Fahrbericht Maserati Gran Cabrio

37,2 Grad am Morgen
Konzentriertes Lauschen im warmen Wind oder weiches Verdeck und das Fauchen des Achtzylinders.

Shortcut

Was wir mögen

Die geschmeidige Klassik des Auftritts, die Bedienung und das Karosserie-­Design (was für ein schönes Maul er doch hat!)

Was uns überrascht

Viel Länge, viel Gewicht, und doch kein bisschen schwerfällig.

Was uns fehlt

Wir mögen den V8 als Sauger in seiner ehrlichen Performance. Aber 19,2 Liter Verbrauch? Das tut weh.

Die Konkurrenz

Viersitzige Deluxe-Cabrios (Bentley, BMW) und auch offene Sportwagen mit knapperen Fondsitzen (Jaguar).

Daten

Maserati Gran Cabrio: € 172.944,- 2 Türen, 4 Plätze, Länge 488 cm, V8-Zylinder-Sauger, 6-Gang-Automatik, Heckantrieb. 4691 ccm, 323 kW (440 PS), 490 Nm, 283 km/h, 0-100 in 5,3 sec, 358 g CO2 pro km, MVEG-Verbrauch 23,9/10,4/15,4 (D), AR-Testverbrauch 19,2 l.

Maserati in der körperlichen Kontaktaufnahme: Ein rauchiges Fauchen dringt über das Trommelfell in den Körper ein, pflanzt sich an die Hautoberfläche fort, hakt an der Wirbelsäule ein, am Zentralnervenstrang. Jetzt hat er dich, der Achtzylinder, der aus den Tiefen des Maserati aufgefahren ist, mit einem heiseren Auf­blecken, einem ahnungsvollen Aufblaffen aus dem Dämmungszwinger der Karosserie.

Maserati Gran Cabrio

Besonders fein klingt es, wenn man das Verdeck des Gran Cabrios schon zurückgeschlagen hat und so auch die zart ziselierte Außenwirkung des Feuers mitbekommt, das da gezündet wird. Die Temperatur steigt jedes Mal ein bisschen, wenn man den Schlüssel im Schloss auf Start dreht.

Schlüssel im Schloss. Genau. Kein Start-Stopp-Knopf als Kommando-Durchgriffs-Insignie der Moderne. Das Gran Cabrio ist klassisch ausbuch­stabierter Luxus. Opulent und gleichzeitig zurückhaltend. ­Alleine die Form: Ein kraft­voller Metallkörper, gezeichnet von Pininfarina, mit einem ­fordernd vorgestülpten Maul, einem luftschlürfenden, und mit mächtigen Muskeln, die an den hinteren Backen zu ­großem Spannungsdrama auflaufen, den Heckantrieb betonend und die Kraft, die auf ihn ­einwirkt.

Maserati Gran Cabrio

Die Länge des Wagens macht großen Eindruck, präsenzmäßig, aber ohne übergewichtig zu wirken. 4,88 Meter sind selbst in den unzimperlichen Dimensionen wahrer Wohlhabenheit eine Rarität. Die meiste Zeit spürt man nichts von der enormen Lauflänge und dem Gewicht, das die Cabrio-Version des an sich schon nicht leicht­gewichtigen Coupés mit sich bringt. 440 PS leistet der V8-Saugmotor. Das ist ein würdiges Gegengewicht zu über zwei Tonnen. 100 Kilo wiegt das Cabrio mehr als der GranTurismo. Man nimmt sie gerne in Kauf, weil die Verstärkungen in der Karosserie einen tatsächlich völlig verwindungsfreien Körperbau ergeben. In schnellen Kurvenfolgen spürt man natürlich die Größe des Wagens, seine solide Konstruktion und die satte ­Straßenlage machen es einem aber leicht, eine präzise Linie zu halten. Keinesfalls kann von Mühe und Arbeit die Rede sein.

Maserati Gran Cabrio

Ist das Gran Cabrio offen, bleibt man vom Fahrtwind ­nahezu unbehelligt, selbst wenn kein Windschott über die Rücksitze gespannt ist. Man greift nur auf das Klapp-Rahmen-Teil zurück, wenn die beiden Sitzkuhlen, die wegen der großzügigen Platzverhältnisse im Wagen durchaus komfortabel zum Sitzen geeignet wären, als Transportraum genutzt werden. Leichtes Gut neigt in den Windverwirbelungen nämlich gerne zum Abflug.

Mit dem Kofferraum wird man im Gran Cabrio nur dann glücklich, wenn sich die Leichtigkeit des Reisens durch kleines, sehr kleines Gepäck ausdrückt. 173 Liter bringen einen nicht weit. Der Raum ist mit dem gefalteten und in seiner Hülle verstauten Windschott schon reichlich ausgefüllt. ­Wenigstens ist zwischen Offen- oder Nicht-Offen-Fahren kein Unterschied. Das Stoffverdeck ist nicht nur gewichtsmäßig (65 Kilo) und stilistisch eine glückliche Lösung, es faltet sich auch Platz sparend zwischen Abdeckung und Staufach.

Maserati Gran Cabrio

Geschlossen fühlt sich das Gran Cabrio auch höchst ­wohlig an. Das dreilagige Stoffdach dimmt die Geräusche der ­Außenwelt feinfühlig weg und lässt vom Achtzylinder, der übrigens nie – auch im hochtourigen ­Bereich nicht – peinlich laut wird, nur übrig, was man gerne hören möchte. In dieser abgeschirmten Ruhe ist dann auch das Grummeln und Beben, das die Verbrennungskräfte erzeugen, deutlicher zu spüren.

Die Lederlandschaft drinnen ist eine Augenweide. In unserem Fall war sie passend zum klaren Dunkelblau des Lacks in hellem Beige und passendem Blau gehalten. Einzig das polierte weißliche Holz des Lenkrads brauchte seine Zeit, um von ­Assoziationen mit Einbauküchen (freilich solchen höchsten Luxusgrads) abzurücken. Als sich die Lichter der Nacht darin so schön fingen und zur Bildspur eines High-End-Road­movies wurden, war die Sache dann klar. Zart klicken die ­Magnetverschlüsse an den ­Lederschlaufen, die den Gurt führen, wenn die Fondpassagiere ausgestiegen sind. Und leise surrt das Gestühl in die Position des Alleinseins zurück. Einzig den Marken-Schriftzug über der blütenblattförmigen Analoguhr, eine Unverbrüchlichkeit der ­Maseratihaftigkeit übrigens, wünschen wir uns weniger schlicht gestanzt. Erhaben soll er sein. Wie das Auto.

Cover Autorevue 12/2011