Frl. Sportlimousine
Ein weiblicher Name für eine sportliche Limousine, die etwas individueller war als die Konkurrenz – und vor allem etwas schneller. Allerdings führte Borgward auch bei den einkonstruierten Schrullen.

Autorevue 2/2010   Autor: Martin Strubreiter   Fotografie: Andreas Riedmann

Heute sind 4,39 Meter Länge ein Standardmaß bei den Kompakten, man muss seine Maßstäbe also ein wenig einjustieren auf die Stimmung gegen Mitte der 50er Jahre, die heute in der Erinnerung dastehen wie aus Marzipan gebastelt: Europa hatte seine Wunden mit Wirtschaftswundern verarztet, die Normalität durfte wieder bunt sein und pausbäckig und ein einziger Heimatfilm, zumindest in der Theorie und in den Wünschen. Praktisch war’s für viele schon fein, auch beim Fahren ein Dach über dem Kopf zu haben, dafür waren dann die Kleinwagen zuständig. Und klein ­konnte wirklich klein sein, man blieb motorisch etwa auf dem Niveau des weggestellten ­Motorrades und kaufte etwas Ähnliches, das aber noch eine Blechhülle rundherum ­hatte und an irgendeinem Eck mindestens ein Rad mehr, sonst wäre man umgefallen.

1954 Zeitmaschine Borgward Isabella

Der VW-Käfer fuhr seinem Namen Volkswagen noch hinterher, vorerst saßen eher Leute drin, die recht gut verdienten oder sehr lange gespart hatten. Am Automarkt musste auch noch wenig verdrängt werden – jede Marke bediente ihr Revier, aus Japan kam noch nichts, was wie ein Auto aussah, und sonst eigentlich auch nix, und Deutschlands Autohersteller hatten gegen Mitte der 50er Jahre wieder aufgeschlossen, nachdem sie während des Krieges an die Pkw-Produktion nicht einmal denken durften. Ein ­Hersteller allerdings war mit dem Aufschließen schon vorgeprescht: Carl ­Friedrich Wilhelm Borgward, eine Art Selfmade-Millionär mit angewachsener Zigarre, hatte schon 1949 seinen ersten Nachkriegs-Mittelklassewagen fertig, den Hansa 1500, erstes deutsches Auto mit Pontonkarosserie, also ohne abstehende Kotflügel oder Scheinwerfer und somit von skulpturaler Windschlüpfrigkeit. Der Hansa 1500 sah modern aus, und die ­Autos der Konkurrenz waren plötzlich alt in ihren Vorkriegslinien. Dass der Hansa 1500 tief in der Zeit der Winker schon mit Blinkern typisiert werden wollte, stellte die Behörden vor eine schwierige Aufgabe, aber Carl F. W. Borgward war nicht zu stoppen.

1954 Zeitmaschine Borgward Isabella

Schon 1954 erklärte er die Hansa 1500 und 1800 (es gab sogar eine Diesel-Ver­sion) für veraltet und fuhr am 10. Juni 1954 vor Journalisten das erste Exemplar des Nachfolgers vom Band, zärtlich mit Blumen geschmückt: Gleich geblieben war vorerst nur der Name Hansa 1500, der Rest war neu, stimmig, modern und dennoch modisch, der 1,5-l-Motor leistete 60 PS, weit mehr als bei den Konkurrenten von Ford und Opel. Borgwards Liebe zum Detail mündete in per Kurbel versenkbare Dreiecksfenster, zum Einstellen der Ventile musste nicht der gesamte Zylinderkopfdeckel abgenommen werden, es gab kleine, leicht demontierbare Deckel an seinen Flanken. Der ganze Wagen mutete solide an, die Kinderkrankheiten zeigten sich dann beim ­Fahren: Die ersten Exemplare standen auf eher labilen Vorderachsen, auch die Schaltung war verbesserungswürdig, ­damals erreichten Autos ihre Serienreife bisweilen eben erst während der Produktion. Nicht verbessert wurde die Sitz­position, weil sie der Chef nach seinen Maßen eingerichtet hatte. Dass er Sitz­riese war, war das Pech der Kunden, die fortan ­etwas tief im Gestühl saßen. So auch die Beifahrer, die obendrein keine schräge Abstellfläche für ihre Füße vorfanden, sonden einen von senkrechtem Blech ­begrenzten, waagrechten Fußraum. Derlei freute die Hundebesitzer, die ihr Haustier somit besser im Fußraum ablegen konnten, alle anderen konnten immerhin eine originale Borgward-Fuß­stütze ­erwerben.

1954 Zeitmaschine Borgward Isabella

Perfekt ausgereift war der Motor, ein seitengesteuerter Vierzylinder mit Alu-Kopf, trotz seiner damals hohen Leistung extrem standfest: Motoren mit 300.000 km waren keine Seltenheit, und wenn das Novotex-Stirnrad einmal brach (und es brach unweigerlich irgendwann), dann kamen einander Ventile und Kolben nicht ins Gwirx, was die Aufräumarbeiten im Motor drastisch erleichterte.

Was Borgward nach der Präsentation flink ändern musste, war der Name. Während der Erprobung gefragt, welchen Tarnnamen man den Autos geben sollte, empfahl er mürrisch: „Schreibt meinetwegen Isabella drauf.“ Weil niemand dem Chef widersprechen wollte, fuhren die Versuchsautos also als Isabella, die Presse griff den Namen auf, erst recht nach der offiziellen Präsentation am 10. Juni, Bittbriefe der Bevölkerung ans Werk kamen dazu. So wurde Borgwards sportliche ­Limousine, eine Empfehlung an flinke ­Individualisten und abseits der Prospektzeichnungen meistens von Männern ­gefahren, weiblich.

1954 Zeitmaschine Borgward Isabella

Für Maskulines war wieder der Motor zuständig: Zur IAA 1955 kam die Isabella TS, dank Registervergaser 75 PS stark und 150 km/h schnell. Da wurden Opel und Ford noch kleiner im Rückspiegel, die Isabella galt fortan als Sportlimousine, daran konnte auch das Erscheinen des Kombi (ausschließlich mit 60 PS) nichts ändern. Als die Verkäufe leicht abflauten, schob Borgward im Februar 1957 das ­etwas barockere (und deutlich teurere) Isabella Coupé nach, die Limousine wurde zeitgleich auf Wunsch zur De-Luxe-Version aufgezuckert.

1958 wurden der Rhombus kleiner und die hinteren Kotflügel straffer, auffälligste Änderungen außen. Innen kam der Bandtacho, aber langsam lief die Isabella ihrer Zeit ein wenig hinterher, da legte sich die Modellkosmetik nur mehr gnädig drüber. Ein Nachfolgemodell mit Frua-Karosserie war bereits angedacht, dann überschlugen sich die Ereignisse bis zum Abgang des Chefs (Chronologie Seite 102), und nach den Werksferien 1961 blieben die Bänder still. In den Wirren des Konkurses wurden noch Autos von Hand gefertigt, die reifsten Isabellen ever. Sie trugen nämlich eine revolutionäre Änderung, der noch Carl F. W. Borgward aus mirakulösen Gründen zugestimmt hatte: Die Vordersitze waren vier Zentimeter höher und damit nicht nur für Sitzriesen bemessen.

Mit Borgward verschwand der kleinste der großen Hersteller in der Geschichte der Autoindustrie, mit ihm die Sport­limousine an sich. In die Lücke schwenkte 1961 der BMW 1500/1800, Alfa kam mit der Giulia bald danach, und 1964 Glas mit dem 1700. Dessen Frua-Karosserie war jene, die für einen neuen Goliath nicht mehr gebraucht wurde.

Hier geht es zu einem Feature über das Ende von Borgward.

Dein Kommentar

Du musst Dich einloggen um kommentieren zu können.
  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.