Mit zartem Schwung
Die erste Autofahrt war weder lang noch schnell, da blieb noch Raum für 125 Jahre Optimierungspotenzial.

Keine Diskussion jetzt, ob der Benz Motorwagen tatsächlich als erstes Automobil ums Eck bog und ob unser Siegfried Marcus aufgrund neuerer Faktenlage doch nach Benz dran und damit nicht der Erfinder des Automobils war, keine ­Diskussion auch über andere Erfinder, die vor 1886 fuhren – selbst wenn man den Fokus auf Benzinantrieb justiert, ist sich Carl Benz (1844–1929) selbst zuvorgekommen: Schon 1885 fuhr sein Motorwagen, allerdings auf dem eigenen ­Firmengelände und gegen eine Mauer, der Umgang mit der Lenkung war auch für Benz ungewohnt. Damit war der erste Unfall eines Automobils mit Benzinmotor abgehakt, beim ersten Verkehrsunfall überhaupt lässt Mercedes gewiss gerne dem Franzosen ­Nicholas Cugnot den Vortritt, der hatte sein Dampfauto schon 1769 gegen eine Mauer gelenkt, weil er auf den Einbau von Bremsen vergessen hatte.

1886 Benz Motorwagen Zeitmaschine

Auch die Schöpfung der benzinbetriebenen Panne ist Benz zuzurechnen, die ereignete sich im Zuge heimlichen Probefahrens bei Nacht, die 100 Meter zurück zum eigenen Werk ließen sich locker durch Schieben bewältigen.

In die Automobilgeschichte schrieb sich dann der Patentantrag am 29. Jänner 1886 ein, am 3. Juli gab’s die erste öffentliche Vorführung auf der Ringstraße in Mannheim, diesmal bei Tag und pannenfrei. Am Steuer saß Bertha Benz. Man darf also von frühen Marketingmaßnahmen zur Erregung männlicher Aufmerksamkeit sprechen und einem Vorpreschen der Emanzipation, der dümmliche Stammtisch­witze über Frauen am Steuer jetzt schon 125 Jahre nachhinken. Bertha Benz hatte auch den Bau des Motorwagens finanziert, nur ums Patent durfte sie nicht ansuchen – verheiratete Frauen waren nicht dazu befugt, auch die Gleichberechtigung hatte noch einen weiten Weg vor sich.

Der Motorwagen fuhr schnurstracks in die öffentliche Aufmerksamkeit und wieder heim ins Firmengelände, schöner hätte die neue Zeit nicht beginnen können. Nur die Reaktionen waren noch durchwachsen, früher Spott zählt zum Schicksal vieler bahnbrechender Erfindungen.

1886 Benz Motorwagen Zeitmaschine

Dass der Benz Motorwagen das Auto in seiner heutigen Darreichungsform vorwegnahm, wird deutlich, wenn man der Technik unter den Rockzipfel schaut: Das Benzingemisch stammte aus einem Vergaser, der auch gleich den Tank enthielt. Mit seinen 1,5 Litern war er schon einst eher sehr klein, daher spazierte Carl Benz’ Sohn Eugen bei der ­ersten Ausfahrt mit der Reserveflasche mit. In den Zylinder kam das Gemisch über einen Gleitschieber, aber für den Auslass war bereits ein Tellerventil zuständig, beaufschlagt über Nockenscheibe, Kipp­hebel und Stößelstange. Dass zur Erzeugung des Zündfunkens heute kein Rühmkorffscher Funkeninduktor mehr nötig ist, ist aus lautmalerischen Gründen schade, das Elektrodenmaterial der von Benz entwickelten Zündkerze sollte aber bis in die 30er Jahre aktuell bleiben. Die Kühlung per Wasserleitung wie beim Stationärmotor war unmöglich, Benz kühlte durch Wasserverdunstung, nach der Reichweite fragte bei der ­ersten Ausfahrt niemand.

Sie war ohnedies ein voller Erfolg für die Firma Benz, zumindest in der Mannheimer Presse: „Schon bei dem ersten Versuch wurde uns Gewissheit, dass durch die Benz’sche Erfindung ein Problem gelöst sei, mittels elementarer Kraft einen Straßenwagen herzustellen … Wir glauben, dass dieses Fuhrwerk eine gute Zukunft haben wird, weil dasselbe ohne viel Umstände in Gebrauch gesetzt werden kann und weil es bei möglichster Schnelligkeit das billigste Beförderungsmittel für Geschäftsreisende eventuell auch für Touristen werden wird.“ Carl Benz blieb näher an der vorläufigen Realität: „Überall in Stadt und Land wird der Kraftwagen zum sensationellen Ereignis. Aber ein Käufer findet sich nirgends im deutschen Vaterlande.“

1886 Benz Motorwagen Zeitmaschine

Immerhin löste ab 1886 das Niederrad, nicht grundlos ­Safety genannt, das Hochrad ab, von dem man so hoch ­runterfallen konnte, wie sein Name vermuten lässt. Noch war das Niederrad schneller als das Auto, es war billiger und brauchte kein Benzin, das nur in Apotheken zu haben war. Carl Benz benutzte selbst eines, wenn er schnell ankommen wollte, erwog gar zeitweilig die Erzeugung von Fahr­rädern, tüftelte aber dann am Auto weiter: „Den Gedanken, ein selbstlaufendes Fahrzeug als bequemen Wagen mit Motorantrieb zu erbauen, konnte ich von jetzt ab nicht mehr los werden, da ich pferdelos gefahren war, und mein Geist beschäftigte sich damit fast Tag und Nacht.“ So kam der Erfolg in Schwung: Bis in die 1890er Jahre wurden rund 25 Benz-Dreirad-Motorwagen gefertigt, drei haben überlebt, einer davon im Technischen Museum Wien, in friedlicher Nachbarschaft zum Marcuswagen.

Der Motorwagen Nummer 1 wurde später von Carl Benz ausgeschlachtet, die Teile in andere Erfindungen verstreut. 1903, Benz und Cie. in Mannheim war noch immer die größte Automobilfabrik in Deutschland, wurden die letzten Originalteile auf Bestreben des Werbeleiters wieder zusammengesucht und renoviert. Das Auto, quasi eine teilweise Replika, steht heute im Deutschen Museum München.

Und Bertha Benz fuhr weiterhin Auto: 1888 reiste sie mit dem Benz Motorwagen Nummer 3 von Mannheim über Heidelberg und Wiesloch nach Pforzheim, die 106 Kilometer gingen als erste Lang­strecken­fahrt in die Historie ein. Dass dabei auch das Pannenbeheben am Wegesrand durch die Fahrerin (Vergaserputzen mit der Hutnadel, Isolieren eines Drahtes mit dem Strumpfband, Neu­belegen der Bremse mit Hilfe eines Schusters) erfunden ­wurde, ist eine andere ­Geschichte.

Cover Autorevue 03/2011

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  1886 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.