Das Jahr 1962
Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert.

Autorevue 10/2009   Autor: Martin Strubreiter   Fotos: Werk

Im Februar 1962 liegt Schnee. Bemerkenswert daran ist vor ­allem, was darauf in Chamonix während der Alpinen Schi­weltmeisterschaft passiert, besonders aus österreichischer Sicht: „Unsere Sportler“ räumen nämlich sechs Gold-, vier Silber- und fünf Bronzemedaillen ab, „unser Karl Schranz“ schafft alleine zwei Goldene und eine Silberne. Ein kleiner Nebenschauplatz ­patriotischer Freude mag das Ergebnis Deutschlands gewesen sein: eine Bronzemedaille und sonst nix, damit Platz fünf.

1962 Zeitmaschine Das Jahr karl Schranz

Einen winzigen Ausgleich dafür schaffte Deutschlands Rudi Altig durch drei Etappensiege und das Tragen des Grünen Trikots bei der Tour de France, wohingegen kein einziger Österreicher ­irgendeine Platzierung erreichte, die man jetzt hier lesen mag. Neu bei der Tour de France war in jenem Jahr immerhin, dass keine ­Nationalteams an den Start gingen wie seit 1929, sondern von Unternehmen finanzierte Mannschaften. Deutsche Dominanz auch bei der WM im Einer-Kunstradfahren der Frauen: Gold und Silber gehen an die BRD, Bronze an die DDR.

1962 Zeitmaschine Das Jahr Hill Graham
Genauso kein Leiberl hatte Österreich in der Formel-1-WM, weil kein Österreicher dabei war. Weltmeister wurde zum ersten Mal Graham Hill, Konstruktionsweltmeister zum ersten und ­letzen Mal BRM.

1962 Zeitmaschine Das Jahr John Fitzgerald Kennedy

1962 geschieht aber auch wirklich Ernstes. Die Kuba-Krise schreibt sich um Haaresbreite als Auslöser eines Atomkrieges in die ­Geschichte ein: Als die Sowjetunion erstmals außerhalb eines Staates des Warschauer Paktes Atomraketen stationieren will und dafür das befreundete Kuba auswählt, lässt US-Präsident John F. Kennedy Kubas Seewege blockieren. Nach mehreren Zwischenfällen, die zu atomarem Beschuss des Gegners hätten führen können, siegt doch die Diplomatie im Hintergrund. Die sowjetischen Mittelstreckenraketen kommen am Frachtschiff Omsk immerhin bis in den Hafen von Havanna, werden aber nicht ausgeladen.

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.