Um neue Horizonte zu erkennen, muss man manchmal alte Mauern einreißen. Deshalb wollen wir – Sie verzeihen – erst einmal mit dem Vorschlaghammer eine fix geglaubte Grundregel zertrümmern: Größe, das ist nichts Absolutes, ein Zentimeter ist kein Zentimeter. Jedenfalls dann nicht, wenn gefühlsmäßiges Ermessen ins Spiel kommt. Dafür ein kleines Geschichtsbeispiel: Eine Elle war seinerzeit in Kurpfalz 53 Zentimeter lang, in Bayern 83 und anderswo irgendetwas dazwischen (Wiener Elle 77,3). Stimmt ja auch, nicht bei jedem ist die Mittelfingerspitze gleich weit vom Ellenbogen entfernt.
Dass der iQ mit seinen 2,99 Metern dreißig Zentimeter länger ist als ein zweisitziger Smart, dafür aber fünfzig Zentimeter kürzer als zum Beispiel der Suzuki Alto, macht einen zwar stolz, ist aber kein Supertrumpf. Außer in diesem einen lichtgestaltmäßigen Höhepunktsmoment deines Lebens, wenn du gerade dann an einer wie für dich gemachten Parklücke vorbeikommst, wenn du auch wirklich einen Parkplatz suchst und vor dir ein anderer wegen akuter Überlänge kapitulieren muss. Grundsätzlich findet man natürlich mit einem Dreimeter-Auto leichter eine Parklücke, als wenn man fünf Meter Lauflänge unterbringen muss. Was aber mehr ins Gewicht fällt, ist, was an Parkplatzverschnittresten jeweils Passendes übrig ist und wie man von der inneren Perspektive her mit dem knappen Raummaß auskommt – passagiermäßig, packtechnisch und vom Auslaufradius her.
Was am iQ besonders ist: Er hat auf seinen knapp unter drei Metern vier Sitze eingeschlichtet. Es gibt in der zweiten Reihe zwei Plätze mit umlegbaren Lehnen und schleckerförmigen Dünnpolster-Kopfstützen, die fürs Umlegen (und eine vernünftige Sicht nach hinten) entfernt werden müssen. Auf diesen Rücksitzen kann kein Erwachsener der westlichen Welt menschenwürdig sitzen. Kinder hingegen schon. Wobei folgende Rangordnung einzuhalten ist: Das größere Kind sitzt hinter dem Beifahrer (dem kein Lenkrad im Weg ist), das kleinste hinter dem Fahrer. Voluminöse Kindersitze müssen durch die Heckklappe über eine umgelegte Sitzlehne seitlich auf den betreffenden Sitz geschoben werden, weil sie nicht durch die Türe passen. Alle anderen mitreisenden Kinder (auch jenes, das eigentlich vorne sitzen soll) entdecken daraufhin die Heckklappe als fünfte Türe und werden von nun an ausschließlich von hinten in den iQ klettern wollen. Siehe weiterführendes Kapitel: Reinigung.
Wir sind während unseres 8312-Kilometer-Testlaufs mehrfach an die Grenzen gegangen. Aus alltagsgenerierter Notwendigkeit (Vollbesetzung) und aus Experimentierfreude (Bauhauseinkauf). Die Kinderaktionen waren lustig und weitgehend praktikabel, die Ladetätigkeiten hatten hingegen ihre Tücken. Bei aufgestellten Rücksitzlehnen ist der Kofferraum praktisch inexistent, es lassen sich maximal mittelformatige, dünne Künstlermappen verbringen. Bei umgelegten Rücksitzen fehlt Einkaufstaschen oder Stückgut etwas zum Anlehnen, nach der ersten härteren Bremsung kullern entlaufene Äpfel und Saftflaschen durchs Auto. Im schlimmsten Fall ist das ganze Einkaufssackerl kopfüber
in den Fußraum hinter die erste Reihe gestürzt, und die Maiskonserve hat dabei den Joghurtbecher leckgeschlagen.
Dem quadratischen Auftritt mit der kindlichen Mimikry steht die innere Anmutung eines vollwertigen Autos gegenüber. In der ersten Reihe hat man viel Platz und sitzt hoch, was einem einen guten Überblick aufs Geschehen rundum gibt. Das ist wichtig, weil man, ausgestattet mit einem Dreizylinder-Motor, der seine 68 PS erst bei 6000 Touren zusammengekletzelt hat, im Verkehrsgeschehen eher zu den Erdhörnchen als zu den Hyänen gehört. Durch Aufmerksamkeit profitiert man von den Denkpausen anderer. Das Lenken des iQ ist wegen des geringen Radstandes eine feinnervige Angelegenheit, mit zu viel Impetus wird das Bewegungsmuster eher nervös. Genial ist dafür der kleine Wendekreis, da kannst du auf noch so schmaler Straße in einem Zug umdrehen.
Erstaunlich ruhig läuft der iQ auf der Autobahn. Gut verträgt er eine Reisegeschwindigkeit von StVO-konformen 130 km/h, lässt sich notfalls aber auch auf 160 aufgitzen (wird dann aber laut). Im Schnitt hat der iQ in unseren Händen 6,8 Liter auf 100 Kilometer verbraucht bei naturgemäß deutlich höherem Stadt- als Highway-Anteil. Das enttäuscht ein wenig die hohe Erwartungshaltung, die ein so maximal reduziertes Auto mit enthält. Zudem gibt’s auch kein trendiges Start/Stop & Co-Diät-System, was den Schnitt kaum dramatisch senken dürfte, aber dem persönlichen Schlauheitsempfinden zuträglich ist. Wie das Tanken überhaupt dauernd Thema ist. Bei hoher Tageskilometerleistung sind wir manchmal alle zwei Tage an der Zapfsäule gestanden, 32 Liter sind wenig Proviant für einen Verbrauch, den man durchaus auch in der Kompaktklasse erreicht (und dann mit 20 Liter mehr Reserve). Und die Tankanzeige fühlte sich auch nicht großer Genauigkeit verpflichtet. Ein Gefühl für die Restreichweite zu entwickeln war schwer, nur einmal hat sich einer von uns getraut, 29 Liter herauszufahren.
Und weil wir gerade beim Unterhaltungswert von Elektronik sind: So gut der Touchscreen des Navigationssystems ist, so mühsam ist das kleine Pfriemel-Knöpfchen am Lenkrad, mit dem man die Lautstärke des Radios hoch- oder runterschubsen muss. Auch fehlt bitterlich eine Mute-Taste, wenn Headbanging angesagt ist und Tante Frieda gerade am Blue-Tooth-Ohrstöpsel anklopft. Und die abknöpf- und mitnehmbare Handschuhfach-Handtasche ging eher an unseren Gewohnheiten vorbei. Anders das Starten ohne Schlüssel, damit haben wir anderswo schon gut leben gelernt.
In Summe ist der Winz-Toyota eine schlau verklappte Elle Auto, es fehlen ihm über die reine Längenbeschränkung hinaus aber die kleinen Überraschungen der Technik-Moderne. Was bleibt, ist ein iQ von 2,99. Meter.
…dem Daumenpflaster zur Folge dürfte Tante Frieda ganz schön oft angeklopft haben… ;-)