1974: Als Feisal kam
Auf einmal war alles anders. Ein paar unlockere Scheichs drehten den Ölhahn zu, und wir mussten lernen, mit Tempolimits, autofreien Tagen und einem possierlichen Tierchen zu leben. Wir rächten uns mit dubiosem Haupthaar und LSD-Tapeten.

  Autor: Stefan Schlögl  

In Israel schrieb man den 10. Tischri 5734 (was aus der jüdischen Zeitrechnung übersetzt dem 6. Oktober 1973 entspricht), als Syrien und Ägypten den 4. Israelisch-Arabischen Krieg vom Zaun brachen. Die Israelis waren nur kurz überrascht und warfen die Invasoren binnen weniger Tage hinter die Ausgangsstellungen zurück – was den arabischen Brüdern in Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Kuwait wenig schmeckte. Kurzerhand drosselten die Scheichs die Erdölproduktion, um Jerusalems westliche Verbündete zur Räson zu bringen. Die Konsequenz: der Preis pro Barrel Rohöl schnalzte von drei Dollar auf über fünf Dollar. Der rückblickend betrachtet ziemlich lächerliche Preis bedeutete damals immerhin einen Anstieg von 70 Prozent, der in den notorisch von fossilen Rohstoffen abhängigen europäischen Industrienationen prompt die letzten Reste des Wirtschaftswunders einäscherte.

Leicht aufgeschreckt versuchte die Politik gegenzusteuern und setzte auf unfassbare Geschwindigkeitslimits (ab November ’73 galt Tempo 100 auf Bundesstraßen und Autobahnen) sowie einen autofreien Tag, der ab 14. Jänner 1974 jedem Pkw-Halter verordnet wurde. Ein dementsprechendes Pickerl in der Windschutzscheibe signalisierte, an welchem Tag das Auto zu stehen hatte. Erstaunlicherweise wurde extrem gern der Sonntag gewählt, was den Gesamtspritverbrauch naturgemäß nur wenig dämpfen konnte. Zudem machte Not erfinderisch: Da die Benzinabgabe in Kanistern verboten war, zuzelte manch smarter Autobesitzer daheim in der Garage den Tank leer und legte ein heimliches Kanisterdepot an. Sehr schlau.

Elegant reagierte hingegen die Autorevue und verstärkte sich Anfang 1974 mit einer Redaktions-Schildkröte namens Feisal. Das liebreizende Tierchen sollte das Verständnis für Wüstensöhne schärfen und ein Gefühl für die neue Langsamkeit vermitteln. Ein Bild von Feisal wurde fortan jedem Bericht über die Auswirkungen des Öl-Embargos zur Seite gestellt. Das Maskottchen zur Krise, sozusagen. (Feisal ist übereinstimmenden Quellen zufolge Mitte der 90er wohlbestallt und glücklich entschlafen.)

Im April 1974 entschlief hingegen Bundespräsident Franz Jonas, sein Nachfolger Rudolf Kirchschläger sollte bis 1986 als gestrenger Posterboy die österreichischen Klassenzimmer prägen.

Draußen in der Welt, speziell in den USA, trat Präsident Richard Nixon zurück. Dem Mann mit dem füchsischen Grinsen wurde im August der Watergate-Skandal endgültig zum Verhängnis. Im November enterte hingegen ein Dreitagebart die große politische Bühne, der ein – sagen wir – eher ambivalentes Erbe hinterlassen sollte: Yassir Arafat. Der Führer der Palästinenser-Partei PLO sorgte während der UNO-Vollversammlung in New York für einen denkwürdigen Auftritt, bei dem er nebst Uniform auch ein Pistolenholster trug. Seine Rede war dann auch weniger versöhnlich, doch die Sache der Palästinenser war auf der Agenda angekommen.

Gut: Portugal entledigte sich im Zuge der Nelken-Revolution der Diktatur. Nicht so gut: Der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek erhielt den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. Seine Theorie der absoluten Freiheit der Märkte gab allerlei Hardcore-Kapitalisten (Thatcherismus, Reaganomics) Unterfutter und wurde vor allem von jenen zitiert, die dafür verantwortlich sind, dass wir jetzt dastehen, wie wir dastehen. Nämlich schlecht.

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  1931Die Wirtschaftskrise fordert eine sachlichere Einstellung zum Wohnen, leider auch zur Ernährung. Zunehmen kann da nur der Radikalismus. 1936Das Deutsche Reich bewegt sich auf den Zenit seiner Macht zu. Die anderen ­beschränken sich auf die Rolle des die Schlange beobachtenden Kaninchens. 1940Europa versinkt im von Hitler angezettelten Weltkriegs-Chaos, Amerika erfindet Nylonstrumpf und Burger-Bude, und die Rapidler zeigen den Deutschen, was ein Haken ist. 1949Vier Jahre nach Kriegsende beginnt die Welt, sich neu aufzustellen. 1951In Österreich wurden Siege mittels Schaumgummi erzielt. 1953Der Bestseller eines Kleinstherstellers. Dann kam Pininfarina und der große Durchbruch. 1954Der Krieg ist nun ein kalter, Linke sind in den USA Kriminelle. Friedlich sind immerhin die Burger und die Transistoren. 1955Österreich und die Alliierten unterzeichnen ein Dokument, auf dem Österreichs Identität bis heute beruht, was leider knapp noch niemand im Fernsehen mitverfolgen kann. 1957Ein Teil Europas probiert das innere Zusammenwachsen, Krisen haben jetzt ohnedies ­andere Dimensionen, und Nachrichten bekommen eine eigene Fernsehsendung in Österreich. 1958Raumfahrt, Nukleares... und Österreich kann immerhin Schi fahren. 1959Der Máximo Líder entert die Weltbühne und ein dralles Stück Plastik die Kinderzimmer. 1961Wir präsentieren: Den allerersten Jaguar E-Type. 1962Das Jahr, das der Welt eine böse Zuspitzung des Kalten Krieges beschert. 1964Das Ende kam erst später. Aber der Anfang war viel schöner. 1965Kommen und gehen. Die Autorevue kommt pünktlich, daran hat sich bis heute nichts geändert. Sonst aber gab’s Neues, Hochfliegendes, Monumentales und den ersten gelernten Arbeiter als Bundespräsidenten. 1967Höhepunkt der Hippiebewgung – was sich aber nicht ­überall mit Erfolg herumspricht. 1969Man sprach von der Revolution der Gesellschaft – und meinte dann doch eher freie Liebe und getunte Zigaretten. Dennoch: Mehr Epochales war selten. 1970 In Österreich beginnt die Ära der Sozialdemokratie. 1971Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1974Der Minirock wird irgendwie noch kürzer und anders, während in Österreich eine neue Ära beginnt, auch beim Umweltschutz. 1975Die Zeugen Jehovas hatten für 1975 den Weltuntergang vorausgesagt. Stattdessen ging der schlimmste Krieg seit 1945 zu Ende. 1976Kein Handy, kein Internet, die Musik war im Radio, der Feind im Osten, um Mitternacht war das Fernsehen aus, und der Bundeskanzler hieß immer gleich. So einfach wird’s nie wieder sein. 1977Ein Jahr, das in der Rückschau vorwiegend aus Herbst besteht. 1978Das Jahr ist in Österreich eher mit Ortsnamen verbunden, die bis heute nachklingen, ­während Rom drei Päpste und England das erste Retortenbaby sieht. 1979Alles wie immer. In einem Land kommen die Bärtigen an die Macht, in einem anderen ­werden sie vertrieben, und die Tschechen beleidigen uns wieder einmal fürchterlich. 1982Wir wollten nur ein bisschen Frieden, doch US-Präsident Ronald Reagan machte Politik zur Westernshow. Arnold Schwarzenegger grunzte sich durch „Conan der Barbar“, und wir lebten mit Pumphosen hinterm Mond. Es war ein gutes Jahr. 1987Bevor die Mauer fällt, wird viel verhandelt und unterzeichnet – und ein Flieger hilft ein wenig mit, indem er landet, wo niemand landen dürfte. 1989Am großen Rad der Zeit gedreht. Und wir lenkten an den kleinen mit.