Opel Corsa OPC

Die Diva der Eifel

Scuderia Hanseat. Über das Suchen und Finden der Ideallinie auf der gefürchteten Nürburgring-Nordschleife.

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Hab Ehrfurcht, Junge“, denke ich mir am Weg in die Eifel. Alle Sessions von der Playstation werden jetzt Realität. Mit dem Unterschied, dass nun jeder Anflug von Übermut kein Rütteln am Controller darstellt, sondern einen echten Abflug, Leitplanken-Abräumen inklusive. Die Rede ist von der Nürburgring-Nordschleife, die zu Recht als die anspruchsvollste und für viele auch schönste Rennstrecke der Welt gilt.

Abseits der virtuellen Welt empfehlen sich Profis, einem die Nordschleife näher zu bringen. Solches erledigt die Scuderia Hanseat als traditionsreicher Verein, der seit 1958 Sportfahrerlehrgänge auf dem Nürburgring abhält. Zweimal pro Jahr kommen hier an die 300 Fahrer zusammen, um die Faszination Nordschleife hochleben zu lassen. Das Starterfeld gleicht einer automobilen Hochleistungsschau (ein kleiner Auszug: Ferrari Italia, Mercedes SLS, Nissan GT-R, BMW M3, 911er in jeder Variation), man merkt gleich, dass die ­meisten hier mit finanzieller Unabhängigkeit gesegnet sind.

Arroganz oder Neider gibt es nicht, weil alle nur wegen ihr hier sind – der Diva. Der Anteil der Wieder­kehrenden ist enorm. Wer sich einmal mit dem Virus Nürburgring ­infiziert hat, kommt nicht mehr davon los. Eine Hassliebe mit der alten Dame. Wer sie liebt, lügt entweder oder ist zu langsam, heißt es.

Im Lehrgang wird die Strecke in zwölf Sektionen unterteilt, die Praxis wird immer nach demselben Prinzip vermittelt: Abfahren der Sektion mit dem Instruktoren-Taxi, erstes Beschnuppern. Kurz: Man kann alle Granturismo-Vorkenntnisse schlichtweg vergessen. Weil sich erst durchs Abgehen mancher Passagen die dritte Dimension eröffnet und man den süßen Wahnwitz dieser Strecke real zu spüren bekommt. Es gibt Schläge, Kompressionen und Sprunghügel, Belagswechsel, die man in der virtuellen Welt nie erleben kann.

Danach selber fahren, fünf, sechs Mal, bei jeder Rückfahrt gibt es Feedback und angestrengte Kurvendiskussionen. So arbeitet man sich Stück für Stück vorwärts, fixiert Brems- und Einlenkpunkte, Schlüsselstellen. Das flößt einem gehörig Respekt ein, ist die Diva doch von einem Null-Toleranz-Leitplankenkorsett eingeschnürt. Mit schlankem Fingerzeig weist unser Gruppencoach Stefan Beyer immer wieder auf frisch verlegte Leitschienen hin. Er braucht es nicht näher zu kommentieren.

Mit einem Opel Corsa OPC gehört man, gemessen am Schnitt, leistungsmäßig zu den sanft motorisierten Scuderia-Teilnehmern. Was aber nicht stört, da in den Schlüsselpassagen Motorleistung absolut nichts zählt, Linienkunde und Gefühl fürs Auto hingegen alles sind. Mit seinem narrensicheren Handling ist der OPC ein idealer Partner zum Lernen, man hat anfangs mit dem Suchen der Linie ohnehin genug zu tun. Außerdem sind Frontantrieb und ESP gewiss nichts Schlechtes, wenn das berühmte Eifelwetter zuschlägt.

„Du bist sauschnell, aber gefährlich unterwegs“, maßregelt mich Michael Müller, verantwortlich für die Sektion Schwedenkreuz. „Brems lieber vorher mehr runter und zieh es dann richtig durch. Du kannst hier nicht rumeiern, du musst das Schwedenkreuz richtig niederringen, immer auf Zug bleiben.“ Und das ist ein Ratschlag, der für die ganze Strecke gilt. Halte das Auto stets auf Zug und du wirst in einen berauschenden Kurvenswing kippen.

Tatort Fuchsröhre, freies Training: Eine Bergabpassage mit Linksknick in einer Kompression, der blind genommen wird. Man braucht Mut und Herz, dort im sechsten Gang stehen zu lassen, das Lenkrad mit gleich bleibendem Einschlag festzuhalten und der Fliehkraft so zu vertrauen, dass sie dich – saubere Linie vorausgesetzt – genau an den Kerbs wieder ausspuckt. Das Gesicht des Porschefahrers, den ich dort mit dem Opel Corsa OPC überholt habe – eine unbezahlbare Erinnerung. Als Anmerkung für alle, die meinen, dass der Corsa nicht mehr als ein herziges Einkaufswagerl sei.

Letzter Tag, Abschlussprüfung. 24 Instruktoren scannen deine Linie und vergeben Noten zwischen 1 (Walter-Röhrl-Style) und 10 (Detonation). Kurz: Ich hab’s versemmelt. Die Vorschusslorbeeren (Bester in der Startaufstellung des Opelteams) waren zu viel des Guten. In der Wertungsfahrt permanent zu schnell (nichts sieht von außen unsexier aus als ein untersteuerndes Auto), wurde ich gnadenlos nach hinten durchgereicht. Auch Instruktoren verzeihen nicht – wie die Diva. Mit ihr hab’ ich mich nur oberflächlich angefreundet, von Eroberung keine Spur. Wir werden uns wiedersehen.

Apropos:

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Korngesund (gusto.at)

 

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