1989: Die Camryjahre
Frühes Japan II. Es war die Zeit des „japanischen Fabrikationsmodells“. Die Deutschen unter Ferdinand Piëch waren ganz angetan davon: Lean Production. Just in Time. Nullfehler! Die Roboterisierung des Rohbaus.

  Autor: David Staretz  

In der Krise am Beginn der neunziger Jahre war keine Rede mehr von der seit den Siebzigern propagierten „Humanisierung“ der Arbeit. Job Enrichment, nur mehr ein verblasstes Schlagwort. Jetzt ging es um flexibilisierte Arbeitsprozesse, um geringe Lagerhaltung, um schnellen Zugriff und modulare Fertigung. Immer mehr Arbeitsschritte wurden ausgelagert. Manchmal geschah das rein formal, indem die gleichen Arbeiter, die den gleichen Prozess erledigten, plötzlich zu einer anderen Firma gehörten. Oder es wurden ganze Abteilungen „draußen“ angesiedelt, entweder vor den Fabriktoren oder einige hundert Kilometer entfernt, durch rollende Lagerhaltung verbunden. So konnte man Belegschaften portionieren und durch Entlassungen Löhne drücken. (Neu Eingestellte bekommen wesentlich weniger, besonders in ohnehin kostengedrückten Zulieferbetrieben.)

Japan befand sich in einer schweren innerökonomischen Krise, doch die Export-Autoindustrie boomte.

Der MX-5 hatte den Japanern einen ideologischen Auftrieb beschert, irgendwie kriegte das, was einst als „Gelbe Gefahr“ gegolten hatte, jetzt ganz liebe Kulleraugen.

Wir hatten die Ugly Eighties noch nicht überwunden, aber es zeichnete sich freundliches Wetterleuchten am Horizont ab. Nicht nur der appetitliche MX-5 erschien auf der Chicago Motorshow im Februar 1989, auch der Honda NS-X (Vorserienmodell) und eine Neuauflage des seit 1984 gebauten Nissan 300 ZX waren dort zu sehen.

Der NS-X (V6-Vierventiler als Mittelmotor in Querlage, 3 Liter Hubraum, 274 PS) beeindruckte durch seine Kompromisslosigkeit, seine Aluminiumkarosserie war vom F16-Kampfjet inspiriert, und wir feierten ihn taxfrei als Sportwagen-Überraschung des Jahres. Speziell sein ansatzloses Hineingehen in die Kurve war verführerisch. Die Kraftentfaltung geschah in einer geradezu voreiligen Direktheit, man war eigentlich ständig mit Bremsen beschäftigt, das den größeren Teil einer rasanten Fahrt in Anspruch zu nehmen schien. Plötzlich vergaßen wir unseren nüchternen Beruf und frästen mit Freude durch die einsamen Landschaften.

In Käuferbreite erfolgreicher war der Nissan 300 ZX (2960 ccm Hubraum), vor allem in der im Herbst 1989 vorgestellten Twin-Turbo-Version mit 283 PS.

Unberufen tauchte aber zuvor noch der 200 SX in Österreich auf, mit dem niemand gerechnet hatte. Wir nahmen ihn gleich in das Dauertest-Programm auf, wobei er seine guten Reisequalitäten ausspielen konnte. Außerdem waren wir ja in eine Epoche eingeschwenkt, wo man für jeden Hecktriebler besonders dankbar war. Mit seinen knapp 170 PS war der unprätentiös hübsche Turbo-Zweisitzer ein Wagen, an den wir uns bis heute gern erinnern.

Drei Jahre später stellt Nissan den Micra vor und startet damit eine Kleinwagenoffensive. Japans naturgegebener Preisvorteil war so gut wie geschwunden, man musste sich auf Augenhöhe mit der europäischen Konkurrenz messen. Die Kleinwagenvorgabe war ein japanisches Heimspiel – Parkplätze sind dort rar und werden scharf bemessen. Renault brachte als Antwort den Twingo als Einvolumenkörper heraus, quasi ein Van in Mini-Format. Bei einer Gesamtlänge von nur 3,4 m bot der Twingo optimale Raumausnützung und Sitzplätze für vier Personen. Die Ausstattung mit nur zwei Türen und Heckklappe sowie die Beschränkung auf nur ein Motorenmodell (1,1 l, 55 PS) demonstrierten Verzicht.

Wir erprobten derweil die mit Allradantrieb kombinierte Vierradlenkung beim Mitsubishi Galant Dynamic 4, konnten aber keine durchschlagenden Vorteile entdecken. Mitsubishi auf längere Sicht wohl auch nicht.

In welch ausgetrocknetes Biotop der MX-5 fiel, zeigt ein Blick auf das japanische Umfeld: Honda führte den Accord Aerodeck und den Prelude, Mazda das 626 Coupé als Protagonisten gehobener Sportlichkeit. Micra Sunny Swift Starlet. Irgendwie waren wir in eine Fahrspur geraten, die von den sonnigen Höhen ins Tal der Rechner und Optimierer abgebogen war, und alle mussten das für richtig halten. Immerhin gab es den RX-7, dessen geschmeidige Rasanz wir bis heute vermissen. Sonst protokolliert der Autorevue-Typenkatalog ’89 so zu Recht vergessene Erscheinungen wie den Mitsubishi Starion, den Honda Civic Shuttle oder Isuzus Trooper. Aber im Grunde war alles ziemlich Camry.

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