Gehsteigkante lauerte, kam das erste SUV, das aber nie so hieß. Eine Geschichte der verpassten Chancen und genutzten Missverständnisse.

Man verstand ihn sofort oder nie. Er kam rechtzeitig, aber dennoch um Jahrzehnte zu früh. Die Kunden kauften mehr als erwartet, aber wer nicht kaufte, prustete seine Ratlosigkeit oft wirklich laut ins neue Segment. Er trug Jeans und Expeditionsaus­rüstung, war hinter der abenteuerlustigen Garderobe aber eher der 2WD-Softie, der sich lieber im Fernsehen die Wüstendurchquerer und Felswandkraxler anschaut. Und er war ein SUV, noch bevor dieser Name erfunden war.

Natürlich gab es 1978 schon den Range Rover, zumindest theoretisch. Praktisch musste man den auch bezahlen, damit fuhr er eher am Horizont vorbei als in die eigene Garage. Der Rancho hingegen kostete 159.000 Schilling, damit klar mehr als der teuerste VW ­Passat (138 Tausender), aber ein im Gelände deutlich kompetenterer Land Rover stand auf Augenhöhe.

1978 Zeitmaschine Talbot Simca MAtra Rancho

Heute wäre der Rancho auf Anhieb fesch, 1978 war das eher relativ, und wer seine mit diesem Auto veredelte Wirkung aufs andere Geschlecht vermessen wollte, freute sich an einem Satz aus dem Auto­revue-Test: „In den Augen nichtgeschulter Damen steht man mit dem Rancho um die Hälfte besser da als mit dem doppelt so teuren Range Rover.“

Der Matra auf den damaligen Fotos war übrigens kunstvoll mit Gatsch paniert, ein Foto zeigte ihn aber auch im Schlepptau eines Baggers. Die Schlammpassage unter dem Gespann war wirklich tief und groß, ein Range Rover hätte dort vermutlich doch mehr als doppelt so gut ausgesehen, weil eher seilfrei.

Die Technik des Rancho kam nicht aus dem Gelände, sie war brav und bürgerlich und gut eingefahren, der 1,4-l-Vierzylindermotor mit 80 PS kam aus dem Simca 1307/1308, und Basis des Rancho war überhaupt der Simca 1100 VF2, als City-Lieferwagen (welch wunderbare Brücke zu heutigen SUVs, die mehrheitlich in der Stadt wohnen!) ein Simca 1100 mit einem Kasten von Kasten hintendran. Quasi ein Werktag auf Rädern, der exakt nach sich selbst aussah. Für den Simca Matra Rancho blieb die vordere Hälfte des Autos, die nach der Methode guter Faschingskostüme eingekleidet wurde: Gitter vor den Scheinwerfern, Rammschutz-Bügel vorne, Kotflügelverbreiterungen in Hemdsärmel-Optik, dazu eine Ablage samt Reling auf dem Dach. Die glättete wunderbar geschmeidig die Stufe zum Heck, das nach Art des Hauses Matra aufgebaut war, ein Stahlgerüst mit Kunststoffbeplankung, Cinemascope-Schiebefenstern und zweigeteilter Heckklappe, deren Unterteil 150 kg bruchfrei wegsteckte. Dort war nämlich der Sitzplatz des Anglers oder Wanderers beim Schuhumziehen und Jausnen.

1978 Zeitmaschine Talbot Simca MAtra Rancho

Was Designer Antonis Volanis aus einem Kleintransporter gemacht hatte, war ein sehr frühes Freizeitauto, das seiner Namensgebung für Jahrzehnte davongefahren war. Die Autorevue schlug damals überhaupt eine Strecke zwischen In-Salah und Tamanrasset vor (man sollte sich die Sandbleche eben erst bei der Rückfahrt nach Genua stehlen lassen), dann acht Tage in Timbuktu, später eine Golfpartie in Mohammedia. So weit wollten die meisten Rancho-Besitzer dann doch nicht fahren, ihr Auto war zwar zu Ende gedacht, aber nicht un­bedingt zu Ende entwickelt: Der angedachte Allradler kam nie, beim Modell Grand Raid war zwar eine elektrische ­Seilwinde als Münchhausen-Schopf installiert, aber der Elektro­motor war schwach; der Rancho X traf mit Alufelgen und Metallic-Lack den Publikumsgeschmack perfekt, der Découvrable mit seitlichen Planen war eine Empfehlung für südliche Gegenden.

Es blieb also bei Freizeit­aktivitäten, erst so, später dann auf andere Art: Das Plastik des Hecks rostete nie, das Stahlgerüst drunter aber immer, und zwar im Verborgenen, es war die Zeit der lausigen Stahl­qualität. Außerdem ging Simca als Teil von Chrysler Europe 1978 an PSA, dort wurden alle Simcas 1980 in Talbot umbenannt und 1986 eingestellt. Da war der Talbot Matra Rancho aus Kostengründen schon drei Jahre ausgelaufen: Ende 1983 war nach 56.500 Exemplaren Schluss. Matra gehörte obendrein mittlerweile zu Renault, auch der Dreisitzer-Sport­wagen Matra Murena musste flugs eingestellt werden.

Designer Antonis Volanis aber tüftelte an einem Rancho-Nachfolger, schuf eine Monospace-Karosserie und implantierte ihr die Technik eines ­Citroën BX, doch PSA lehnte ab. So wurde er mit seiner Idee bei Renault vorstellig, das Auto ging als Renault Espace in ­Serie – und was mit ähnlicher Ratlosigkeit wie beim Rancho begann, beschleunigte zu einer Erfolgsstory. Dennoch war auch der Rancho erfolgreich, als bis dahin ertragreichstes Modell für Matra, und die Idee, Fronttriebler höher zu stellen und zu beplanken, hat den Rancho um Jahrzehnte überlebt. Bei bester Gesundheit bis heute.

1978 Zeitmaschine Talbot Simca MAtra Rancho

Überlebenshilfe.

Wer einen Rancho sucht, wird am ehesten in Frankreich ­fündig. Technische Unterlagen gibt’s antiquarisch (Revue Technique Automobile numero 391.4, Verlag ETAI), in Österreich kümmert sich die Matra Automobile IG (www.matra-automobile-ig@gmx.at) um den Rancho, Karosserieteile liefert HB Auto Pieces im Pariser Vorort Argenteuil (www.matra-bmr.com), Technikteile sind bei Autotechnik Simon in Deutschland (www.auto-simon.de) gut lieferbar.

Cover Autorevue 04/2011

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.