Neue Neuzeit
Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich.

Als Dekorationsobjekt hätte die 58-cm-Alukugel auf Spinnen­beinen sicher wohlige Zustimmung ausgelöst, als Weltraum­satellit Sputnik hingegen, von den Russen am 4. Oktober 1957 als Erster seiner Art ins All bugsiert, löst sie den nach ihr benannten Sputnikschock aus: Die UdSSR liegt im Weltraum­rennen jetzt eindeutig vorne und würde Dinge überallhin transportieren und auch abwerfen können. Atombomben zum ­Beispiel, die hat die UdSSR nämlich auch längst. Damit erreicht der Kalte Krieg eine neue Dimension, freilich sollten die USA nach Beiseiteschieben des Sputnikschocks gleichziehen.

Rückschläge gibt’s in den USA beim Abschaffen der Rassendiskriminierung: In Little Rock, Arkansas, hindert der Gouverneur mittels Nationalgardisten neun farbige Studenten am ­Besuch der Central High School. Sie bekommen Verstärkung durch die von Präsident Eisenhower entsandte 101. US-Luft­landedivision und dürfen drei Wochen später doch den Unterricht besuchen.

Versöhnliche Gesten setzt hingegen Europa: Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft wird im Rahmen der europäischen ­Integration am 25. März 1957 durch Unterschreiben der Römischen Verträge gegründet. Dabei sind damals Italien, Frankreich, die Benelux-Staaten und auch schon die BRD. In der DDR tritt auch etwas in Kraft, nämlich eine kleine Novelle der Straßen­verkehrsordnung, die BRD hält eine Geschwindigkeitsbeschränkung auf 50 km/h in Ortschaften dagegen.

1957 Das Jahr Zeitreise Zeitmaschine Mercedes-Benz 220S Leopold Figl

In der BRD greift die Nachkriegs-Normalisierung weiter um sich, die Bundeswehr darf die ersten Wehrpflichtigen einberufen. Als Gegengewicht wenden sich 18 deutsche Atomforscher (die „Göttinger Achtzehn“) per Göttinger Erklärung gegen die geplante nukleare Aufrüstung der ­Bundesrepublik. Genützt hat das nix, immerhin geht aus den Göttinger Achtzehn 1959 die „Vereinigung Deutscher Wissenschafter“ hervor, die sich einer verantwortlichen Wissenschaft verpflichtet fühlt und versucht, dem dafür nötigen Bewusstsein Raum zu schaffen.

Von Normalisierung wenig zu spüren ist in der DDR, immerhin wird seit 11. Dezember, die Berliner Mauer ist noch knapp vier Jahre entfernt, das unerlaubte Verlassen des Staatsgebietes als Republikflucht geahndet, was für die, die dabei erwischt ­werden, nichts Gutes bedeutet. Rund drei Millionen DDR-­Bürger fliehen dennoch bis 1989, wohingegen sich rund 550.000 BRD-Bürger freiwillig für den Umzug in den ­Osten ­entscheiden.

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Der idyllischen Benennung traditionell kundig ist die Volksrepublik China: Unter dem Titel „Hundert-Blumen-Kampagne“ hält Mao Zedong eine Rede zur Frage der richtigen Behandlung von Widersprüchen im Volk. Man darf annehmen, dass der Wahrheit nicht lückenlos zum Durchbruch verholfen wurde.

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In Österreich wird nach Theodor Körners Tod Adolf Schärf (SPÖ) am 5. Mai zum Bundespräsidenten gewählt, durchaus rechtzeitig für die Nachrichtensendung „Zeit im Bild“, die im noch jungen Fernsehen am 1. Jänner 1957 erstmals ausgestrahlt wird. Dort kommt auch der bislang ungeklärte Mord an der Frankfurter Nobelprostituierten Rosemarie Nitribitt prominent vor. Sie wird am 1. November tot in ihrer Wohnung aufgefunden, die völlige Erfolglosigkeit der Polizei bei der Aufklärung des ­Verbrechens nährt Gerüchte, ­einer der prominenten Kunden wäre in Mord und Behinderung der Aufklärung gleicher­maßen involviert gewesen. Nitribitt war die gewiss bekannteste Fahrerin eines Mercedes 190 SL, was dem Modell seinen bei Mercedes wenig beliebten ­Beinamen verlieh. Der Verbleib des ­Autos der ­Ermordeten ist bis heute ­unbekannt.

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Cover Autorevue 09/2010

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.