Die Cherryjahre
David Staretz über Pionierzeiten, als das Auto nochmals erfunden wurde, als wir raunzten, staunten und kauften.

Autorevue 4/2009   Autor: David Staretz   Fotos: Werk

Erste Wahrnehmung in der Provinz: eine gelbe Celica. Der windige Kinobesitzer, bislang Camarofahrer, hatte natürlich die erste. Wir Gymnasiasten waren gespaltener Meinung – teils begeistert („Bist du gelähmt!“), teils skeptisch (Ich: „Der heißt DIE Celica. Weiblich. Außerdem hat er, äh, sie nur 86 SAE-PS. Die zählen nicht. Wenn du das umrechnest, bleiben höchstens siebzig richtige PS. Außerdem gibt es keine Ersatzteile. Aber die braucht man ja nicht. Verrostet eh vorher“.)

Man verehrte damals: Ford Cortina, MGB, Jaguar E und Lambordschini Miura. Dabei kam es darauf an, das „dsch“ möglichst weich, also italienisch auszusprechen. Nur Unwissende sagten „tsch“. Toll auch: Ford Mustang, NSU TT, Karmann Dschia, Dreiliter-BMW und orangene Ford Capri. Über allem aber: Porsche 911. Völlig jenseits alles Vergleichbaren: Mustang Mach1. Und jetzt diese gelbe Celica. Ich übte mich in Verachtung. Dann schaffte sich noch mein Lateinlehrer einen Mazda 1800 an. Mir war das Auto sofort verhasst, ich vermeinte sogar eine gewisse Ähnlichkeit festzustellen.

Die Cherryjahre Zeitmaschine 1969 Honda S600

Dein Kommentar

Du musst Dich einloggen um kommentieren zu können.
  1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Der Bestseller eines Kleinstherstellers. Dann kam Pininfarina und der große Durchbruch. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1969Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit.