Manch Zeit ging zu Ende
... teilweise, bevor sie überhaupt begann.

Autorevue 1970: Business as unusual

Es blühen die zarten Nischen und bunten Pflanzen: In einem Exoten-Special erfährt man zum Beispiel, dass der Rolls-Royce-Hund Sir Anthony heißt und sein Herrl einst drei Monate auf einen Simmerring warten musste. Beide fahren folglich zum Drucktermin Cadillac.

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Dass man mit Autos mehr anstellen kann als fahren, zeigt die schmucke ­Geschichte mit dem Titel „Anatomie eines Gemetzels. Die hohe Schule des Roulierens, Karambolierens und Überfahrens“. Wer lieber Praktisches mag, findet es schade, dass Bertones Idee eines Fiat 128 mit Shopping-Wägelchen von der Autoindustrie fahrlässig vernachlässigt wird.

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Noch lange nicht vernachlässigt wird der Käfer, wiewohl er der Werbung bedarf, die betont dann auch eher Klassenlosigkeit und Zuverlässigkeit. Letztere wird bestenfalls von Saab übertroffen, das Werbesujet vermeldet „Flugzeug-Qualität aus Schweden“. Dieter Quester testet den Lamborghini Espada und darf sogar eine Gedankenblase tragen, und im Juliheft stand am Cover eine Schlagzeile, die heute schon wieder gilt: „Normalisierter Pkw-Markt: Man kauft ­wieder Autos …“ Das traurigste Heft erscheint im Oktober: Jochen Rindt, 20 Seiten lang. Es werden nicht die letzten bleiben.

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Sport: Die Tragödie

Jeder, der damals dabei war, kann sich an den 5. September 1970 erinnern: Jochen Rindt ist tot, verunglückt beim Training in Monza. Sein Vorsprung in der Fahrer-WM ist da schon uneinholbar, als ­einziger Fahrer ever wird Rindt posthum Weltmeister.

1970 Zeitmaschine Was noch geschah Karl Schranz

Davor aber wird Fußball gespielt, bei der WM in Mexico. Da die FIFA ob der großen Hitze und der dünnen Höhenluft um die Gesundheit der Spieler fürchtet, sind erstmals Spielerwechsel (zwei pro Mannschaft) erlaubt, auch die Gelbe und die Rote Karte werden ­eingeführt. Die Gelbe kommt durchaus zum Einsatz, die Rote nicht. Neu ist auch der extra entwickelte Ball namens Telstar, der als rundester Ball der Welt gilt. Da er nicht braun ist wie bisher, sondern weiß und schwarz, ist er am Schwarzweiß-Fernseher deutlich besser sichtbar, nicht unwesentlich bei der ersten live übertragenen WM.

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Bei der alpinen Schi-WM in Gröden erreicht Österreich nur den dritten Rang im Medaillenspiegel, die einzige Goldene holt Karl Schranz. Des Weiteren gewinnt er den Weltcup bei den Herren.

Film & Musik: Die andere Tragödie

Die klassische Streitfrage der 60er (Beatles oder Stones?) kippt ab 1970 ins Einseitige, weil nur mehr die Rolling Stones übrig sind – die Beatles trennen sich am 10. April, wenige Tage später erscheint das vorausschauend betitelte Abschiedsalbum „Let it be“.

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Bahnbrechendes auch im Fernsehen: Die erste Tatort-Folge (Taxi nach Leipzig) wird am 29. November gesendet, die letzte wird noch lange nicht folgen. Anderen Unbilden wendet sich das Genre des ­Katastrophenfilms zu, das 1970 mit „Airport“ flügge und fürderhin auch von sehr prominenten Mimen bespielt wird. Damit das Anschauen eines Kinofilms weiter an Dramatik gewinnt, muss die Leinwand quasi den Zuschauer umhüllen, was das IMAX-Kino schafft. Erster Auftritt der kanadischen Entwicklung: die EXPO in Osaka, ­Japan. Bis heute sind noch einige IMAX-Kinos dazugekommen.

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Sehr heil ist die Welt bei der Bravo-Otto-Leserwahl: Pierre Brice und Joachim Fuchsberger siegen bei den Herren, Uschi Glas und Gila von Weitershausen bei den Damen.

Die Top-10 1970 in Österreich

1. Simon & Garfunkel - El Condor Pasa
2. Miguel Rios - A Song Of Joy
3. Mungo Jerry - In The Summertime
4. Kinks - Lola
5. Christie - Yellow River
6. Beatles - Let It Be
7. Creedence Clearwater Revival - Lookin’ Out My Back Door
8. Adamo - Ein kleines Glück
9. Soulful Dynamics - Mademoiselle Ninette
10. Shocking Blue - Venus

Cover Autorevue 07/2010

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.