Die Hitze des Sommers
Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten.

Autorevue 4/2009   Autor: Stefan Schlögl  

Was war Woodstock? Es war Chaos. 400.000 Musikfestival-Besucher drängten sich auf dem Gelände einer Farm in Bethel, US-Bundesstaat New York. Überlebende, allesamt. Noch einmal 600.000 Menschen verstopften mit ihren Autos die Zufahrtsstraßen. Sie sollten den historischen Acker nie erreichen. Vorne, weit weg, auf der Bühne standen die Wortführer einer Generation, die sich im August des Jahres 1969 daran machte, die Fundamente der amerikanischen Bürgergesellschaft einzureißen.

Gitarren, Verstärker, Mikrofone waren ihre Waffen. Sie hießen Greatful Dead, The Who, Jefferson Airplane, Janis Joplin. Am letzten Tag des Festivals, es war ein Sonntag, betrat Jimy ­Hendrix die Bühne und devastierte am Tag des Herrn mit seiner Fender Stratocaster „The Star Spangled Banner“, die National­hymne der USA. Ein Bild, ein Sound-Orkus für die Geschichts­bücher. Und vor ihm wateten sie im Schlamm, im Müll, feuerten den Berserker an – oder lagen irgendwo besoffen, zugekifft, vollgedröhnt herum. Freie Liebe? Give Peace a Chance? Flower ­Power? Naja. 50 Ärzte versorgten im Akkord Verletzte. Das US-Militär flog per Helikopter vom Hitzschlag niedergestreckte Blumenkinder aus. Nein, Woodstock war kein Summer of Love. Es war ein verzweifelter, unorganisierter Aufschrei. Gegen Vietnam, Kam­bodscha, ein korruptes Establishment, die durchgeknallten Kriegstreiber aller Länder. In Frankreich, Deutschland, Washington gingen sie auf die Straßen. In den USA zogen sie gegen den Vietnam-Krieg, in Deutschland rissen sie ein von Altnazis durchsetztes Politsystem gleich mit ein. Macht kaputt, was euch kaputt macht.

Heute ist Woodstock ein abgegriffenes Symbol für alle, die sich Hippies nennen. Und akustisches Füllmaterial für eine Doppel-CD. Damals aber schrieben sie Geschichte. Wie auch Neil Arm­strong, Edwin Aldrin und Michael Collins. Drei US-Astronauten, die im Sommer der Liebe Richtung Mond geschossen wurden. ­Ersterer betrat am 21. Juli als erster Mensch den Erdtrabanten. (Dass Armstrong unter der Regie von Stanley Kubrick in einem Film-Studio herumgehüpft ist, hält sich als hartnäckiges Gerücht.) Zumindest fühlten sich weltweit 500 Millionen Fernsehzuseher gut unterhalten. Das erste globale Medienereignis – wie überhaupt sich 1969 ikonographische Bilder ins Weltgedächtnis ein­brennen.

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