Eine Art von Wende
In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie.

Autorevue 7/2010   Autor: Martin Strubreiter   Fotos:

Am 1. März wählt Österreich, und zwar anders: Erstmals in der Geschichte der unterbrochenen und an und für sich noch nicht so alten Republik erhält die SPÖ eine relative Mehrheit, Bruno Kreisky riskiert eine Minderheitsregierung (und gewinnt im Jahr darauf erstmals die absolute Mehrheit, womit ein Jahrzehnt lang das Wort „Koalitionsverhandlungen“ in keinerlei Nachrichtensendung auftauchen muss).

Deutschland ist auch 25 Jahre nach dem Krieg noch um ­einen Zustand bemüht, der sich unter Normalität ablegen lässt. Zu diesem Behufe unterzeichnen die BRD und Polen den Warschauer Vertrag, zuvor sorgt der deutsche Kanzler Willy Brandt für Aufmerksamkeit, indem er an der Stelle der ehemaligen Warschauer Ghettomauer niederkniet, wobei andächtiges Innehalten im Stand auch den Gepflogenheiten entsprochen hätte. Das Ereignis geht als Kniefall von Warschau in die Geschichte ein, heute steht ein Denkmal am danach benannten Willy Brandt-Platz, 150 Meter nordwestlich der Kniefall-Stelle. 48 Prozent der Deutschen finden die Geste 1970 zwar übertrieben, sie ebnete aber einer neuen Ostpolitik den Weg, und der Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt ebenso. Spekulation herrschte auch, ob Willy Brandt den Kniefall geplant oder spontan absolviert hatte, auf Nachfrage stellte er klar: „Ich hatte plötzlich das Gefühl, stehen reicht nicht.“

1970 Das Jahr Brandt

Radikalere Methoden, die Vergangenheit abzuschütteln, wählt die Rote Armee Fraktion. Nach ihrer Gründung am 14. Mai befreien Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und einige Helfer Andreas Baader aus der Haft, der weitere Weg bleibt ­blutig und wird Deutschland noch viele Jahre beschäftigen. Die Ereignisse können die Deutschen per sofort in Farbe verfolgen. Immerhin haben die ARD die Tagesschau und das ZDF die Nachrichtensendung „heute“ einhellig am 29. März auf Farb-TV umgestellt, wovon freilich nur jene profitieren, die sich schon einen Farbfernseher geleistet haben.

1970 Das Jahr Charles de Gaulle

Nicht so feinsinnig wie beim Unterzeichnen des Warschauer Vertrages ist Polen übrigens schon wenige Tage später, diesmal den eigenen Bürgern gegenüber: Als vom 14. bis 22. Dezember Arbeiteraufstände in mehreren Städten ihren Unmut über Preissteigerungen und sonstige Unfreiheiten artikulieren, beantworten Polizei und Militär die Streiks und Massendemonstrationen mit Gewalt, mehrere Menschen sterben, die Reformkräfte haben noch einen langen Weg vor sich, Geschmacksrichtung bitter.

Auch nicht problemfrei verläuft die Reise der Raumfähre Apollo 13, am Weg zum Mond zwingt eine Explosion im Sauerstofftank zum Umdrehen und auch zum heftigen Improvisieren, damit die Mannschaft unversehrt wieder die Erde erreichen kann. Die dritte Mondlandung wird also verschoben und von Apollo 14 im Februar 1971 nachgeholt.

Auch kriegerisch sind die USA wieder aktiv. Um Nachschubwege der Nordvietnamesen durch Südvietnam abzuschneiden, greifen US-Streitkräfte Kambodscha an, Präsident Richard ­Nixon persönlich erklärt dem Fernsehpublikum vorher, was bald erfolgen wird. Militärische Geheimhaltung war also noch nicht so extrem wichtig, vermutlich war die Zahl der Fernseh­apparate in Kambodscha gering, von den mangelnden Über­tragungsmöglichkeiten abgesehen.

Mit Charles de Gaulle verstirbt 1970 im Alter von 80 Jahren einer der prägendsten Politiker des 20. Jahrhunderts. Wesentlich jünger sind die stilbildenden Musiker, die 1970 der exzessiven Verkörperung des Musikerlebens zum Opfer fallen: Janis Joplin und Jimi Hendrix werden lediglich 27 Jahre alt, gemeinsam mit Brian Jones, Jim Morrison und Curt Cobain, alle im selben Alter verstorben, werden sie später dem Club 27 zugerechnet.

1970 Das Jahr Expedition Range Rover

Schnell lebt auch Gary Gabelich, der am 7. Oktober 1970 als erster Mensch mit einem Landfahrzeug die 1000 km/h überschreitet: Seine Blue Flame, eine Art bemannte Rakete auf ­Rädern, erreicht 622,407 mph. Gabelichs Hoffnung, damit auch 750 mph abhaken zu dürfen, scheitert mangels Interesse der ­Eigentümer, der Rekord hält immerhin bis 1983.

Cover Autorevue 07/2010

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.