Flossen ab!
Alles war perfekt geplant, dann ging alles schief. Der Edsel – Fords größter Flop.

54 Jahre haben ihn rehabilitiert, die Fehler milde geschliffen von einer Zeit, die nie die seine war. Heute biegt der Edsel als Straßenkreuzer seiner Tage ums Eck, hinten schlicht (keine Heckflossen!), vorne mit einem Kühlergrill, den Frauenrechts-Gruppierungen verbieten wollten – und das Edselfahren gleich mit, dazu später. Er fährt sich auch wie ein Straßenkreuzer seiner Tage, also wuchtig, mit guss­eisernem Drehmoment. Mit Chrompolieren kann man ein verregnetes Wochenende retten, das spart dann Benzinkosten.

Wobei: Heute hakt man die Treibstoffkosten (18 bis 20 l/100 km) ohnedies als ­Investment für Denkmalpflege in aller Würde ab, statt sie kleinlich breitzutreten. Denn der Edsel wurde vergessen, sein Name aber hat überlebt. Noch bis tief in die 70er Jahre verlieh beispielsweise IBM den Edsel-Award an den unfähigsten Mitarbeiter, er musste einen Edsel-Grill als Narrenkappe an seine Bürotür schrauben.

Geplant war alles anders, nämlich als Erfolg: In den frühen 50ern schafften Aufsteiger selten den übergroßen Sprung von Ford zur Konzernmarke Mercury. Eine mittelpreisige Marke musste also her, davor aber eine Werbekampagne wie noch nie: Das neue Auto wurde als radikal einzigartig angepriesen, erste Sujets zeigten den Wagen verhüllt oder sehr unscharf, um die Neugier wurln zu lassen. Den Namen sollte die Agentur Foote, Cone & Belding finden, statt eines Vorschlages lieferte sie allerdings 6000 Entwürfe ab.

Die parallel beauftragte Dichterin Marianne Moore lieferte weniger Vorschläge, ließ aber offen, welche Substanzen zu Namen wie Utopian Turtletop, Pastelogram oder Moongoose Civique geführt hatten. Also griff Ford zum Namen Edsel, Vorname des jung verstorbenen Sohnes von Henry Ford I., obwohl Marktanalysen ergaben, dass der Name eher an leere Batterien (dead cell) oder Traktoren ­(Edson) erinnerte und Henry Ford II. den Namen seines ­Vaters nicht auf Radkappen rotieren sehen wollte.

Edsel wurde als völlig eigenständige Firma geführt, bekam paradoxerweise aber keine eigene Fabrik: Edsels wurden in Ford- und Mercury-Werken gefertigt, und damit die Karosserien auf die Ford- und Mercury-Fahrgestelle passten, waren sie unterschiedlich lang und auch verschieden breit, was die Ersatzteilsuche heute (Rücklichtgläser mit wenigen Millimetern Unterschied!) auch nicht leichter macht. Die Arbeiter verachteten die Edsels als Fremdkörper, auch gab es ­Probleme mit Zulieferern. So waren die ersten Vorführwagen unkomplett, in glücklichen ­Fällen lagen die fehlenden Teile mit Einbauanleitung für die Händler im Kofferraum.

Und sie waren mies verarbeitet, an den Fahrtwind verlorene Logos zählten zu den marginalen ­Fehlern, die störanfälligen ­Automatik-Drucktasten in der Lenkradnabe, durch Planetensätze waagrecht gehalten, waren auch noch leichter wegzustecken als der „Horse-­Collar-Grill“: Er wurde als vaginös empfunden, kein solides Verkaufsargument in den prüden USA. Emanzipierte Frauen schieden als Kundinnen aus, Verbote des Edselfahrens gingen nicht durch, das Image war aber ruiniert. Zusätzlich kam 1958 eine Rezes­sion, Autos verloren als Statussymbol an Gewicht, dafür stieg der Verkauf von Motorbooten. Es gab auch ein Gewinnspiel für Edsel-­Käufer, aber der erste Preis, ein lebendes Pony, galoppierte zart an den Wünschen durchschnittlicher US-Bürger vorbei. Umstritten war das Edsel-Projekt sogar firmenintern: Ford-Manager Robert McNamara, später US-Verteidigungs­minister und Präsident der Weltbank, torpedierte die neue Marke, bevor das erste Auto gefertigt wurde – und der ­Verlauf des Debakels spielte ihm in die Hände.

Für 1959 wurde der Edsel noch glatter gebürstet, nur der vaginaähnliche Grill blieb. Längst feilte Ford am dezenten Ausstieg aus dem Desaster, aber für Dezenz war’s zu spät. Sie wurde noch für den 1960er-Edsel geprobt, ein nur an Grill, Heck, Interieur und Logos geänderter Ford Galaxie, vom Modellprogramm blieb ein karger Rest, vom Wiedererkennungswert ohne den verhängnisvollen Grill überhaupt nichts. Noch im November 1959 wurde der Edsel eingestellt, Gebrauchte waren fortan Narrenkappen. Dennoch wurde schon 1967 der Edsel-Club gegründet, er soll den 50er des Autos vor vier Jahren klar freudiger gefeiert haben als Ford.

Überlebenshilfe. Da Ford Ersatzteile von Händlern zurückkaufte und vernichtete, gibt’s heute kaum New-Old-Stock-­Ware und auch keinen spezialisierten Edsel-Händler. Ohne Kontakte zum Edsel-Club (www.edsel.com) wird’s schwierig, aber die Liste der dort zum Verkauf ­stehenden Edsels ist durchaus lang.

Cover Autorevue 02/2011

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.