Aufschwung durch Ausblick
Die Luxusausführung wies den Weg Richtung Wirtschaftswunder. Als Oldtimer: Wertsteigerungsrekorde.

Autorevue 11/2009   Autor: Martin Strubreiter   Fotografie: Andreas Riedmann

Die Fröhlichkeit, die der Samba-Bus heute ausstrahlt, ist enorm, man sitzt weit vorne, hält das zarte Lenkrad flach wie ­einen Suppenteller in der Hand, sortiert behutsam die Informationen, die das Armaturenbrett spendiert (Geschwindigkeit, Benzinvorrat, Kilometerstand; fürs Ablesen der Uhr und Auf­toupieren der Blumen ist der Beifahrer zuständig), von hinten kommt das Rauschen des luftgekühlten Boxers, einst das ­häufigste Geräusch in unseren Straßen, aber das ist lange her.

Die wahre Luftigkeit des VW ist aber erst auf den Rück­bänken fühlbar, mehr offenen Himmel findet man heute selbst bei Cabrios kaum, das Raumgefühl ist weit und groß, man lässt sich dann gerne von den Materialien des wiedergewonnenen Selbstbewusstseins (Vinyl, hauptsächlich) in die Arme nehmen. 34 PS sind da jedenfalls ausreichend, am Anfang waren es überhaupt nur 25, später gab’s den Samba mit bis zu 44 PS, und in seinem letzten Lebensjahr durfte sogar die Elektrik auf 12V ­erstarken. Da war die Heckklappe schon so breit, dass sich die Eckfenster daneben nicht mehr ausgingen, was den Charakter des Samba nicht zerzausen konnte.

Dafür war die Zeit zuständig: 1967 standen sowohl T1 als auch das Wirtschaftswunder nicht mehr voll im Saft. Die zweite ­Generation, der T2, kam prompt, auf dem T1 basierend, dennoch ein Stück länger. Angekommen in der Ernüchterung der Gegenwart, hatte man sich einen alltagstauglichen Pragmatismus übergestülpt, da war Ausblick nach oben durch Dachlukenfenster und ein großes Faltdach nicht mehr so gefragt. Ein ­Samba-Bus kam nie wieder, schade.

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Das Plastik-Wesen konnte dennoch nicht ver­hindern, dass 1959 ein paar nicht unwichtige Entwicklungen hervorbringt: die industriell fertigbare Nylonstrumpfhose, das erste vollwertige Luftkissenboot, das im Frühjahr den Ärmelkanal quert, sowie die Einsicht von Papst Johannes XXIII., dass es mit der katholischen Kirche nicht mehr so weitergehen kann wie bisher. Der Pontifex stößt das Zweite Vatikanische Konzil an, [...] 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Rückblickend lässt sich die Krise durch ihre knappe Dauer von 13 Tagen (Dienstag, 16. Oktober, bis Sonntag, 28. Oktober) verniedlichen, 1962 aber markierte sie einen der Höhepunkte des an Höhepunkten nicht armen Kalten Krieges. Algerien und Frankreich hingegen beenden den etwas einseitig benamsten Algerienkrieg, damit wird Algerien nach 114 Jahren unabhängig. Wie überhaupt der Kolonialismus langsam [...] 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.