Gute Nachricht: Die Mühen des Reichtums zahlen sich aus. Man weiß jetzt, wofür man sich so angestrengt hat. Der stärkste, schnellste, in höchster Brutalität auf vollzugsgerechte Performance ausgereizte Jaguar, somit der Marke kompromissloseste Straßenversion aller Zeiten*), ist ein Sehnsuchtsgenerator höchsten Wirkungsgrades. Zahlen sind nur Hilfreichungen: 550 PS, 4,4 Sekunden, 300 km/h. Brotkrumen für Dabeistehende.
Was wirklich passiert, sobald man den rot pulsierenden Startknopf gedrückt hat, wie das Leben in die Stränge fährt, wie der Klang, dieses tatsächlich raubtierhafte Grollen aus tiefer heißer Kehle, das Dasein durchdringt, wie dieser ganze mit Leidenschaft und teuren Zurichtungen angereicherte Existenzialismus in die Gänge kommt, erst spielerisch trabend mit lässig schlenkernden Gliedern, dann immer mehr sich verfestigend, sich auf seine technische Könnerschaft berufend und schließlich, wenn der Roots-Kompressor zulegt (über die viertausend Touren hinaus explodiert), einfach nur mehr frenetisch voranstürmt, von den manuell durchgeshifteten Gängen befeuert, als gäbe es kein Ende des Vorantreibens, was also wirklich passiert, ist: Man dankt sämtlichen Regelhoheiten, dass sie das Heck so lakonisch einfangen, wenn es im vierten Gang noch zu entgleiten droht unter der Macht der 680 Newtonmeter, die sich mit dem Kennlinienprofil eines Nilpferdrückens massiv erregen, und am Tacho steht 160.

Auch wenn man sich gerade nicht in der geeigneten Umlaufbahn befindet, sondern im Cruisingmodus die Nachbarschaft erfreut, zeigt der XKR-S bis dahin unerreichte Stärken. Er sieht einfach phantastisch aus in gestreckter Gliederung, mit dieser gekonnt akzentuierten Frontpartie, strukturiert nach den Leitmotiven faszinierender Mimikry: Barten, Kiemen, Luftabscheider, und mitten drin das Oval der Finsternis, getragen von einem massiven Karbon-Unterkiefer mit Krill-Reuse. Lange Motorhaube über dem Aluminium-V8, klassisches Greenhouse mit Türen-Taille und hinten noch einmal der große Abgang mit keiner Angst vor übertriebener Spoiler-Dramatik. Tempo dreihundert muss schließlich auf die Straße gebracht werden. Zusammen mit der Unterbodenstruktur entsteht ein Venturi-Effekt, der es erlaubt, den Gesamt-Anpressdruck gering zu halten, was der Vmax zugute kommt. Der Sound ist immer da, aber gut behütet; man hat das Kunststück geschafft, dieses expressive Klangbild hinterherfahren zu lassen, so dass es wie ausgelagert wirkt und nie lästig wird.
Man tut gut, die Momentangeschwindigkeit erstens immer vor Kurven, zweitens digital abzulesen, denn der eng kalibrierte Tachometer lässt kaum Unterscheidungen zwischen achtzig und 110 zu. Kaum streckt man ein wenig den Rist, ist man schon schlagzeilentauglich.

Das Dreispeichenlenkrad fest im Griff, den Blick durch das Drahtgespinst der heizbaren Windschutzscheibe (ein lästiges Ford-Erbe) über die Haube gelegt, die Schultern gegen die Sportsitze gestemmt, fühlt man gepflegte Need for Speed; Dank auch an die wie magnetisch zupackenden Bremszangen des Jaguar-Hochleistungsbremssystems, die den 1,8-Tonnen-Wagen fest und fein dosierbar im Griff haben. Hier hat der XKR schon gute Vorarbeit geleistet.
Allerdings verfeinerte man das Fahrwerk um vordere Aluminium-Achsschenkel, was der Gesamtsteifigkeit des Fahrgestells zugute kam; zugleich erhöhte man die Federraten, reduzierte die ungefederten Massen via Vulcan-Felgendesign und P-Zero-Reifen. Schließlich erlaubte man der Stabilitätskontrolle ein gelockertes Profil – mehr Vortrieb, weniger Spielverderb. Der XKR-S fühlt sich merkbar kompakter an als der XKR, ist kurvenbissig auch in kleineren Radien, zeigt keinerlei Durchhänger, einzig die Lenkung könnte etwas reaktiver sein. Dass hier über den Preis kein Wort verloren wurde, führt uns wieder an die erste Erkenntnis über den XKR-S zurück: Reichtum zahlt sich aus.
Mittlerweile gibt es ihn ja sogar offen:
PS:
*) Freilich nur, wenn man den gewaltigen, 350 km/h schnellen, in einer straßentauglichen Auflage von 281 Stück produzierten XJ220 von 1992 unberücksichtigt lässt, der als schnellstes Straßenfahrzeug überhaupt galt, ehe McLaren den F1 brachte.