Tür, Gurt, Start!
Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein.

Autorevue 1/2010   Autor: Wolfgang Hofbauer   Fotos: Werk

Das Jahr, in dem Ulrike Meinhof starb und Georg Friedrich Prinz von Preußen, aktueller Thronanwärter von Deutschland, geboren wurde: ein Jahr der Gegensätze.

1976 Das Jahr Mercedes W123 Ulrike Meinhof

Meinhof hat sich in ihrer Zelle im Gefängnis Stuttgart-Stammheim (höchstwahrscheinlich) selbst erhängt. Ihr Tod leitete das Ende der ersten Generation der RAF ein, im Jahr darauf folgte ihr mit Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe ein Großteil der restlichen Führungscrew in den Freitod. Deutschland konnte beginnen, sich langsam vom Ausnahme­zustand zu verabschieden.

Österreich, trotz Bruno Kreisky weltpolitisch und auch sonst nur von mittlerer Bedeutung, war vom Terrorgeschehen der Siebzigerjahre nur am Rande betroffen. Im Jahr zuvor hatte sich das Land noch bei der Verabschiedung der OPEC-Terroristen auf dem Flughafen Schwechat lächerlich machen dürfen (Innenminister Otto Rösch hatte Carlos, dem Chef der Entführer, die Hand geschüttelt). Und Ende 1976 überfiel die Deutsche ­Waltraud Boock gemeinsam mit einem Komplizen, der vielleicht ihr damaliger Ehemann Peter-Jürgen Boock war (offizielles RAF-Mitglied), eine Bank in Wien, wurde aber von Passanten verprügelt und sodann eingesperrt (der Komplize nicht).

Anderer Umgang mit der Materie in der ugandischen Hauptstadt Entebbe im Sommer 1976. Die acht arabischen und zwei deutschen Terroristen hatten es auf die große Mehrheit der jüdischen unter den 103 Geiseln in der entführten Air France-Maschine abgesehen. Ein israelisches Kommando befreite am 3. Juli die Geiseln (drei kamen dabei ums Leben), ­tötete sieben Terroristen und 45 ugandische Soldaten, die die Terroristen unterstützt hatten. Die Israelis verloren einen Mann: ihren Anführer Jonathan Netanjahu, den Bruder des derzeitigen Ministerpräsidenten.

Nicht, dass hier nichts passiert wäre. So herrschte ab 1. Juli Gurtenpflicht. Im März gab Bundeskanzler Bruno Kreisky bekannt, dass er die palästinensische Befreiungsorganisation PLO anerkennen wolle. Zufällig kurz darauf verkündete die OPEC (Organisation Erdöl exportierender Länder), ihren Hauptsitz in Wien belassen zu wollen. Und ein paar Tage später kam der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat nach Wien, um sich über den „Sozialismus österreichischer Prägung“ zu informieren. Kreiskys Hang zu allem Arabischen hat ihm nicht nur Freunde eingebracht, naturgemäß zu allerletzt in Israel.

Einer anderen Figur aus Österreich vertraute 1976 noch die Welt, was sie später nicht mehr tun sollte: Im Dezember wurde Kurt Waldheim als UNO-Generalsekretär wiedergewählt.

Und dann, am 1. August – dem Tag, an dem Niki Lauda am Nürburgring verunglückte – stürzte um 4.43 Uhr in der Früh die Wiener Reichsbrücke ein. Dass es nur einen Toten gab, ist der frühen Uhrzeit zu verdanken.

1976 – ein Jahr auch der Luftfahrtkatastrophen. Im März stürzte eine Iljushin der Aeroflot ab (127 Tote), im September eine Boeing 727 der Turkish Airlines (176 Tote). Der spektakulärste Unfall passierte aber im jugoslawischen Luftraum, als eine DC-9 der Inex Adria Aviopromet mit einer Trident der British Airways zusammenstieß, indem zunächst die Flügelspitze der DC-9 durch das Cockpit der Trident säbelte. 176 Tote waren die Folge, am Boden wurde eine Bäuerin von Trümmern erschlagen.

Eine dagegen sehr bodennahe Katastrophe passierte am 6. Mai im italienischen Friaul: Als gegen 21 Uhr die Erde bebte, wankten in Kärnten die Maibäume. In Italien starben etwa 1000 Menschen, ein Vielfaches davon war monatelang obdachlos.

Aus dem Häuschen hingegen waren die Österreicher, und dies schon ein paar Monate vorher: Bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck holte Franz Klammer im Abfahrtslauf die Goldmedaille mit einem knappen Coming-from-behind-Sieg über den Schweizer Bernhard Russi.

1976 Das Jahr Mercedes W123

Neben der Gründung der Computerfirma Apple am 1. April und der ersten Marslandung am 20. Juli ist die Hochzeit zwischen der Deutschen Silvia Sommerlath und dem schwedischen König Carl XVI. Gustav von Gewicht. Carl Gustav ist ein Ururenkel der englischen Königin Victoria. Georg Friedrich Prinz von Preußen andererseits, aktueller Thronanwärter von Deutschland, ist ein Ururururenkel derselben. Somit gibt es auch hier einen Bezug.

1976 Das Jahr Mercedes W123 RAF Logo

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.