Phantastischer Irrealismus
Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer.

Autorevue 7/2009   Autor: Stefan Schlögl   Fotos: Werk

Das Jahr ist noch nicht einmal zwei Stunden alt, als es ­kurzerhand Richtung Revolution abbiegt. Am 1. Jänner lässt der kubanische Diktator Fulgencio Batista in den frühen Morgenstunden eilig ein paar Habseligkeiten zusammenraffen, er selbst greift sich einen Koffer mit 40 Millionen US-Dollar Bargeld, um sodann Richtung Dominikanischer Republik zu entfliehen. Sieben Jahre zuvor hatte der Sohn eines Zuckerrohrplantagen-Besitzers den Guerilla-Kampf gegen Batista aufgenommen, am Neujahrstag 1959 sollte sich der Mann als ­Anführer der kubanischen Revolution seinen Eintrag in die ­Geschichtsbücher erobern: Fidel Castro, damals Weltverbesserer, ein paar Jahre danach Beinahe-Auslöser des Dritten Weltkrieges, in weiterer Folge ideologieversteinerter Diktator.

Zeitmaschine 1959 Das Jahr Fidel Castro

Und nicht ­zuletzt: gefürchteter Redner – was vor allem die Länge seiner Suaden betrifft. Bis zu zehn Stunden hat sich der Máximo Líder mitunter gegönnt, um seine Weltsicht auszubreiten. Das reichte offenbar, um bei Sozialromantikern eine schräge Liebe für ­seinen Hardcore-Sozialismus mit karibischem Antlitz auszulösen. Nicht minder schräg die Liebe des Neoliberalen für illegal importierte Havanna-Zigarren. Seltsam, die Thrills der Mächtigen.

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  1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Der Bestseller eines Kleinstherstellers. Dann kam Pininfarina und der große Durchbruch. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit.