Cordoba bis Zwentendorf
Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht.

Autorevue 4/2011   Autor: Martin Strubreiter   Fotos: Werk

Während Cordoba heute in Deutschland nach einer Stadt in ­Argentinien klingt, ist der Name in Österreich heiliger Anlenkpunkt unseres fußballerischen Nationalstolzes, möglicherweise sogar der einzige: Am 21. Juni 1978 besiegte die österreichische Nationalmannschaft den amtierenden Weltmeister Deutschland bei der Fußball-WM in Cordoba 3:2. Nebenbei zur Legende wird auch Radiomoderator Edi Finger sen., dessen „I wer’ narrisch!“ mit äußerster Glaubwürdigkeit vorgetragen war. Folglich wird jahrzehntelang vor jedem Ländermatch Österreich:Deutschland in heimischen Medien von der Rache für Cordoba die Rede sein. (Und die Deutschen haben diese stets so exekutiert, dass wir uns weiterhin an Cordoba laben müssen.) Auch beim Bergsteigen ist Österreich wer: Reinhold Messner und Peter Habeler besteigen als erste Menschen den Mount Everest ohne Sauerstoffgerät.

Ungewohnt unruhig verläuft das Jahr im Vatikan: Papst Paul VI. verstirbt 81-jährig, Nachfolger Johannes Paul I. erlebt lediglich 33 Tage seines Pontifikats (Verschwörungstheorien zu seinem Tod sind da schon langlebiger), erst mit der Wahl Johannes Paul II. kehrt Kontinuität ein. Die herrscht gewiss auch bei der Meinung der katholischen Kirche zur In-vitro-Zeugung, dennoch kommt am 25. Juli Louise Brown als erstes Retortenbaby zur Welt, heute sind es rund 3 Millionen jährlich.

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Wie Entscheidungsfindungen eher nicht ablaufen sollten, zeigt Österreich anhand des Kernkraftwerkes Zwentendorf: NACHDEM es betriebsbereit dasteht, erhört die Bundesregierung die Proteste dagegen, eine Volksabstimmung wird für den 5. November 1978 angesetzt, Bundeskanzler Kreisky verknüpft siegessicher seine politische Zukunft mit dem Ergebnis der Abstimmung. Am Abend des 5. November steht fest, dass eine knappe Mehrheit von 50,47 Prozent gegen ein aktives Kernkraftwerk ist, seither steht das AKW im Tullnerfeld als Museum seiner selbst, als Ersatzteilspender für drei baugleiche deutsche Reaktoren und als Kraftwerkssimulator für deren Personal. Bruno Kreisky überlebt das Debakel politisch und holt ein Jahr später die letzte und absoluteste absolute Mehrheit für die SPÖ.

Italiens ehemaliger Ministerpräsident Aldo Moro wird von den Brigate Rosse entführt, um inhaftierte Gesinnungsgenossen freizupressen. Als dies misslingt, wird Moro ermordet. In Teheran nehmen die Proteste gegen Schah Mohammad Reza Pahlavi zu, am 8. September kommen bei gewalttätigen Ausschreitungen 64 Demonstranten ums Leben, der Tag geht als Schwarzer Freitag in die Geschichte des Iran ein. 15.000 Tote fordert wenige Tage später ein schweres Erdbeben im Iran, friedliche Nachrichten liefert das Teheraner Teppichmuseum, welches eröffnet wird.

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Für Frauenrechte wird auch 1978 gekämpft, so klagt Alice Schwarzer die Zeitschrift „Stern“ wegen frauenverachtender Coverfotos auf Unterlassung, mehrere berühmte Leserinnen ihrer Zeitschrift „Emma“ schließen sich an, die sogenannte Sexismus-Klage wird allerdings vom Landgericht Hamburg abgewiesen.

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Erst 1978 befindet sich der erste Deutsche im All: Sigmund Jähn, schon länger als Kosmonaut ausgebildet, fliegt am 26. August mit Waleri Fjodorowitsch Bykowski im Raumschiff Sojus 31 zur sowjetischen Raumstation Saljut 6. Man ahnt, dass Jähn ­freilich aus der DDR kommt. Nicht sehr glorreich verlief die Landung: Da sich der Fallschirm an der Landekapsel verfing, touchierte Jähn die Steppe eher unsanft, noch heute spürbare Wirbelsäulenprobleme sind die Folge. Der Kalte Krieg war 1978 noch in Hochform, so wird im November das Ostberliner Büro des Nachrichten­magazins „Der Spiegel“ vom DDR-Außenministe­rium geschlossen, nachdem man über die Existenz einer Opposition in der DDR berichtet hatte.

1978 erscheint erstmals ein Comicstrip des Zeichners Jim Davis, der vollschlanke Kater Garfield wird von seinen Fans alsbald unter Arten-, Tier- und sonstigen Schutz gestellt. Völlig zu Recht.

Cover Autorevue 04/2011

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.