„E“ wie einzigartig, einmalig
Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type.

radical   Autor: Peter Ruch   Fotos: Patrick Corminboeuf

Reden wir nicht um den heißen Brei herum, lassen wir das mit den langen Einleitungen, dem Schmus: Sie, werte Leserin, lieber Leser, sehen hier den ersten E-Type. Ganz einfach den allerersten Jaguar E-Type, auf den die Augen der Welt-Öffentlichkeit fielen, zuerst im kleineren Kreis am 13. März, dann im größeren am 15. März 1961, als das englische Sportwagen-Wunder auf dem Auto-Salon in Genf seine Premiere erlebte. Nur ganz selten besteht die Möglichkeit, den Anfang einer schönen Auto-Geschichte zu sehen - und auch noch zu fahren. Vielleicht lässt sich der Wert eines solchen Fahrzeugs sogar in Franken oder Dollar ausdrücken, doch in diesem speziellen Fall, weil es sich um ein derart legendäres, einzigartiges, weil einmaliges Fahrzeug handelt, kann solches nicht im Zentrum stehen - wir atmen hier Geschichte. Die Geschichte des Jaguar E-Type haben wir schon erzählt, deshalb wollen wir uns hier mit diesem ganz außergewöhnlichen Exemplar befassen, dem Fahrzeug mit der Chassisnummer 885'005.

Das Fahrzeug war am 6. März 1961 von einem Transporter im «Experimental Shop» von Jaguar abgeholt und zum Jaguar-Vertreter in Genf, der Garage Place Claparède, gebracht worden, wo es entweder am Abend des 8. oder am Morgen des 9. März eintraf. Dort wurde der Wagen auf die große Show am 13. März im Restaurant du Parc des Eaux-Vives vorbereitet - und in eine Holzkiste verpackt. Um 10.30 Uhr begrüsste Jaguar-Gründer Sir William Lyons die anwesenden Gäste (darunter F.W.R. „Lofty“ England, Graf Berghe von Trips, Joakim Bonnier) und Journalisten, der Deckel und die Seitenteile der Holzkiste wurden entfernt - und es herrschte, wenn man den Zeitzeugen glauben mag, zuerst einmal andächtige Ruhe. Und dann begannen sofort die Kameras zu blitzen. Bezahlt hatte die Veranstaltung übrigens die «Society of Motor Manufacturers and Traders; (SMMT), ein Arrangement, das dem als nicht ausgesprochen großzügigen geltenden Sir Lyons sicher Freude machte.

Jaguar E-Type Radical Mag 1961 patrick corminboeuf

Das Fahrzeug wurde kurz vorgestellt, dann wurden die Anwesenden nach draußen gebeten, denn dort stand ein weiterer E-Type, Chassisnummer 885'002 (besser bekannt als 9600 HP), den Bob Berry in der Nacht zuvor von Coventry nach Genf gefahren hatte. Auch hier durften die Fotografen wieder ans Werk - die Bilder der beiden E-Type gingen in den nächsten Tagen um die Welt, sie waren die große Sensation des Genfer Auto-Salons, noch bevor dieser überhaupt seine Tore geöffnet hatte. Das war auch am 14. März, dem so genannten «Presse-Tag» vor der Eröffnung des Salons, so: 885'005 war unterdessen auf den Jaguar-Stand gebracht worden, stand dort auf einem Perser-Teppich - und stahl allen anderen Neuheiten die Show.

Am Tag der feierlichen Eröffnung des Salons durch den damaligen Bundes-Präsidenten Traugott Wahlen war der Andrang auf dem Jaguar-Stand gewaltig. Der Schweizer Importeur Emil Frey passte den richtigen Moment ab, um Wahlen zu sich auf den Stand zu bitten und ihm das Auto zu zeigen; die Aufmerksamkeit des Bundes-Präsidenten soll ihm für längere Zeit sicher gewesen zu sein.

Am 16. März war auch der erste Roadster in Genf eingetroffen (das Fahrzeug ist bekannt als RW77 und existiert ebenfalls noch) - und Hunderte von Kauf-Interessenten standen sich vor den Toren des Salons die Flüsse in den Bauch, um mit dem Coupé (9600HP) oder dem Cabrio (RW77) eine Runde drehen zu dürfen. Am Steuer der E-Type saßen wieder Bon Berry, der eine kurze Formel-1-Karriere hinter sich hatte, sowie der legendäre Jaguar-Testfahrer Norman Davies. Die beiden machten sich anscheinend einen Spaß daraus, einen ebenfalls als Testwagen bereits stehenden Ferrari zu düpieren, nach ihm loszufahren, ihn dann zu überholen, und mit einem breiten Lächeln im Gesicht wieder vor dem Italiener beim Salon einzutreffen.

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