Der Notfall war da, bevor die Verkäufe in Schwung gekommen waren. Rund 25.000 Stück des DKW F102 standen auf Halde und warteten geduldig auf Käufer, die eher nicht kommen wollten. Der Zweitaktmotor hatte eine tolle Vergangenheit, aber keine Zukunft, das Wirtschaftswunder war wieder ein bisserl in der Wirtschaftsrealität angekommen, und die biedermeierliche Grundstimmung war noch nicht von räudigen Gitarren zerkratzt und von freier Liebe schockiert.
Von ehemals vier Marken (Audi, DKW, Horch, Wanderer) waren Mitte der 60er Jahre also DKW, zwei Takte und drei Zylinder übrig geblieben. Mehr hatte die Auto Union in den Nachkriegsjahren nicht zu bieten, und es fiel lange nicht auf: Kaufkraft und Takte liefen in knatternder Einigkeit, von der 1965, ein Jahr nach der Präsentation des neuen DKW F102, nichts mehr übrig war außer der Beharrlichkeit einiger Fans.
Sie alleine konnten die Verkaufszahlen nicht polieren.
Die Auto Union und damit DKW war quasi schon wieder verkauft, diesmal an VW. Mercedes (korrekt: Daimler Benz) hatte die Firma wieder ziehen lassen, nachdem der Einstieg 1958 nicht den erhofften Gewinn gebracht hatte (man darf vermuten: eher im Gegenteil).
VW übernahm mit der Auto Union eine Halde unverkaufter F102 und einen unter Mercedes entworfenen Vierzylinder-Viertaktmotor. Durch seine hohe Verdichtung von 11,2:1, die ihn zwischen Diesel- und Benzinmotor stellte, haselte er den Namen Mitteldruckmotor ab, eigentlich sollte er für militärische Zwecke verwendet werden und quasi alles Brennbare als Treibstoff vertragen.
Er wurde flugs zu Ende entwickelt, passte aber nicht in den Motorraum des F102. Der bekam daraufhin eine neue Front, deren Breitbandscheinwerfer sowieso besser die neuen Zeiten markierten, und er bekam vor allem einen neuen Namen. DKW war nicht mehr zu gebrauchen, also rollte im September 1965 der erste Audi nach einer anmutigen Pause von 25 Jahren auf die Straße.
Wie schwer der vierte Zylinder auch im neuen Motorraum unterzubringen war, zeigt die Anordnung des Kühlers: Er steht schräg neben dem Motor, aber immerhin bewies der Mini schon 1959, dass auch quergestellte Kühler gut kühlen.
Beim Audi sitzt der Motor ein paar Zentimeter hinter dem Grill, doch hinter dem Vierzylinder wird der Motorraum luftig, und was jetzt nach kopflastigem Untersteuern klingen könnte, fährt sich heute angenehm unkompliziert und locker und geschmeidig: Ein Auto völlig ohne Rätsel, modern mit seinem Frontantrieb, und das hoch aus dem Federn ragende Heck zeigt, dass 1965 durchaus noch schwere Lasten durch den Alltag transportiert wurden und weniger luftiges Sportgerät. Folglich fährt der Audi 60 immer ein wenig bergab, was seinen Fahrleistungen zumindest psychologisch frommt. Technisch liegt’s eher an feingliedrigen 945 kg, dass selbst der kleinste Motor der Baureihe mit 55 PS aus 1,5 l agil wirkt. (Für etwas Sportlicheres waren der ursprüngliche 1,7 l mit 72 oder 80 PS zuständig oder der 1,8 l mit 90 PS des Audi Super 90.) Die Länge des Schalthebels stimmt auf die Schaltwege ein, an der Skala des Radios wäre die heutige Senderlandschaft eher schwierig unterzubringen. Die Rundinstrumente breiten alle nötige Information klar vor dem Fahrer aus, der Drehzahlmesser war in Zeiten gut hörbarer Motoren noch nicht Allgemeingut, wiewohl der Audi 60L erstaunlich leise bleibt – das Motorengeräusch ist angenehm präsent, aber nie aufdringlich, die Torsionsstäbe lassen den Audi komfortabel federn, die Sitze passen dazu, der Seitenhalt kommt aber eher aus den Armen der Passagiere.
Von der alten Zeit kündet lediglich
die indirekte Lenkung, immerhin stand die Mittelklasse Mitte der 60er an der Schwelle zur Servolenkung, deren Einführung noch mit subtilen Tricks hinausgezögert wurde. Sympathisch alt ist die Kopffreiheit innen, sie ist auch im Fond vorhanden. 1965 verlangte niemand von seiner eher biederen Limousine, dass sie Nachbarn an ein Coupé erinnern sollte.
Modern war durchaus die Linienführung. Nach der fein verzierten Opulenz des Wirtschaftswunders war wieder ein bisserl Rückbesinnung auf Industriedesign angesagt, Bauhaus statt Hausbau, gewissermaßen.
Der Audi 60 wurde bis 1972 gebaut, und sein Selbstbewusstsein war die Drehscheibe, auf der 1968 der Audi 100 stand.
Der war nämlich ohne Zustimmung der VW-Konzernchefs entwickelt worden, die sahen die Zukunft des Ingolstädter Werkes eher in der Käferfertigung, eine drollige Fehleinschätzung einer besseren Zukunft.
Audis Cheftechniker Ludwig Kraus entwickelte also geheim in seiner Freizeit, dann bat er VW-Chef Heinrich Nordhoff zur Besichtigung.
So durfte die Neuzeit bei Audi endgültig beginnen.
Eine Idee, vier Takte, 416.853 verkaufte Exemplare, eine Konzernrettung. Was als letzte Chance 1965 auf die Straße kam, läutete den Aufstieg vom Hosen- zum Imageträger ein.
1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus.
1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens.
1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist.
1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen.
1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt.
1953Der Bestseller eines Kleinstherstellers. Dann kam Pininfarina und der große Durchbruch.
1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren.
1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann.
1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich.
1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren.
1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer.
1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type.
1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert.
1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner.
1965Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner.
1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht überall mit Erfolg herumspricht.
1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten.
1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie.
1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz.
1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten.
1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende.
1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein.
1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht.
1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht.
1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich.
1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr.
1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte.
1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit.