Apokalypse later
Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende.

Autorevue 3/2010   Autor: Wolfgang Hofbauer   Fotos: Werk

Zeitreise 1975 Pacer Das Jahr

Am 1. Jänner 1975 begann das „Internationale Jahr der Frau“. Schon am 11. Februar wurde mit Margaret Thatcher erstmals eine Frau Parteivorsitzende der britischen Konservativen, was aber nicht alle ihrer Geschlechtsgenossinnen als feministischen Teilsieg sehen wollten. Sie selbst wohl zuletzt.

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Großes Ereignis des Jahres: Das Ende des Vietnamkriegs. Er hatte fast 30 Jahre zuvor begonnen, damals noch mit der Kolonial­macht Frankreich als das Böse. Die zog 1954 besiegt ab. 1965 ­kamen die US-Truppen, es begann das, was wir heute als eigentlichen Vietnamkrieg verstehen und der Supermacht USA ein Trauma eingebracht hat, das noch eine Weile anhalten wird. In den Wochen vor dem 30. April – an diesem Tag wurde Saigon von den Nordvietnamesen eingenommen – waren die Amerikaner Stück für Stück weggebröckelt. Letzter Akt der schiefgegangenen ­Umsetzung von Eisenhowers Rollback-Politik: Evakuierung aller Amerikaner und vieler Südvietnamesen am 29. April, besonders medienwirksam die überstürzte Helikopter-Flucht vom Dach der US-Botschaft in Saigon.

Zumindest in Vietcong-Diktion ist hier auf jeden Fall eine ­Befreiung passiert. Es gab andere Befreiungen vom imperialistischen Joch in diesem Jahr auf der Welt, mit ähnlich zwiespältigem Ausgang: Mosambik, Angola, Kap Verde sowie Sao Tomé und Príncipe wurden von Portugal unabhängig, Papua-Neuguinea von Australien, die Komoren von Frankreich, Surinam von den Niederlanden. Diktaturen, Putschs, Bürgerkriege ­waren fast überall die ersten Begleiter der Freiheit.

Es illustriert die wirtschaftliche Vitalität der USA, dass trotz zehnjährigen, kostspieligen Kriegführens das Programm für den ersten Marsflug mit voller Kraft weitergefahren wurde: Am 20. August startete Viking 1, am 9. September Viking 2. Die beiden unbemannten Sonden erreichten den Mars knapp ein Jahr später und schickten die ersten Fotos von einem anderen Planeten, auf denen allerdings weder Marsmenschen noch von ihnen erbaute Kanäle zu sehen waren. Man hatte so was schon geahnt.

Österreich spielte indessen heile Welt und wählte mit Rudolf Kirchschläger einen Bundespräsidenten, dessen schneidige und aufpeitschende Nationalfeiertagsansprachen unvergessen bleiben. Was ebenfalls bis heute wirkt, wenn auch schmerzhaft, war die Einführung der gebührenpflichtigen Kurzparkzonen in Wien im April.

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Ein weiterer Anschlag auf die heile Welt war dramatischer: Am 21. Dezember überfielen fünf Terroristen den Sitz der OPEC ­(Organisation erdölexportierender Länder) in Wien und nahmen unter anderem elf OPEC-Minister als Geiseln (die hatten gerade im ersten Stock über eine Erhöhung des Ölpreises diskutiert). Beim Überfall wurden ein Wiener Polizist und zwei OPEC-Mitarbeiter getötet. Danach wurde ein Geschäft abgeschlossen: Die Terroristen ließen die österreichischen Geiseln frei und erhielten im Gegenzug von der Regierung freies Geleit, einen Postbus zum Flughafen sowie eine DC-9 der AUA, um sich und 33 Geiseln nach Algier ausfliegen zu lassen. Das geschah am ­nächsten Tag. In Algier wurden die Geiseln freigelassen, nach kurzer Haft dann auch die Terroristen. ­Deren Anführer, Ilich Ramírez Sánchez, genannt Carlos der Schakal, beendete seine aktive Zeit als Terrorist erst 1994, als er von französischen Agenten verhaftet wurde. Er ist bis heute in Frankreich inhaftiert.

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Cover Autorevue 03/2010

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  1886Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu. 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.