Am Anfang war der Anfang
Die Neuzeit wird aus Zucker karamellisiert, per Arbeiterprotest errungen, in New York errichtet oder aus Unlust am Geschirrabwaschen erfunden. Da passt ein Automobil hervorragend dazu.

Langsam schoben sich 1886 Insignien der Moderne ins Leben: Am 8. Mai erfindet John Stith Pemberton eine braune Flüssigkeit aus karamellisiertem Zucker, die zwei Jahre später als Allheilmittel in Apotheken verkauft wird. Dass sie neben Koffein anfangs auch Kokain enthält, wird heute offiziell dementiert, berühmt wird die Flüssigkeit ohnedies als Erfrischungsgetränk Coca-Cola, wenig später unumstößliches Symbol für westlichen Lebensstil.

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Ein wenig von diesem wird auch die Freiheitsstatue verkörpern, die als Symbol der Unabhängigkeit der USA am 28. Oktober 1886 im Hafenbecken von New York enthüllt wird. Die USA waren für den Sockel verantwortlich, die Statue selbst kam aus Frankreich. So stammt das Eisengerüst für die Kupfer-Außenhaut von Maurice Koechlin, einem Mitarbeiter Gustave Eiffels und dem eigentlichen Konstrukteur des Eiffelturms. Die Statue wird zuerst in Frankreich zur Probe montiert, dann wieder zerlegt und in 214 Kisten in die USA verschifft, erste Operationen am Stahlgerüst werden erst 1986 nötig sein.

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Noch ist Freiheit aber nicht überall angesagt, besonders die Arbeiter haben viel zu tun, aber wenig zu melden. Zaghafte Versuche, ihre Rechte zu stärken, gipfeln am 1. Mai in den USA in einem Streik, an dem sich 300.000 bis 500.000 Menschen betei­ligen. In Chicago findet eine Arbeiterversammlung auf dem ­Haymarket statt, die Proteste lassen über mehrere Tage nicht nach und eskalieren am 4. Mai in einer Bombenexplosion, die zwölf Menschen das Leben kostet. Die Urheber werden nie ­ausgeforscht, was die Justiz nicht daran hindert, acht Männer teils zum Tode, teils zu üppigen Haftstrafen zu verurteilen.

Der 1. Mai wird schließlich zum Kampftag der Arbeiterklasse ­erklärt, die Ausläufer dieser Tradition führen heute noch zu ­Aufmärschen auf der Ringstraße.

Als lästige Arbeit gilt auch 1886 das Geschirrabwaschen, ­besonders nach den Parties der US-amerikanischen Diplomatengattin Josephine Cochrane. Da ihre Bediensteten zu viel ­Geschirr zerschlagen, sie aber auch nicht selbst abwaschen will, erfindet sie den Geschirrspüler, patentiert ihn noch 1886 und erhält bei der Weltausstellung in Chicago 1893 den Preis für „die beste mechanische Konstruktion, Haltbarkeit und Zweckentsprechung“.

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Schach war schon länger bekannt, und da sich zwei Schachspieler jeweils als der Beste der Welt betrachteten, spielten sie vom 11. Jänner bis 29. März 1886 zwanzig Partien gegeneinander, um den ersten offiziellen Weltmeister zu finden. Der in ­Österreich-Ungarn geborene und in den USA lebende Wilhelm Steinitz gewann gegen den in Polen geborenen, aber im Vereinigten Königreich lebenden Johannes Hermann Zukertort als Erster die nötigen zehn Partien. Etwas weniger glamourös war dann sein Lebensende, er wollte durch bloße Gedankenübertragung telefonieren und auch Schachfiguren bewegen, wurde folglich mehrmals in Nervenheilanstalten eingewiesen und starb 1900 eher unfroh. Da war Zukertort, der sich von seiner Niederlage bei der ersten WM nie mehr erholen sollte, allerdings schon zwölf Jahre tot.

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Die Psychologie wird vom deutsch-österreichischen Psychiater Richard von Krafft-Ebing um den Begriff des Masochismus (in Anlehnung an den Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch) bereichert, der Gegenpol Sadismus (benannt nach dem Schriftsteller Donatien Alphonse François Marquis de Sade) stammt ebenfalls von Richard von Krafft-Ebing.

Auch Katastrophen sind 1886 zu beklagen, ausgelöst beispielsweise durch den Vulkan Mount Tarawera auf der Nordinsel Neuseelands, dessen Ausbruch 150 Menschenleben fordert. Rund 100 Tote sind die Folge eines Erdbebens in Charleston (South Carolina), und 71 Tote sind zu beklagen, als der australische Passagierdampfer Ly-ee-Moon an der Küste von New South Wales auf Felsen aufläuft, auseinanderbricht und sinkt.

Beschauliches passiert in Österreich: Das Edelweiß wird ­unter Naturschutz gestellt, und die erste elektrische Straßen­beleuchtung wird installiert. In Scheibbs. 

Cover Autorevue 03/2011

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  1886 1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1938Ein Hauch von Normalität darf noch genossen werden, auch wenn ­Österreich schon von Ständestaat und Faschismus gezeichnet ist. Ein Auto, das den finanziellen Möglich­keiten der Menschen entgegenkommt: Steyr 55 Baby 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1947Volvo ferigt endlich in Serie, was als Prototyp schon 1944 vorgefahren ist, und die finale Evolutionsstufe des PV444, der PV544, bleibt sogar bis 1965 im Programm. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Politische Machtwechsel, Nierentische und Wirtschaftswunder verlangen nach neuen Autos, besonders in den USA: Dort will Chevrolet die euro­päischen Sportwagen und den Konkurrenten Ford ausbeschleunigen. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1968Die 68er-Bewegung hat ihren Namen wirklich verdient, am eindrucksvollsten in Frankreich. Überhaupt scheint die Welt die Vergangenheit abzuschütteln, allerdings nicht überall. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1981Konflikte schwappen bis Wien und sind auch sonst zahlreich, und die USA gehen modern in die Luft. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit. 1990Statt zwei Deutschland gibt’s plötzlich nur eines, auch sonst verändert sich die Welt hauptsächlich dort, wo bislang Veränderung nicht anzutreffen war. Ähnliches gilt für die Welt der Sportwagen: Japan redet plötzlich mit, und zwar ganz ernsthaft.