Reibereien im Zweierabteil

Was passiert, wenn man unfreiwillig ein Paar wird und in einem Auto Musik hören will. Pearl Jam in einem Jaguar XJ, zum Beispiel.

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Fortbewegung zu zweit, das unterliegt der grundlegenden Unterscheidung, ob sie in einem geschlossenen Transportmittel von statten geht oder nicht. Das Phänomen ist aus dem Fahrstuhl bekannt: Während man vor dem Einsteigen noch durchaus entspannt neben einem Fremden stehen konnte, wird die Sache beklemmend und verlegen, sobald sich die Tür der Kabine geschlossen hat. Ähnlich ist das im Auto. Oder eigentlich schlimmer. Weil wir dort das Alleinsein schon so gewöhnt sind, und die Selbstbestimmung.

Was aber, wenn da ein Fremder sitzt, am Beifahrersitz, ein willkürlich aus der Menge gewürfelter, einer, den man noch nie in seinem Leben zuvor gesehen hat? Letztens, zum Beispiel: Jaguar XJ-Präsentation in Frankreich. Wir haben eine Extra-Einladung vorm restlichen Österreich-Pulk gekriegt, damit es die Geschichte noch rechtzeitig ins Heft schafft. Treffen im Chateau de Méry in Méry sur Oise, kleiner Snack noch und eine Pressekonferenz, dann fahren wir los. Wir, das heißt: Ich und zwei Dutzend deutsche Kollegen, die ich nicht kenne. Einer davon wird mein Beifahrer. Ein netter Herr, distinguiertes Äußeres, schreibt für den „Classic Driver“, trägt einen CI-konformen Seidenschal und glücklicherweise keine Autofahrer-Handschuhe.

Gepflegtes Einstandsgespräch. Über das Wetter, das Verlagswesen, den Wagen. Man denkt: Das geht. Dann: erstes Schweigen, und es folgt – das ist nicht nur im Film so – der Griff zum An-Knopf des Autoradios. (Im vorliegenden Fall greift der Begriff natürlich Lichtjahre zu kurz: Der XJ hat eine Bowers & Wilkins-High-End-Wahnsinnsanlage mit 1200 (!) Watt, das kann was, das will ausprobiert werden, iPod ist auch einer an Bord und Testfahrt-Veranstaltungs-Crews sind so weitsichtig für jeden Geschmack etwas draufzuspielen.)

Ich wähle: Kasabian „Empire“. Briten also. Das müsste passen. Erster Track, zweiter Track, Mr. Classic Driver wird sichtlich unruhig, nicht sein Stil. Seine Wahl: Beethovens Fünfte. Also ich bin kein vollkommener Klassikverächter, aber mit Beethovens Fünfter in einem feinen Auto durch das frühfrühlingshaft sonnige Frankreich zu fahren, geht für mich GAR NICHT. Mein Gegenvorschlag: Mumford and Sons „Sigh No More“. Nach zwei Tracks murmelt Mr. Classic Driver etwas von betrunkenem Whiskey-Gedudel und legt Diane Krall ein, was ich – schon etwas unwirsch – zur Stimmungserhaltung (es sind noch 150 Kilometer) auszuhalten gewillt bin. Dann folgen drei von meinen Vorschlägen, die durchaus allgemeintauglich angelegt waren: Alle abgelehnt. Zum Schluss, mein Racheakt: Pearl Jam „Backspacer“. Ich muss ein bissl bös g’schaut haben. Denn er hat sich keinen Einspruch erheben getraut. Bis zum Hotel nicht. Und das war immerhin eine dreiviertel CD entfernt.

Nicht nur unfreiwillige Paare kann das auseinander bringen.

 

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3 Kommentare

  1. der luda

    ups..zu früh abgesendet.

    ..bei einer mir eher wenig bekannten Person am Beifahresitz wird ganz unbarmherzig etwas in der Art wie eine Mark Knopfler Solo CD der letzten Jahre abgespielt. Diese läßt meine Gedanken blitzartig in eine andere Welt verabschieden, aus den Augen..aus den Sinn.

    Gottseidank kommt das so gut wie nie vor…..auser wenn ….ahh, ä ich auf Befehl von oben hin meine Schwimu chauffieren darf.

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