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AUTODATEN

Ford Mustang Boss 302: € 86.000,– 2 Türen, 2+2 Plätze, 444 cm, ab 1420 kg Heckantrieb, V8-Zyl.-Motor 4951 ccm, 327 kW (444 PS), 515 Nm 250 km/h, 0–100 in 4,2 sec, CO2 277 g/km MVEG-Verbrauch: 14,1/9,0/11,9 (E) AR-Testverbrauch: 16,0 l
Ford Mustang Boss 302

Vorstellung: Ford Mustang Boss 302

Chronik einer ­angekündigten Moritat

Aus der Reihe Autoren und Einsichten: Phil Waldeck trifft Ford Mustang Boss 302.

von // veröffentlicht am

Ich habe den Ford Mustang Boss 302 am 1. April betreten, um 16:34 Uhr. Die wirklich tristen und wirklich schönen Erlebnisse merkt man sich genau. Hier traf beides zu. Ein Trauerwetter lag über dem Land wie Allerheiligen. Bleierne Vögel flogen in einem bleiernen Himmel. Ab und zu stürzte einer tot zur Erde, vielleicht erfroren, vielleicht auch lebensüberdrüssig von der Hoffnung beseelt, in der nächsten Inkarnation als schöneres Flugtier wiederzukehren, ungefähr so wie dieser Adler, der da unten knotzte im orange-schwarzen Gefieder, in der Größe eines vorzeitlichen Drachens.

In der durchsichtigen Eisluft, die jedes Partikel ausgefällt hatte, erblickte ich das Auto von Weitem. Es sah schon im Stehen bewegt aus. Es war von der Art, die unsere Vorväter „Boliden“ nannten. Darunter verstand man gewaltige Dinger, die mit Ach und Krach und viel Bitte und Danke eine Straßenzulassung erhielten, aber renntauglich waren. Ready-to-race, wie die KTM-Leute in ihrem vitaminreichen Englisch sagen.

Meine Holde, die den Empfang des Mustang Boss 302 bestätigt hatte, derweil ich in Radio-Studios warm über Individualverkehr sprach, erzählte mit roten Wangerln von der Anlieferung des Testgefährts. Es sei schon Minuten vorher zu hören gewesen. Man habe Zeit genug gehabt, sich noch herzurichten. Als, sagte sie, das keineswegs brüllende, jedoch durchdringend grollende Ungetüm aufs Haus zufuhr und anlegte und noch lang nach dem Abziehen des Zündschlüssels ein Echo nachlieferte, sei einerseits das Übliche, anderseits was Neues passiert.

Das Übliche: In den Häusern und Villen ringsum bewegten sich die Vorhänge und blinkten die Augenpaare von Opern­guckern. Das Neue: Autorevue-Jungvolk quoll aus dem Wagen­inneren, „zirka zehn Jünglinge und Jungfrauen“, wie die Empfangsdame schätzt, was die Operngucker auf den Stehplätzen wahrscheinlich überraschte. Denn das Renncoupé Boss 302 zeigt die Optik eines Zweisitzers, ist aber ein Viersitzer, falls die Heck­passagiere keine Sitzriesen sind und das Genick einziehen.

Zur punktgenauen Anlieferung sollte man vielleicht sagen, dass die Autorevue generell lieb zu den Stammesältesten ist, ungefähr wie in China, wo die 70-jährigen Assistenten der 80-jährigen ­Direktoren den 90-jährigen Bossen die Zigaretten holen. Obwohl: scharf erinnert fand die begeisterte Testauto-Lieferung frei Haus zufällig immer dann statt, wenn es um Gallardo, F-458 Spider, GT2 und RR-Dropheadcoupé ging. Nie aber war das Hindrängen zur lieben Dienstleistung so innig gewesen wie beim Boss 302.

Das erlaubt schon eine erste Einordnung: die anderen genannten Großkatzen ernten den Respekt des Entrückten, des in diesem Leben nicht mehr Leistbaren. Der Mustang Boss erntet die Liebe zum Möglichen. Dazu kommt das Pure dieses Autos, die No-Nonsense-Klarheit, die gefällt. Vielleicht spüren wir eine erste, hauchzarte Müdigkeit über die Perfektionsschüsseln von heute, mit Weltraum-Elektronik, Luftschal und Massagesessel und 100 Stellmotoren. Dazu kommt ein Ende der Abscheu vor US-Cars.

Ford Mustang Boss 302 3 Vorstellung: Ford Mustang Boss 302

Denken wir an die klasse Story in der jüngsten Abonnenten-Spezial-Autorevue, wo der elegant terrible der Redaktion, Christian Seidel, über den Kauf seines Lincoln Continental schreibt, ein Aufbäumen gegen die Kälte der Zeit, ein Auto, dessen Innenraum in der Seidel-Ausstattung jedes mir bekannte Puff zum eiskalten Bahnhofswartesaal abzinst und dessen Klangkörper dem Goldenen Saal des Wiener Musikvereins derart nahe kommt, dass selbst dem zickigen Glenn Gould nur der Mark II gut genug war, darin auf der Heimfahrt vom Studio seine Goldberg-Variationen zu überprüfen.

Die Begeisterung für den Ford Mustang Boss 302 in der jungen wie alten Umwelt, die ich im Test erlebte, hat noch einen feinen Nebengeschmack, einen kostbaren Würzduft jener US-Epoche, als Jung-Amerika das optische und metallische Tuning erfand, literarisch verbunden mit dem ersten Meisterwerk des später weltberühmten Tom Wolfe: „Das bonbonfarbene tangerinrot-gespritzte Stromlinienbaby“ (Original 1963, Rowohlt-Taschenbuch 1968).

Man darf beim Boss 302 das No-Nonsense nicht als billiges Aufrüsten samt Kriegsbemalung missverstehen. Man hat ihn aus dem Mustang GT qualitätsbewusst hochgezogen, aber eben nur dort, wo es Sinn machte. Schließlich galt es, jenen ehrwürdigen Renn-Mustang „Boss“ in Erinnerung zu rufen, der 1970 das Auftaktrennen der Trans-Am-Serie in Laguna Seca gewann, zum Entsetzen der als unschlagbar geltenden Chevrolet-Truppe.

Grundsätzlich hat man sich den heutigen Mustang als stattlich vorzustellen: 4,8 Meter lang, 1,9 Meter breit und 1,4 Meter hoch. Man hat ihn als Boss 302 zum Schabekeil abgesenkt. Man schenkte ihm eine tiefe Frontschürze, einen Heckspoiler und eine akzentuierte Motorhaube. Das Sportfahrwerk ist mechanisch verstellbar. Sehr vernünftig, wie man im Fahrbetrieb dankbar registriert, die edle Brembo-Bremsanlage, die mächtigen Spezial-Stoßfänger, vor allem auch die elektronische Traktions- und Schleuderhilfe und das Sperrdifferenzial an der starren Hinterachse.

Ford Mustang Boss 302 9 Vorstellung: Ford Mustang Boss 302

Die 19-Zoll-Leichtmetallräder machen mächtig was her, und was die molligen Pirelli-Hammerln betrifft, sollte man in hochtourigen Kurven ohne Traktionshilfe, wenn der blaue Rauch aufsteigt, eher auf Zug bleiben. Wer dann erschrocken vom Gas geht, hat eine interessante Zeit vor sich. Wenn die Walzen jäh den Grip wiederfinden, könnte der Ford Mustang Boss 302 zu Pfeil und Bogen und du selbst zu einer Personalunion von Wilhelm Tell und Apfel werden. Daher mein Tipp an die klugen Leserinnen und schönen Leser: Seid nicht zu stolz, die elektronischen Traktions-und Antischleuderhilfen zu nützen. Ihr seid meine Ernährer. Mir liegt daran, Euch noch lang zu haben.

Motorseitig hat man den 5-Liter-DOHC-V8 von 412 auf leicht merkbare 444 PS (515 Nm Drehmomentspitze) hochgeziegelt. Man spricht von Feinarbeit am Ansaugtrakt, von zugespitztem Motormanagement und einem Sportauspuff, dessen sinnleerster Bestandteil dem Boss-Fahrer den höchsten Kick schenkt. Man zweigte vor den Hinterrädern zwei Side-Pipes ab, unsichtbare Zusatz-Pfeifen der mächtigen Achtzylinder-Orgel. Sie sorgen dafür, dass dir schon auf freier Strecke glücklich das Blut gefriert, erst recht unter Brücken und in Tunnels. Nur unzulänglich mein Vergleich mit Gänsehäuten beim Genuss klassischer Musik, etwa ­Richard Strauss’ Zarathustra-Motiven, Richard Wagners Walkürenritten oder Anton Bruckners Siebenter Symphonie, die mächtig zu Gott fleht.

Ich darf sagen, dass mein Fahren im Rückblick ein einziges, freudvolles Herunterschalten mit Zwischengas war. Die Anschlüsse im Sechsgang-Getriebe waren auch ohne Anti-Hopping-Kupplung spielend zu finden, die Gangführung selbst ist anfangs ein wenig hakelig, bald aber eingelernt. Nur einmal überprüfte ich durch fehlerhaftes Einrücken eines tieferen Gangs die Brauchbarkeit des US-Aggregats als italienische Hochdrehzahlmaschine. Ich entschuldige mich dafür in aller Form beim Ford-Präsidenten und meinem hiesigen Ford-Freund Stefan Skrabal. Robuste US-Murln halten so was aber gleichmütig aus, ich werde auch nicht der ­Erste und Einzige gewesen sein.

Die V-max von 250 km/h ist entspannt zu genießen, die 4,2 Sekunden von 0–100 laufen so locker aus der flachen Hand, dass man auch als Europäer seine Freude dran hat. Grundsolide Autos haben eine gute Aura. So auch der Mustang Boss 302. Schon bei der ersten Annäherung fühlte ich eine erzene Gravität. Da ist nichts angepickt, alles sauber verschraubt. Ehrlich auch die Armaturenlandschaft. Ein deutscher Kollege nannte das Cockpit unschön, sein gutes Recht. Ich nenne es schön, weil entmüllt. Ah, die weite Leere der Plastikfläche im Hammerschlag-Look, darin nur der weiße Schriftzug „BOSS 302“ im rechten, unteren Eck. Das Auge seufzt: Friede! Unzerstörbarkeit! Wo nichts ist, kann nichts kaputtgehen. Man möchte ein Bankräuber sein. Man kann sich den Mustang als Nebendarsteller in entfärbten Melville-Krimis denken. Du sitzt als Pilot im Boss 302, draußen Wind und Regen. Du wartest auf deine Panzerknackerfreunde und fühlst in der Aufgeräumtheit deines Arbeitsplatzes den Geist hochsteigen. Denkst vielleicht an eine Frage Bertold Brechts: „Was ist ein Bankraub gegen eine Bankgründung?“

Ford Mustang Boss 302 2 Vorstellung: Ford Mustang Boss 302

Apropos Brecht: sein Mackie Messer ist die berühmteste Bänkellied-Ballade, eine sogenannte Moritat. Von dem Moment an, da ich dem Zündschlüssel den Kragen umdrehte, begriff ich: Hier ist meine Drehorgel. Ich werde sie als Bänkelsänger bespielen dürfen. Ihr wird eine Moritat zu schreiben sein.

Man wird was über den Preis wissen wollen. Die angeblich nur rund 41.000 Dollar auf dem US-Markt ergäben in reiner Umrechnung total unrealistische 28.000 Euronen. Auch wenn man diese auf dem langen Weg ins Hochsteuer-Europa verdoppelt, ergäbe sich ein Billa-Preis für ein kerngesundes Langzeit-Auto der Oberliga. In Wahrheit ist es derzeit aber so, dass man mehr als 80.000 Euro veranschlagen muss.

Zurück ins wahre Leben, in die wichtige Abteilung „Automobil und Soziologie.“ Ein Auto ist nicht nur so viel wert, wie es technisch exzelliert, sondern wie es die Umwelt entzückt und erschüttert. Ich drehe ein paar Aufwärmrunden. Dann geht’s zu den Sänften-Mustangs in die Trabrennbahn der Krieau. Familienbilder unter Verwandten. Ein spezielles Vergnügen: Jürgen Skarwan beim Fotografieren zuzuschauen, er ist eine Art Mustang Boss der Fotografen, zugleich robust und sinnlich. Schön, wie sich die Farben der Pferde zwischen dem Orange und Schwarz des 302 versammeln.

„Übernimm das Steuer“, bitte ich dann meinen Co-Piloten, Sohn Georg, „ich möchte ein bissl die Stalker fotografieren, wir fahren in die Innenstadt.“ Die Zahlen der nun folgenden Impressionen entsprechen den Zahlen der Schwarzweiß-Foto-­Notizen.

1. Am Stephansplatz bewirken wir mit dem ­Mustang eine neue Apartheid. Rechts stieben ­Ja­paner davon, links Holländer und Deutsche. Vor uns entzückte Italiener: „Bella macchina!“ Fiaker nähern sich friedlich. Sie ­begreifen den Mustang als geschäftsfördernde Attraktion. Dass wir alle Einbahnschilder und Halteverbote missachten, amüsiert sie. Sie sind gar nicht so grantig, wie alle sagen. Nur der Mustang schlägt angesichts echter Pferde ängstlich die Räder ein. Tadelloser Wendekreis. Ein Traumauto für alle Downtowns. Das neue City-Car.

Man hört Exekutiv-Sirenen. Schnell weg, ohne langes Anschnallen. Hässliches Warngeräusch. In Sicherheitsfragen sind Amerikaner echt krank. Auch die blöde Aufschrift in den Rückspiegeln („Alles ist näher als Du glaubst“) kostete mich im Wege der ­Entzifferung früher schon dreizehn Blech­schäden. Fluchtweg Rotenturmstraße, runter zum Donaukanal.

2. Auf Höhe des Bermudadreiecks Boss-­entzückte Weiber. Unverhohlene Anmache. Mein Sohn, innig mit dem Boss beschäftigt, merkt nichts. Ist auch besser so. Er bleibt ethisch gefestigt.

3. Ah, Außenseite des Donaukanals. Die Downtown-Polizei hat uns verloren. Im Kamera-Sucher die Armaturentafel und kalte Hochhäuser. Wieder dieses Melville-Gefühl. Der Boss 302 nimmt die Stadtfahrt gleichmütig hin. Kein Verschlucken, kein Zündpascher. Nur dieses tiefe, herrschaftliche Grollen des V8. Ein widerlicher Rottweiler zieht den Schwanz ein, pischt aber gleichzeitig sein Herrl an, der nächste Pluspunkt für den ­Mustang.

4. Friedensbrücke. Eine farbige sister beglückt im Umgang mit ihrem Fahrrad. So können nur Frauen anhalten und wegfahren. Gut, dass es sie gibt. Nobelpreisträger John Steinbeck lobte jeden Tag, da er Frauen gehen sah. Da wusste er noch nicht, wie sie in Wien Rad fahren.

5. Nahe der Nordbrücke, die sich anmutig in die Natur fügt. Meine Hi-Tech-Armbanduhr aus Beständen des Militär-Geheimdienstes fängt den Polizeifunk ein. Ich höre eine arg verschlüsselte Meldung in verblüffend gutem Englisch: „Unidentified orange object attempting northbridge.“ Ich sage zu Georg: „Fahr noch ­ruhig weiter bis Ausfahrt Strebersdorf.“ „Ayay“, sagt er und gibt Stoff. Mit seinen feinen Spock-Ohren hat er ein Röcheln der Zünd­kerzen vernommen. Sie müssen gereinigt werden.

6. Abfahrt Strebersdorf. Das Ausland Niederösterreich ist gewonnen, zugleich Anfang von Kellergassen, schlauen Verstecken und der Heimatgarage. Pilot und Co-Pilot unisono: „Give me five.“

Ich fahre gleich weiter, tausche nur Sohn gegen Mutter respektive meine Herzallerliebste. Frech wie Oskar zurück zur Nordbrücke. Dort nicht Richtung Wien, wo das Blaulicht wartet, sondern Richtung Klosterneuburg. Kurz vor der Stadt die sachkundige Einfädelung in die Höhenstraße. Der Hang liegt schattseits, rein nördlich, immer feucht, manchmal unverhofft eisig. Dazu der Fahr­belag, teils altes, kugelrundes Pflaster, teils peinlicher Reparatur­asphalt. Weiß ich zwar von Motorrädern, aber jetzt habe ich vier Räder.

Elektronikhilfen also aus. In der ersten, gottlob geräumigen Kehre drehe ich mich, sehe wieder mal für Blitzmomente das eigene Hinterhaupt und das Heck meines Fahrzeugs und das Stift Klosterneuburg, stehe dann aber wieder in Fahrtrichtung.

„War notwendig, stimmt’s?“ höre ich von rechts außen. Man sitzt im Mustang segensreich weit auseinander. Nicht so weit wie im Hummer, aber außer Watschenweite. „Stimmt“, sage ich und fahre fortan mit ESP und TPA, oder wie das Zeugs heißt, tapp-tapp auf Samtpfoten die letzten Ausläufer der Alpen hoch, am Kahlenberg vorbei zum Cobenzl. Dort kurze Rast auf einer Bank, umschlungen niederblickend auf eine begabte Stadt. Sie ist Hauptquartier der Autorevue. Daneben noch die wissenschaftlich anerkannte, lebenswerteste Stadt der Welt. Man erinnert sich kaum noch an Jahre, da Zürich und Crocodile-­Dundee-Städte vorne lagen.

Wien vor mir, ein Mädel im Arm, hinter mir ein wiederkäuender Ford Mustang Boss 302 auf der Wiese. Da fiel mir ein, dass ich ­Stefan Ruzowitzky zur Fortsetzung seiner Oscar-Karriere das ideale Film-Happy-End versprach.

 

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